Sechs Jahre lang war Jan Schütte Ingenieur bei Toyota, bevor er sich entschloss, den Sprung in die Modewelt zu wagen – ohne Vorerfahrung, ohne Netzwerk, aber mit einem klaren Plan. Heute steht er hinter dem Maßhemdenanbieter lechemiseur.fr aus Paris. Im Interview erzählt er, wie dieser ungewöhnliche Weg begann und warum seine Konfektion ohne Maßband auskommt.
Jan, dein Werdegang ist alles andere als klassisch für die Modebranche. Sechs Jahre bei Toyota in der Supply Chain und dann Maßhemden. Wie kam es dazu?
Bei Toyota habe ich vor allem eines gelernt: Verschwendung ist der größte Feind eines guten Produkts. Alles wird nur dann produziert, wenn es wirklich gebraucht wird. In der Mode ist es genau umgekehrt – große Lager, hohe Retourenquoten, massive Überproduktion. Irgendwann habe ich mich gefragt, ob sich dieses System auch auf Kleidung übertragen ließe. 2014 habe ich gekündigt und in Paris LE CHEMISEUR gegründet, mit dem Ziel, genau dieses Prinzip auf Maßhemden anzuwenden.
Der Wechsel von der Automobilindustrie in die Mode klingt nach einem Sprung ins kalte Wasser.
Das war es auch. Ich hatte weder Erfahrung mit Stoffen noch ein Netzwerk in der Branche. Aber ich hatte ein tiefes Verständnis für Prozesse, Daten und Qualität. Die ersten Jahre waren hart: Produktentwicklung, Partner finden, Kunden gewinnen. Es hat eine Weile gedauert, bis wir ein stabiles Setup hatten.
Euer Ansatz basiert stark auf Technologie. Was genau macht eure KI?
Wir wollten den Prozess rund um Maßhemden radikal vereinfachen. Statt komplexer Vermessung braucht es bei uns nur drei Angaben: Größe, Gewicht und Alter. Unsere KI berechnet daraus die Passform, basierend auf Kundendaten. Sie berücksichtigt sogar Materialeigenschaften wie Elastizität oder Schrumpfverhalten. Das Ergebnis ist eine Retourenquote von rund 5 Prozent – deutlich unter dem Branchenschnitt.
Das widerspricht der klassischen Vorstellung, dass Maßarbeit nur analog funktioniert.
Ein Schneider arbeitet sehr individuell, aber eben auch mit einer begrenzten Anzahl an Kunden. Unser Ansatz ist ein anderer: Wir versuchen, aus vielen Daten Mustern zu erkennen. Die KI kann einschätzen, wie sich die Körperproportionen je nach Alter verändern oder welche Stoff-Schnitt-Kombinationen die beste Passform ergeben. Mit jeder Bestellung wird das System besser. Ergänzt wird das durch unseren Passform-Schlüssel, ein persönlicher Code, der Nachbestellungen extrem einfach macht und die Passform weiter verfeinert.
Nun wollt ihr in den DACH-Markt expandieren. Warum dieser Schritt gerade jetzt?
Der DACH-Markt war für mich als Deutscher immer ein Ziel. Wir wollten aber erst ein Produkt, das wirklich ausgereift ist.
Produziert wird in Tunesien und Portugal. Wie lässt sich das mit Nachhaltigkeit vereinbaren?
Nachhaltigkeit beginnt für uns beim Geschäftsmodell. Wir produzieren ausschließlich auf Bestellung, es gibt keine Überproduktion. Unsere Partner sind langfristig aufgebaut. Unser Atelier in Tunesien beschäftigt über 70 Festangestellte. Die Stoffe kommen aus Europa, produziert wird ohne Luftfracht und ohne Plastik.
Welchen Rat würdest du anderen Gründern geben?
Starte nicht mit einer Idee, sondern mit einem echten Problem. In unserem Fall war es die schlechte Passform von Standardhemden und die enorme Verschwendung in der Branche. Wenn das Problem relevant ist, kommen die Kunden von selbst. Und: Hab einen langen Atem. Wir arbeiten seit über einem Jahrzehnt an diesem Thema. Es gibt keine Abkürzungen – aber Daten helfen, schneller die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Unser Gesprächspartner:
Jan Schütte ist Gründer des Maßhemdenanbieters LE CHEMISEUR.
Beitragsbilder: Tugdual Savi