Finanzen

Frank Thelen und die Kunst, den eigenen Ansatz zu korrigieren

Aus dem schwierigen Start seines ersten Techfonds entstand ein Umbau des Investmentgeschäfts – und inzwischen eine ganze Produktfamilie

7 Min.

04.09.2026

Frank Thelen kennt die Rolle des Urteilenden. In »Die Höhle der Löwen« hörte er Gründern zu, prüfte Geschäftsmodelle, stellte unbequeme Fragen und entschied anschließend, ob er investieren wollte. 2021 wechselten die Rollen. Mit seinem ersten Publikumsfonds musste der Unternehmer plötzlich selbst jeden Börsentag zeigen, ob seine Investmentthese funktioniert. Der Start verlief erheblich schwieriger als erhofft. Doch fünf Jahre später ist die interessantere Geschichte nicht mehr der damalige Kursverlauf. Es ist die Frage, was ein Unternehmer tut, wenn der Markt seine ursprüngliche Vorstellung nicht bestätigt.

Ausgerechnet der erste Schritt führte in einen schwierigen Markt

Als der damalige 10xDNA Disruptive Technologies im September 2021 startete, setzte Thelen auf das Terrain, das er aus seinem bisherigen Berufsleben besonders gut kannte: Technologien mit hohem Wachstumspotenzial, Gründerteams und Geschäftsmodelle, die bestehende Märkte verändern könnten.

Seine Erwartungen waren entsprechend ambitioniert. Thelen hielt es für möglich, das eingesetzte Kapital innerhalb von vier bis acht Jahren ungefähr zu verdreifachen. Er investierte nach eigenen Angaben selbst mehr als zehn Millionen Euro in den Fonds. Eine Garantie sei das nicht, betonte er. Gerade das konzentrierte Technologieportfolio sei mit erheblichen Risiken verbunden.

Dann änderte sich das Marktumfeld.

Mit der Zinswende gerieten Wachstumsaktien weltweit massiv unter Druck. Der Fonds verlor 2022 mehr als die Hälfte seines Werts. Thelen beschrieb den Start später selbst als Zusammentreffen mit einem historischen Ausverkauf von Wachstumsaktien.

Für einen Unternehmer wie ihn hätte die naheliegende Reaktion darin bestehen können, ausschließlich auf dieses Marktumfeld zu verweisen.

Interessanter ist, dass er es nicht dabei belässt.

»Wir haben vor allem gelernt«

Im Sommer 2024 wurde Thelen im Private Banking Magazin gefragt, was er aus den ersten schwierigen Jahren mitgenommen habe.

Seine Antwort: Es sei ein »Bumpy Ride« gewesen. Man habe vor allem gelernt, mehr Finanzdisziplin in den Investmentprozess zu bringen. Anfangs sei der Blick auf Technologie und Teams zu stark von seiner Erfahrung als Venture-Capital-Investor geprägt gewesen.

Das ist ein bemerkenswerter Satz, weil er einen Unterschied offenlegt, der leicht übersehen wird.

Bei einem Start-up kann ein Investor bewusst über viele Jahre auf eine Technologie setzen, während Bewertung und kurzfristige Liquidität eine geringere Rolle spielen. Eine börsennotierte Aktie erhält dagegen jeden Handelstag einen neuen Preis. Zinsen, Marktstimmung, Kapitalbedarf und Bewertung können deshalb selbst dann entscheidend sein, wenn die langfristige technologische These stimmt.

TEQ zog daraus konkrete Konsequenzen. Das Team wurde um klassische Finanz- und Kapitalmarktexpertise erweitert. Neben Technologie und Management sollen Cashflows, Liquidität, Bewertung und finanzielle Robustheit stärker in die endgültige Investmententscheidung einfließen.

Thelen hat also nicht aufgehört, Technologieunternehmen durch eine unternehmerische Brille zu betrachten. Er hat eine zweite Brille daneben gelegt.

Auch die Kommunikation bekam eine Korrektur

Die vielleicht interessantere Selbstreflexion betrifft jedoch nicht das Portfolio.

Thelens hohe Renditeerwartungen machten den Fonds von Anfang an zu einem öffentlichen Versprechen, obwohl er sie selbst als persönliche Erwartung verstand. Als die Kurse fielen, wurde deshalb nicht nur über die Performance gesprochen, sondern über seine Glaubwürdigkeit. Rückblickend würde er möglicherweise defensiver kommunizieren, sagte Thelen 2024.

Für Gründer steckt darin eine ziemlich universelle Erfahrung.

