Einstellung

KI ist kein Zukunftsthema mehr – sie ist Betriebsmittel

Mehr als die Hälfte der Unternehmen nutzt KI bereits, für Gründer wird der professionelle Einsatz damit zur Wettbewerbsfrage

5 Min.

08.06.2026

Künstliche Intelligenz ist in deutschen Unternehmen nicht mehr nur ein Thema für Tech-Abteilungen und Pilotprojekte. Laut einer aktuellen Umfrage des ifo-Instituts nutzen inzwischen 54,5 Prozent der Unternehmen KI in ihren Geschäftsprozessen. Vor einem Jahr lag der Anteil noch bei 40,9 Prozent. Damit hat die Technologie binnen kurzer Zeit einen deutlichen Sprung in den Unternehmensalltag geschafft.

Weitere 16 Prozent der Firmen planen den Einsatz, 21,6 Prozent diskutieren noch darüber. Nur eine kleinere Minderheit beschäftigt sich demnach bislang nicht mit KI. ifo-Umfrageleiter Klaus Wohlrabe spricht davon, dass Künstliche Intelligenz in der deutschen Wirtschaft endgültig in der Breite angekommen sei.

Industrie liegt vorn

Besonders verbreitet ist KI laut ifo in der Industrie. Dort nutzen bereits 58,7 Prozent der Unternehmen entsprechende Anwendungen. Im Dienstleistungssektor liegt der Anteil ebenfalls hoch. Auch Handel und Bau holen auf, wobei die Einsatzfelder je nach Branche stark variieren.

Die Unterschiede zeigen: KI ist kein einheitliches Werkzeug, das überall gleich eingesetzt wird. In der Industrie geht es etwa um Datenanalyse, Qualitätskontrolle, Planung, Wartung oder Produktionsprozesse. In Dienstleistungsunternehmen stehen häufig Recherche, Schriftverkehr, Kundenkommunikation, Programmierung oder interne Wissensarbeit im Vordergrund.

Damit wird KI zunehmend zu einer Querschnittstechnologie. Sie betrifft nicht nur einzelne Spezialbereiche, sondern Verwaltung, Vertrieb, Controlling, Entwicklung, Kommunikation und operative Abläufe.

Große Unternehmen sind weiter vorn

Die Nutzung steigt mit der Unternehmensgröße. Großunternehmen setzen KI mit 67,2 Prozent deutlich häufiger ein als mittlere Unternehmen mit 47,2 Prozent. Kleine Unternehmen liegen mit 51,2 Prozent überraschend vor dem klassischen Mittelstand.

Das kann mehrere Gründe haben. Große Unternehmen verfügen eher über Budgets, Daten, IT-Abteilungen und Governance-Strukturen. Kleine Firmen können dagegen schneller ausprobieren und Tools pragmatisch in den Alltag integrieren. Der Mittelstand steckt häufig dazwischen: zu komplex für spontane Einzellösungen, aber nicht immer groß genug für eigene KI-Infrastruktur und Spezialteams.

Genau hier entscheidet sich viel. Wenn der Mittelstand KI nicht nur punktuell nutzt, sondern systematisch in Prozesse übersetzt, kann daraus ein echter Wettbewerbshebel werden. Wenn nicht, droht eine neue Digitalisierungslücke.

Viele nutzen externe KI-Angebote

Die ifo-Daten zeigen auch, wie Unternehmen KI einsetzen. Knapp Dreiviertel der Firmen, die KI nutzen, greifen auf kostenpflichtige Angebote von Drittanbietern zurück. 48,4 Prozent verwenden zudem kostenlose KI-Anwendungen. 22,5 Prozent arbeiten ausschließlich mit kostenlosen Systemen. Eigene KI-Systeme entwickeln 18,7 Prozent der Unternehmen.

Das ist wenig überraschend. Für die meisten Unternehmen ist es deutlich einfacher, bestehende KI-Tools einzusetzen, als eigene Modelle zu entwickeln. Der Markt für Anwendungen rund um Text, Datenanalyse, Programmierung, Kundenservice und Büroprozesse wächst rasant.

