Steve Jobs oder Bill Gates – sie sind die Großväter aller Gründer des Computerzeitalters. Schwer zu sagen, wie sich die Welt ohne ihr visionäres Tun entwickelt hätte. Und auch, wenn beide als Vorbilder für junge Menschen gelten, dienen sie nicht als Blaupause. Die Gründerszene hat sich in den letzten Jahrzehnten radikal verändert. Waren es früher vor allem Hardware- und Internetinfrastruktur-Start-ups, die das Bild prägten, so dominiert heute eindeutig das Thema Künstliche Intelligenz (KI) die Innovationslandschaft. Dieser Wandel spiegelt nicht nur technologische Fortschritte wider, sondern auch einen tiefgreifenden Wandel im Zeitgeist und in der Art und Weise, wie Start-up-Finanzierungen stattfinden.
In den Pionierzeiten der Tech-Gründerszene standen vor allem Basisinnovationen und echter Pioniergeist im Vordergrund. Jobs und Gates starteten in Garagen und konzentrierten sich auf grundlegende Hardware- und Software-Lösungen. Der Zeitgeist war von einer Mischung aus Entdeckerfreude und vorsichtigem technologischen Optimismus geprägt. Kapital war vergleichsweise schwerer zugänglich, Investitionen erfolgten in kleineren Runden und mit Fokus auf langfristige Gewinne. Die Szene war weniger globalisiert, mit Zentren im Silicon Valley und wenigen anderen Hotspots. Milliardenbewertungen waren absolute Ausnahmen und für Entwicklungen wie KI fehlte noch die Vorstellungskraft.
Heute hat sich das Bild grundlegend gewandelt. KI ist der bestimmende Trend, der nahezu alle Branchen durchdringt – vom Gesundheitswesen bis zur Finanzindustrie. Die McKinsey-Studie »The State of AI 2024« zeigt den rasanten Anstieg der Nutzung generativer KI in Unternehmen – von 33 auf 65 Prozent in nur einem Jahr Der Zeitgeist ist umgeschwenkt von vorsichtigem Optimismus hin zu teils übertriebenem Hype, in dem KI als Allheilmittel für fast jedes Problem angepriesen wird. Selbst prominente Stimmen wie Sam Altman, CEO von OpenAI, warnen öffentlich vor einer möglichen »KI-Blase«.
Schritt in die Zukunft
Die heutige KI-Gründerszene ist geprägt durch Rekordbewertungen, wie das Beispiel OpenAI zeigt, das mit bis zu 300 Milliarden US-Dollar bewertet wird. Solche Mega-Finanzierungsrunden – eine Runde brachte kürzlich 40 Milliarden US-Dollar ein – werden von Investoren wie SoftBank und Microsoft getrieben. Gleichzeitig ist die Szene globaler denn je, mit starken Zentren in den USA, China und Europa. Doch diese Entwicklung hat auch Schattenseiten: Die Kapitalverteilung konzentriert sich zunehmend auf einige wenige große Player, während kleinere Start-ups um Finanzierung kämpfen müssen.
Der aktuelle Zeitgeist oszilliert zwischen KI-Euphorie und Angst vor realer Disruption. Diese Ambivalenz zeigt sich in verschiedenen gesellschaftlichen Entwicklungen: Regulatorische Herausforderungen nehmen zu, da die EU und OECD Compliance-Anforderungen verschärfen, um riskante Geschäftsmodelle einzudämmen. Die Herausforderung für die nächste Gründer-Generation könnte darin bestehen, die Balance zwischen Innovation und Verantwortung, zwischen globaler Skalierung und regionaler Verankerung zu finden. Die Legenden von heute sind nicht die Blaupausen für morgen – die Zukunft des Gründertums liegt in der Fähigkeit, eigene Wege zu gehen und dabei die Lehren aus beiden Ären zu vereinen.
MK
Bild: IMAGO / ZUMA Press Wire