Ambition gehört zum Unternehmertum. Wer ein neues Produkt entwickelt, muss an eine Zukunft glauben, die andere noch nicht sehen. Das Problem beginnt dort, wo aus einer ambitionierten internen Erwartung nach außen eine Messlatte wird, an der jede Zwischenstation bewertet wird. Der Markt erinnert sich an Zahlen. Und er vergisst sie deutlich langsamer als derjenige, der sie ausgesprochen hat.

Nicht zurückziehen, sondern umbauen

TEQ reagierte auf die ersten Jahre nicht mit dem Rückzug aus dem Fondsgeschäft.

2023 folgte ein Small-&-Mid-Cap-Fonds, der stärker auf kleinere und mittelgroße Technologieunternehmen ausgerichtet ist. 2024 wurde aus 10xDNA die Marke TEQ Capital. Mit der Umbenennung wollte das Unternehmen nach eigener Darstellung auch die missverständliche Verbindung zwischen dem früheren Namen »10x« und der Vorstellung permanenter Tenbagger-Erwartungen lösen.

Anfang 2026 folgte ein weiterer Schritt: TEQ brachte erstmals einen ETF an die Deutsche Börse, der konzeptionell sehr interessant ist. Der General Artificial Intelligence ETF versucht nicht, ausschließlich einige wenige spätere KI-Gewinner auszuwählen. Er bildet einen Index mit Unternehmen aus fünf Teilen der Wertschöpfungskette ab – von KI-Entwicklern über Chips und Chipfertigung bis zu Recheninfrastruktur, Datenplattformen und IT-Sicherheit. Einzelne Positionen werden beim Rebalancing grundsätzlich auf drei Prozent begrenzt.

TEQ begründet den passiven Ansatz damit, dass sich in einem so jungen und schnell verändernden Markt die einzelnen Gewinner nur schwer dauerhaft vorhersagen ließen. Bestimmte Unternehmensgruppen, die von KI profitieren dürften, seien dagegen bereits erkennbar.

Das ist keine Abkehr von Thelens Technologieüberzeugung. Es ist eine andere Art, sie in ein Finanzprodukt zu übersetzen.

Inzwischen sieht auch die Bilanz anders aus

Der erste Fonds notiert heute wieder über seinem ursprünglichen Ausgabepreis. Nach einem Verlust von rund 51 Prozent im Jahr 2022 folgten mehrere deutlich positive Jahre; 2026 legte er bislang erneut kräftig zu.

Auch der neue KI-ETF erwischte einen starken Start. Bis zum 24. August lag er seit Auflage rund 31 Prozent im Plus. Wegen seiner noch sehr kurzen Historie sagt das noch wenig darüber aus, wie dauerhaft die Strategie funktioniert. Interessanter ist sowieo, dass Thelen nach einem schwierigen ersten Produkt nicht einfach die ursprüngliche These wiederholte:

  • Das Investmentteam wurde verändert.
  • Der Entscheidungsprozess bekam mehr Finanzdisziplin.
  • Die Kommunikation wurde selbstkritisch hinterfragt.
  • Weitere Produkte entstanden – darunter eines, das eine andere methodische Antwort auf die Frage gibt, wie man in technologische Umbrüche investiert.

Das ist etwas anderes als bloßes Durchhalten.

Weitermachen ist nicht dasselbe wie wiederholen

Gründergeschichten erzählen Rückschläge gern im Nachhinein als notwendigen Umweg zum späteren Erfolg. So einfach ist es bei Thelen noch nicht.

Sein erster Fonds muss noch langfristig zeigen, ob er die ursprünglich hohen Erwartungen erfüllen kann. Der zweite besitzt bislang eine überschaubare Historie. Und der KI-ETF ist nach wenigen Monaten noch etwas zu jung für ein belastbares Urteil.

Doch unternehmerisches Lernen lässt sich ohnehin nicht daran erkennen, dass beim zweiten Versuch sofort alles funktioniert. Es zeigt sich daran, ob sich nach einer Erfahrung etwas verändert.

Frank Thelen hat seine Grundüberzeugung nicht aufgegeben: Technologie könne enorme wirtschaftliche Umbrüche erzeugen und Anlegern entsprechende Chancen eröffnen. Verändert hat sich, wie sein Unternehmen versucht, diese Überzeugung an der Börse umzusetzen.

Vielleicht liegt darin die interessantere Geschichte seines Ausflugs aus der Höhle auf das Börsenparkett.

Der Löwe hat sein Revier nicht verlassen. Er hat begonnen, es neu zu ordnen.

Stefanie S. Klief

Jeden Monat neu - hier gratis lesen!

Das aktuelle ePaper

Das könnte Sie auch interessieren:

Nach oben