Das Münchner Start-up Proxima Fusion hat 411 Millionen Euro eingesammelt und erreicht damit eine Bewertung von 2,4 Milliarden Euro. Zu den Investoren gehören Google, RWE und XTX Ventures. Für Europa ist die Finanzierungsrunde mehr als ein weiterer Deeptech-Erfolg: Sie zeigt, dass Forschung, Energiehunger und Gründergeist gerade eine neue Allianz bilden.
Vom Institut ins Einhorn-Regal
Proxima Fusion ist erst 2023 entstanden. Das Unternehmen ging aus dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik hervor und gilt als erstes Spin-off dieser Forschungseinrichtung. Nun steht das junge Unternehmen bereits dort, wo viele Gründer erst nach vielen Jahren landen wollen: im Kreis der sogenannten Einhörner, also Start-ups mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar.
Die neue Finanzierungsrunde bringt Proxima Fusion 411 Millionen Euro ein. Nach Angaben des Unternehmens steigt die Bewertung damit auf 2,4 Milliarden Euro. Geführt wurde die Runde von XTX Ventures und East X Ventures. Als strategische Investoren sind unter anderem Google und RWE dabei. Auch KfW Capital, SPRIND, Burda Principal Investments und mehrere internationale Wagniskapitalgeber beteiligen sich.
Für ein deutsches Start-up ist das eine auffällige Summe. Für ein Fusionsunternehmen ist sie zugleich ein Signal: Private Investoren trauen der Technologie inzwischen nicht mehr nur wissenschaftliche Bedeutung zu, sondern auch wirtschaftliches Potenzial.
Warum Google auf Fusion schaut
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Der weltweite KI-Boom verändert den Energiemarkt. Rechenzentren brauchen enorme Mengen Strom, möglichst zuverlässig, möglichst klimafreundlich und möglichst unabhängig von schwankender Erzeugung. Genau an dieser Stelle wird Fusionsenergie für Tech-Konzerne interessant.
Google investiert nicht aus romantischer Begeisterung für Zukunftstechnologie, sondern aus strategischem Eigeninteresse. Wer künftig KI-Infrastruktur betreibt, braucht Energie in industriellem Maßstab. Fusion verspricht langfristig eine nahezu CO₂-freie, grundlastfähige Energiequelle. Noch ist das kein fertiges Geschäftsmodell, aber es ist eine Wette auf den Punkt, an dem Energie zur Wachstumsgrenze der KI wird.
Damit verschiebt sich auch der Blick auf Proxima Fusion. Das Unternehmen ist nicht nur ein Forschungs-Spin-off, sondern Teil eines größeren Rennens: USA, China und Europa suchen nach Technologien, die Energieversorgung, Klimaziele und industrielle Wettbewerbsfähigkeit zusammenbringen.
Die Gründer setzen auf Stellaratoren
Proxima Fusion arbeitet an sogenannten Stellaratoren. Dabei wird extrem heißes Plasma durch komplexe Magnetfelder eingeschlossen. Im Unterschied zu anderen Fusionskonzepten gelten Stellaratoren als besonders interessant für einen späteren Dauerbetrieb, sind technisch aber sehr anspruchsvoll.
Das Team um Mitgründer und CEO Francesco Sciortino baut auf den Erfahrungen des Wendelstein 7-X auf, einem der weltweit bedeutendsten Stellarator-Experimente des Max-Planck-Instituts in Greifswald. Genau darin liegt der Founder-Dreh: Proxima Fusion beginnt nicht bei null. Das Start-up versucht, jahrzehntelange Grundlagenforschung in ein kommerzielles Kraftwerkskonzept zu übersetzen.
Geplant ist zunächst ein Demonstrator namens »Alpha«. Er soll Anfang der 2030er-Jahre zeigen, dass der Ansatz technisch tragfähig ist. Ein kommerzielles Kraftwerk wird frühestens für die späten 2030er-Jahre angepeilt. Das ist ehrgeizig, aber nicht kurzfristig. Fusion bleibt eine Wette mit langem Atem.
Europa braucht solche Wetten
Gerade deshalb ist die Finanzierungsrunde bemerkenswert. Europa wird oft vorgeworfen, gute Forschung zu haben, aber zu wenig Kapital, Tempo und industrielle Skalierung. Proxima Fusion ist ein Gegenbeispiel. Hier treffen Spitzenforschung, privates Kapital, staatliche Förderlogik und ein klarer industrieller Bedarf aufeinander.
Das bedeutet nicht, dass der Erfolg sicher ist. Fusion ist eine der schwierigsten technologischen Herausforderungen überhaupt. Noch gibt es kein kommerzielles Fusionskraftwerk, das Strom ins Netz liefert. Zwischen einer großen Finanzierungsrunde und einem funktionierenden Kraftwerk liegen Jahre voller technischer, regulatorischer und finanzieller Risiken.
Doch genau hier beginnt Unternehmertum im eigentlichen Sinn. Proxima Fusion verkauft kein fertiges Produkt, sondern eine glaubwürdige Möglichkeit. Und diese Möglichkeit reicht inzwischen aus, um Google, RWE und internationale Investoren an einen Tisch zu bringen.
Für die deutsche Start-up-Szene ist das ein wichtiges Zeichen. Deeptech muss nicht zwangsläufig in den USA groß werden. Manchmal entsteht die nächste große industrielle Geschichte dort, wo lange geforscht wurde, bevor überhaupt jemand an einen Markt dachte.
SK