Gleichzeitig entsteht dadurch eine neue Abhängigkeit. Wer KI vor allem über externe Anbieter nutzt, muss Fragen zu Datenschutz, Datensicherheit, Kosten, Modellqualität, Urheberrecht und Compliance klären. KI wird damit nicht nur zur Produktivitätsfrage, sondern auch zur Governance-Aufgabe.

Aus Nutzung muss Wirkung werden

Die wichtigste Frage lautet nun nicht mehr, ob Unternehmen KI ausprobieren. Die wichtigste Frage lautet, ob sie damit wirklich produktiver werden. Viele Firmen starten mit naheliegenden Anwendungen: Texte formulieren, Mails zusammenfassen, Informationen suchen, Präsentationen vorbereiten oder Code unterstützen lassen.

Das kann Zeit sparen, reicht aber noch nicht für einen strukturellen Produktivitätsschub. Der entsteht erst, wenn KI in Prozesse eingebaut wird: in Kundenservice, Wissensmanagement, Angebotserstellung, Qualitätsprüfung, Forecasting, Einkauf, Personalverwaltung oder Produktentwicklung.

Genau an dieser Stelle wird es anspruchsvoll. Unternehmen brauchen nicht nur Tools, sondern klare Anwendungsfälle, Datenqualität, Schulungen, Verantwortlichkeiten und Regeln. Sonst bleibt KI ein nützliches Zusatzwerkzeug, aber kein echter Transformationshebel.

Schulungen bleiben ein Schwachpunkt

Andere Erhebungen zeigen, dass hier noch Nachholbedarf besteht. Laut einer Umfrage des TÜV-Verbands nutzen viele Unternehmen bereits generative KI-Tools, doch Schulungen bleiben oft Mangelware. Nur 27 Prozent der Unternehmen hatten demnach bislang KI-Schulungen durchgeführt, obwohl viele einen hohen Weiterbildungsbedarf sehen.

Das ist ein Risiko. Wenn Beschäftigte KI ohne klare Anleitung nutzen, entstehen Fehler, Datenschutzprobleme, unklare Verantwortlichkeiten und falsche Erwartungen. Gleichzeitig verschenken Unternehmen Potenzial, wenn Mitarbeiter nicht lernen, wie sie KI sinnvoll, sicher und effizient einsetzen.

Der produktive Einsatz von KI ist deshalb weniger eine reine Softwarefrage als eine Qualifizierungsfrage.

Für Gründer wird KI zum Standard

Für Gründer und junge Unternehmen verändert sich damit die Ausgangslage. KI ist kein Differenzierungsmerkmal mehr, nur weil sie irgendwo eingesetzt wird. Sie wird zum Standardwerkzeug. Entscheidend ist, wer sie besser in Geschäftsmodelle, Kundennutzen und interne Abläufe übersetzt.

Startups können davon profitieren, weil sie Prozesse von Anfang an KI-gestützt denken können. Sie müssen keine alten Strukturen umbauen, sondern können Automatisierung, Wissensmanagement, Analyse und Kundenkommunikation direkt mitdenken.

Gleichzeitig steigt der Erwartungsdruck. Investoren, Kunden und Partner werden künftig eher fragen, warum ein Unternehmen KI nicht effizient nutzt – nicht mehr, ob es schon einmal damit experimentiert hat.

KI wird zur Standortfrage

Die ifo-Zahlen sind auch standortpolitisch relevant. Deutschland sucht nach Wegen aus Produktivitätsschwäche, Fachkräftemangel, Bürokratiebelastung und stagnierendem Wachstum. KI kann hier helfen, wenn sie Routineaufgaben automatisiert, Wissen schneller verfügbar macht und Prozesse beschleunigt.

Aber KI löst diese Probleme nicht automatisch. Wenn Unternehmen nur einzelne Tools nutzen, ohne Organisation, Daten und Kompetenzen anzupassen, bleibt der Effekt begrenzt. Der Produktivitätssprung entsteht nicht durch Zugang zu KI, sondern durch kluge Integration.

Für die deutsche Wirtschaft ist das die nächste Stufe. Die Verbreitung ist geschafft. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit.

SK

 

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