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Vom Fahrradkeller zur Franchise-Marke: Wie ein Tonstudio zur skalierbaren Plattform wurde

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Vom Fahrradkeller zur Franchise-Marke: Wie ein Tonstudio zur skalierbaren Plattform wurde

Mitten in der Diskussion um Digitalisierung, Plattformökonomie und Kreativarbeit hat Johan Prinz schon sehr früh einen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen: Sound als System. Was als selbstgebautes Tonstudio im Fahrradkeller begann, ist heute ein wachsendes Franchise-System mit bundesweiten Standorten, ein eigenes Label und ein Verlag. Im Interview spricht er über unternehmerische Entscheidungen jenseits von Hype und Romantisierung, über die Herausforderung, analoge Kreativität in skalierbare Prozesse zu übersetzen und darüber, warum Fokus für ihn wichtiger ist als jedes neue Geschäftsversprechen.

Mit Anfang 20 ein eigenes Studio-Franchise aufzubauen, ist mehr als ungewöhnlich. Was hat dich damals davon überzeugt, dass aus einem Raum in Recklinghausen eine skalierbare Marke werden kann?

Ich hatte in jungen Jahren immer den Traum, selbst Musiker zu werden, und habe deshalb mit 15 Jahren mein erstes Tonstudio im 8-qm-Fahrradkeller meiner Eltern gebaut. Das Studio sollte ursprünglich nur dabei helfen, Musik für meine eigene Karriere zu produzieren. Das hat sich dann in einer kleinen Stadt wie Recklinghausen schnell rumgesprochen und ich habe angefangen, gemeinsam mit Freunden auch für andere Leute zu produzieren. Mit der Zeit sind wir umgezogen und haben uns zweimal vergrößert, bis wir das Studio Ende 2021 auf über 300 qm skaliert haben. Anfang 2022 habe ich dann XATAR kennengelernt und war das ganze Jahr 2022 als Label-Manager für Goldmann Music tätig (dem Musiklabel von XATAR). In der Zeit habe ich viele Künstler und Produzenten kennengelernt und mit vielen zusammengearbeitet. Goldmann hatte damals Artists aus vielen verschiedenen Regionen unter Vertrag. Dabei ist mir aufgefallen, dass es gar nicht so einfach ist, an jedem Standort ein Tonstudio mit gleichbleibend guter Qualität zu bekommen. So bin ich auf die Idee eines einheitlichen Franchise-Systems gekommen. Nach dem Motto: Wenn wir es schaffen, ein Studio in Recklinghausen erfolgreich zu betreiben, dann schaffen wir das auch in Berlin, Frankfurt oder Köln. Nach meiner Zeit bei Goldmann (Anfang 2023) haben wir dann mit der Gründung unseres Systems angefangen – und am 16.03.2023 eröffnet.

Viele sprechen über Digitalisierung in der Musikbranche – du hast sie umgesetzt. Was war für dich die größte unternehmerische Herausforderung bei der Verbindung von analogem Studio-Erlebnis und digitalem Buchungssystem?

Das größte Problem ist es sicher, eine Dienstleistung, die analog ausgeführt wird, zu digitalisieren. Genau deswegen haben wir auch ein Franchise-System gegründet und kein »Airbnb für Studios« bei dem jedes Tonstudio seine Dienstleistung verkaufen kann. Wir wollten Systeme schaffen, die garantieren, dass jedes Studio den Kunden eine einheitliche Dienstleistung auf vergleichbarem Niveau bieten kann. Wir vermitteln nicht nur Aufträge und machen Marketing, sondern bieten zusätzlich unzählige Assets, die ein Tonstudio auf das nächste Level bringen und wirtschaftlich machen. Dazu gehören unter anderem die Verbesserung der Infrastruktur, der Abläufe und des CRMSystems.

Du arbeitest mit einem dezentralen Netzwerk aus Standortpartnern, Produzenten und Artists. Wie führst du ein wachsendes System, ohne die kreative Qualität und Vision zu verlieren?

Erstmal habe ich gute Partner und Mitarbeiter. Ohne so ein starkes Team würde das nicht funktionieren. Jeder hat seine Kernbereiche, und ich bin natürlich nicht in allen Bereichen die direkte Leitung. Ich konzentriere mich aktuell sehr stark auf das Verlagswesen und unsere Künstler und bin etwas weniger im Franchise-Bereich unterwegs. Außerdem haben wir regelmäßige Meetings, in denen wir uns im Team austauschen, um zu schauen, wo man Prozesse verbessern und neue Schritte gehen kann. Ein klarer Vorteil entsteht auch durch die Summe unserer Franchise-Standorte (mittlerweile 17). Alle tragen dazu bei, dass sich das System ständig verbessert, weil wir den Input einzelner Studiobetreiber sofort systematisieren können und einheitlich auf alle Standorte übertragen.

Zwischen Label-Management bei XATAR, Franchising und eigenem Musikverlag: Wie hast du für dich herausgefunden, welcher unternehmerische Weg wirklich zu dir passt – und wo ziehst du heute die Grenzen?

Ich glaube, das Wichtigste ist, sich nicht zu verzetteln. Jeder Unternehmer kennt die Anrufe, bei denen ein Geschäftspartner eine neue, spannende Idee hat. Hier ist es wichtig, sich auf seine Kerngeschäfte zu konzentrieren und nicht auf jeder Hochzeit zu tanzen. Wir sind zum Beispiel sehr engagiert in den Bereichen Tonstudios, Verlag und Label – aber halten uns aktuell komplett aus dem Live-Bereich raus. Wir haben klare Ziele und Visionen, in welchen Bereichen wir wann stehen wollen, und denen folgen wir. Als Geschäftsführer muss man sich jeden Tag fragen: Was kann ich meiner Firma heute Abend sagen, wie ich sie weitergebracht habe?

Wenn du auf junge Gründer in der Kreativbranche blickst – was rätst du ihnen im Umgang mit Tempo, Druck und Selbstvermarktung?

Ich glaube, da bin ich der falsche Ansprechpartner. Ich gehe jeden Tag so gerne ins Büro, dass ich eigentlich nur zu einer Work-Work-Balance raten kann – das ist aber sicher nicht für jeden der richtige Ansatz. Ich glaube, das Wichtigste ist es (jetzt kommt eine Floskel), Spaß an der Arbeit zu haben und in einer Gemeinschaft zu arbeiten, in der man sich wohlfühlt. Wenn das mit Erfolgen einhergeht, dann nimmt man ein hohes Tempo oft gar nicht so wahr.

 

Bild: privat

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