Ein Gastbeitrag von Nicole Großmann
Vereinbarkeit wird häufig diskutiert, als ließe sie sich vor allem durch bessere Planung lösen. Zeitmanagement, To-do-Listen, perfekte Strukturen. Die implizite Botschaft: Wer nur gut genug organisiert ist, bekommt alles unter einen Hut. Doch die Realität fühlt sich anders an.
Als Mutter von drei Söhnen und Unternehmerin kenne ich dieses Spannungsfeld nicht aus Konzepten oder Modellen, sondern aus meinem eigenen Alltag – einem Alltag, der ebenso erfüllend wie herausfordernd, ebenso lebendig wie gelegentlich chaotisch ist. Zwischen Familienleben, Verantwortung und Geschäftsaufbau wurde mir eines klar:
Vereinbarkeit ist nicht primär ein organisatorisches Problem. Sie ist eine Entscheidung.
Eine bewusste innere Haltung.
Ich habe mich entschieden, Mutter zu sein. Und ich habe mich ebenso entschieden, meinen beruflichen Weg zu gehen. Nicht halb, nicht begleitet von dauerhaftem schlechtem Gewissen, sondern mit dem Anspruch, beide Rollen ernst zu nehmen.
Denn das Leben funktioniert nicht in Prozentzahlen. Es funktioniert in Prioritäten.
Es gibt Tage, an denen die Familie im Mittelpunkt steht. Tage, an denen meine Kinder mehr Raum brauchen, mehr Aufmerksamkeit, mehr Präsenz. In solchen Momenten tritt das Business nicht zurück, weil es unwichtig wäre, sondern weil etwas anderes gerade dringlicher ist.
Und es gibt Phasen, in denen unternehmerische Verantwortung Klarheit, Fokus und volle Energie verlangt. Entscheidungen, Entwicklungen, Wachstum. Dann darf auch das Unternehmen Priorität haben.
Nicht gegen die Familie – sondern für das große Ganze.
Vereinbarkeit bedeutet für mich daher vor allem eines: Verantwortung.
Die Verantwortung über die eigene Zeit übernehmen.
Die Verantwortung über die eigene Energie übernehmen.
Die Verantwortung über die eigenen Entscheidungen übernehmen.
Nicht getrieben von äußeren Erwartungen oder gesellschaftlichen Idealbildern, sondern getragen von Klarheit. Klarheit darüber, dass weder Perfektion noch permanente Selbstoptimierung tragfähige Lösungen sind.
Meine eigene Geschichte hat mir diese Haltung nicht theoretisch vermittelt, sondern erfahrbar gemacht. Geboren in der DDR, erlebte ich als Jugendliche den Mauerfall – einen vollständigen Umbruch, einen Neuanfang ohne Blaupause. Diese Erfahrung hat mich geprägt. Sie hat mir gezeigt, dass Veränderung selten bequem ist, aber fast immer eine Chance in sich trägt.
Später habe ich gemeinsam mit meiner Mutter ein Unternehmen aufgebaut – Schritt für Schritt, mit Ausdauer, Unsicherheit, Lernprozessen und dem ständigen Anspruch, Familie und berufliche Entwicklung miteinander zu verbinden.
Heute weiß ich: Vereinbarkeit entsteht nicht im Außen. Sie entsteht innen.
Sie beginnt mit der Entscheidung, Verantwortung zu übernehmen – für die eigenen Ziele ebenso wie für die eigene Lebensrealität. Nicht perfekt, nicht makellos, sondern bewusst.
Kinder brauchen keine perfekte Mutter.
Unternehmen brauchen keine perfekte Unternehmerin.
Was beide brauchen, ist eine authentische Führungspersönlichkeit.
Eine Frau, die Entscheidungen trifft.
Eine Frau, die Prioritäten setzt.
Eine Frau, die versteht, dass Balance kein statischer Zustand ist, sondern ein dynamischer Prozess.
Vielleicht liegt die größte Entlastung für viele Frauen genau darin: Vereinbarkeit nicht länger als ständigen Kampf um perfekte Organisation zu betrachten, sondern als Ausdruck einer klaren inneren Haltung.
Nicht „Wie schaffe ich alles gleichzeitig?“ Sondern „Wie entscheide ich bewusst?“
Denn genau dort beginnt echte Vereinbarkeit.
Die Autorin:
Nicole Grossmann ist Mutter von drei Söhnen und hat zusammen mit ihrer Mutter ein Unternehmen aufgebaut. Sie weiß wie sich der Alltag zwischen Familienleben und Unternehmertum anfühlt und möchte Frauen bestärken, ihren eigenen Weg zu finden, auch wenn er nicht immer geradlinig ist.
Bildbeitrag: Karina Sagitova; Depositphotos / ridofranz