Bei Toyota habe ich vor allem eines gelernt: Verschwendung ist der größte Feind eines guten Produkts. Alles wird nur dann produziert, wenn es wirklich gebraucht wird. In der Mode ist es genau umgekehrt – große Lager, hohe Retourenquoten, massive Überproduktion. Irgendwann habe ich mich gefragt, ob sich dieses System auch auf Kleidung übertragen ließe. 2014 habe ich gekündigt und in Paris LE CHEMISEUR gegründet, mit dem Ziel, genau dieses Prinzip auf Maßhemden anzuwenden.
Das war es auch. Ich hatte weder Erfahrung mit Stoffen noch ein Netzwerk in der Branche. Aber ich hatte ein tiefes Verständnis für Prozesse, Daten und Qualität. Die ersten Jahre waren hart: Produktentwicklung, Partner finden, Kunden gewinnen. Es hat eine Weile gedauert, bis wir ein stabiles Setup hatten.
Wir wollten den Prozess rund um Maßhemden radikal vereinfachen. Statt komplexer Vermessung braucht es bei uns nur drei Angaben: Größe, Gewicht und Alter. Unsere KI berechnet daraus die Passform, basierend auf Kundendaten. Sie berücksichtigt sogar Materialeigenschaften wie Elastizität oder Schrumpfverhalten. Das Ergebnis ist eine Retourenquote von rund 5 Prozent – deutlich unter dem Branchenschnitt.
Ein Schneider arbeitet sehr individuell, aber eben auch mit einer begrenzten Anzahl an Kunden. Unser Ansatz ist ein anderer: Wir versuchen, aus vielen Daten Mustern zu erkennen. Die KI kann einschätzen, wie sich die Körperproportionen je nach Alter verändern oder welche Stoff-Schnitt-Kombinationen die beste Passform ergeben. Mit jeder Bestellung wird das System besser. Ergänzt wird das durch unseren Passform-Schlüssel, ein persönlicher Code, der Nachbestellungen extrem einfach macht und die Passform weiter verfeinert.
Der DACH-Markt war für mich als Deutscher immer ein Ziel. Wir wollten aber erst ein Produkt, das wirklich ausgereift ist.
Nachhaltigkeit beginnt für uns beim Geschäftsmodell. Wir produzieren ausschließlich auf Bestellung, es gibt keine Überproduktion. Unsere Partner sind langfristig aufgebaut. Unser Atelier in Tunesien beschäftigt über 70 Festangestellte. Die Stoffe kommen aus Europa, produziert wird ohne Luftfracht und ohne Plastik.
Starte nicht mit einer Idee, sondern mit einem echten Problem. In unserem Fall war es die schlechte Passform von Standardhemden und die enorme Verschwendung in der Branche. Wenn das Problem relevant ist, kommen die Kunden von selbst. Und: Hab einen langen Atem. Wir arbeiten seit über einem Jahrzehnt an diesem Thema. Es gibt keine Abkürzungen – aber Daten helfen, schneller die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Jan Schütte ist Gründer des Maßhemdenanbieters LE CHEMISEUR.
Beitragsbilder: Tugdual Savi