Im aufsehenerregenden US-Prozess um das Suchtpotenzial sozialer Medien hat Meta-Chef Mark Zuckerberg vor Gericht ausgesagt und dabei Schwächen bei der Alterskontrolle eingeräumt. Gleichzeitig wies der Konzern die Vorwürfe zurück, seine Plattformen seien gezielt so gestaltet, dass sie Nutzer — insbesondere Minderjährige — abhängig machen.
Der Fall gilt als möglicher Präzedenzfall mit enormen wirtschaftlichen Konsequenzen. Kläger werfen Meta vor, Funktionen wie endloses Scrollen oder algorithmische Inhalte bewusst eingesetzt zu haben, um die Nutzungsdauer zu maximieren. Genau diese Verweildauer ist jedoch der zentrale Treiber der Werbeeinnahmen sozialer Netzwerke.
Sollte ein Gericht feststellen, dass Plattformdesign aktiv schädliche Effekte erzeugt, drohen tiefgreifende regulatorische Eingriffe. Experten ziehen bereits Parallelen zur Tabakindustrie, die nach erfolgreichen Klagen Milliardenentschädigungen zahlen und ihre Werbung stark einschränken musste.
Für Meta und andere Anbieter steht damit weit mehr auf dem Spiel als einzelne Schadenersatzforderungen. Strengere Alterskontrollen, Nutzungsbeschränkungen oder Einschränkungen algorithmischer Empfehlungen könnten die Zeit, die Nutzer auf den Plattformen verbringen, deutlich reduzieren — und damit direkt die Werbeumsätze treffen.
Besonders kritisch wäre ein Szenario, in dem Plattformen für die Auswirkungen ihrer Designentscheidungen haftbar gemacht werden. In diesem Fall könnten weitere Klagen folgen, da der aktuelle Prozess als Musterverfahren für zahlreiche ähnliche Fälle gilt.
Darüber hinaus könnte ein negatives Urteil auch das Vertrauen von Werbekunden beeinträchtigen. Unternehmen vermeiden zunehmend Umfelder, die mit gesundheitlichen Risiken oder gesellschaftlicher Kritik verbunden sind. Bereits in der Vergangenheit führten Debatten über Datenschutz oder Desinformation zu Werbeboykotten einzelner Plattformen.
Langfristig könnte das Verfahren daher zu einer strukturellen Veränderung des Geschäftsmodells führen. Social-Media-Konzerne müssten stärker auf sichere Nutzung, Abonnements oder alternative Erlösquellen setzen, falls personalisierte Werbung aufgrund regulatorischer Vorgaben eingeschränkt wird.
Unabhängig vom Ausgang zeigt der Prozess bereits jetzt, wie stark die wirtschaftliche Zukunft der Branche mit Fragen des Nutzerwohls verknüpft ist. Plattformen, die ursprünglich als Technologieunternehmen gestartet sind, werden zunehmend wie regulierte Industrien behandelt — mit entsprechenden Risiken für Wachstum und Profitabilität.
SK
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