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Wenn im kleinen Team einer fehlt, fehlt schnell viel

Warum Start-ups bei 85,6 Milliarden Euro Lohnfortzahlung genauer hinschauen sollten

5 Min.

01.09.2026

Ein Entwickler fällt aus, die einzige Vertriebskraft wird krank oder eine Gründerin ist mehrere Wochen nicht einsatzfähig: Was im Konzern organisatorisch aufgefangen werden kann, trifft ein kleines Team schnell ins Mark. Deutschlands Arbeitgeber zahlten 2025 insgesamt 85,6 Milliarden Euro für erkrankte Beschäftigte. Für Start-ups erzählt diese Zahl allerdings nur einen Teil der Geschichte.

Die Rekordsumme steigt – der Krankenstand nicht

Die Rechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft ist beeindruckend: 72,5 Milliarden Euro Bruttoentgelt zahlten deutsche Arbeitgeber 2025 an erkrankte Beschäftigte weiter. Einschließlich der vom IW geschätzten Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung ergibt sich eine Gesamtbelastung von 85,6 Milliarden Euro. Vor 15 Jahren waren es nominal noch 36,9 Milliarden Euro.

Wer daraus unmittelbar auf immer häufiger kranke Beschäftigte schließt, liegt allerdings falsch.

2025 sank der Krankenstand bei den Betriebskrankenkassen leicht von 5,90 auf 5,83 Prozent. Auch die AOK registrierte mit durchschnittlich 23,3 Ausfalltagen weniger Krankheitstage als 2024.

Dass die Kosten dennoch steigen, hat mehrere Gründe. Gehälter sind höher geworden, sodass auch jeder fortgezahlte Krankheitstag mehr kostet. Über lange Zeit nahm außerdem die Beschäftigung zu. Hinzu kommt ein statistischer Effekt: Durch die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung werden seit 2022 auch kürzere Krankmeldungen wesentlich vollständiger erfasst.

Die 85,6 Milliarden Euro sind also keine Rechnung darüber, wie viel »mehr Krankheit« Deutschland hat.

Für kleine Unternehmen gibt es ein Sicherheitsnetz

Kleinere Arbeitgeber müssen die Entgeltfortzahlung nicht vollständig allein tragen. Unternehmen mit in der Regel höchstens 30 Beschäftigten nehmen verpflichtend am sogenannten U1-Ausgleichsverfahren teil. Sie zahlen dafür eine Umlage an die Krankenkasse und bekommen im Krankheitsfall einen prozentualen Anteil der Entgeltfortzahlung erstattet. Die konkrete Erstattung hängt von Krankenkasse und gewähltem Tarif ab.

Die bundesweiten 85,6 Milliarden Euro lassen sich deshalb nicht eins zu eins in eine entsprechende Nettobelastung kleiner Firmen oder Start-ups übersetzen.

Das U1-Verfahren existiert aus gutem Grund: Wenn von zehn Beschäftigten einer für mehrere Wochen ausfällt, ist das finanzielle Risiko für den Arbeitgeber wesentlich schwerer zu tragen als bei einem Konzern mit Tausenden Mitarbeitern.

Allerdings löst die Erstattung nur die finanzielle Seite des Problems.

Geld ersetzt keine fehlende Schlüsselperson

Gerade junge Unternehmen besitzen häufig kaum personelle Redundanz. Bestimmtes Wissen liegt bei einzelnen Personen, Aufgaben sind noch nicht mehrfach besetzt und Prozesse funktionieren oft deshalb schnell, weil Zuständigkeiten sehr direkt verteilt sind.

Fällt eine solche Person länger aus, ersetzt die U1-Erstattung zwar einen Teil der fortgezahlten Vergütung. Sie programmiert aber keinen Code, beantwortet keine Kundenanfragen und führt keine Finanzierungsverhandlung.

Die indirekten Kosten eines Ausfalls können deshalb für ein Start-up größer sein als die eigentliche Lohnfortzahlung: Projekte verzögern sich, andere Teammitglieder übernehmen zusätzliche Arbeit und genau daraus kann wiederum neue Überlastung entstehen.

Besonders relevant sind lange Erkrankungen. Psychische Leiden machen nach IW-Angaben nur knapp fünf Prozent der Krankheitsfälle aus, verursachen wegen ihrer häufig langen Dauer aber rund 13 Prozent der Ausfalltage.

Damit wird Gesundheitsmanagement auch in kleinen Unternehmen weniger zu einer Frage von Obstkorb und Fitnessangeboten als zu einer Frage guter Organisation: Sind Verantwortlichkeiten dokumentiert? Können andere Teammitglieder kritische Aufgaben übernehmen? Gibt es realistische Vertretungsregeln? Und merkt Führung, wenn dauerhafte Überlastung entsteht?

Attest am ersten Tag löst dieses Problem kaum

Die Bundesregierung will krankheitsbedingte Fehlzeiten unter anderem mit einer grundsätzlich verpflichtenden Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Tag angehen. Arbeitgeber dürfen ein solches Attest bereits heute verlangen; gesetzlich ist es bislang grundsätzlich erst bei längerer Erkrankung vorgeschrieben.

Für Start-ups stellt sich dabei zusätzlich eine Kulturfrage.

In kleinen Teams ist Vertrauen häufig Teil des Arbeitsmodells. Wer für einen eintägigen Infekt sofort ein ärztliches Attest verlangt, kann damit zwar Missbrauch erschweren. Gleichzeitig entstehen Arztbesuche, zusätzlicher administrativer Aufwand und möglicherweise der Eindruck, dass Krankheit zunächst unter Verdacht steht.

Selbst IW-Ökonom Jochen Pimpertz hält es für offen, ob eine generelle Pflicht den Krankenstand tatsächlich verringert. Unternehmen könnten deshalb auch künftig bewusst großzügiger verfahren, wenn sie den organisatorischen Aufwand vermeiden wollen.

Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas geht noch weiter. Sie warnt davor, dass aus einem kurzen Ausfall eine längere Krankschreibung werden könnte, wenn Beschäftigte mit jedem leichten Infekt sofort eine Arztpraxis aufsuchen.

Resilienz beginnt vor dem Krankheitsfall

Krankheit lässt sich nicht aus einem Unternehmen herausregeln. Und eine kleine Mannschaft wird niemals dieselben personellen Reserven besitzen wie ein Großkonzern. Sie kann aber verhindern, dass ein einzelner Ausfall den gesamten Betrieb blockiert.

Wer Wissen dokumentiert, Verantwortlichkeiten nicht ausschließlich auf einzelne Köpfe verteilt und bei der Personalplanung zumindest kritische Funktionen absichert, betreibt deshalb nicht nur gute Organisation. Er baut unternehmerische Resilienz auf.

Die 85,6 Milliarden Euro zeigen, wie teuer Krankheit für die deutsche Wirtschaft geworden ist. Für Start-ups ist die entscheidendere Rechnung jedoch oft eine andere:

Was passiert mit dem Unternehmen, wenn morgen genau die eine Person fehlt, ohne die gerade scheinbar nichts funktioniert?

Stefanie S. Klief

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