Die 35-Stunden-Woche sei in wirtschaftlich guten Zeiten finanzierbar gewesen, heute müsse Deutschland neu darüber sprechen: Mit dieser Forderung stößt Stihl-Aufsichtsratschef Nikolas Stihl kurz vor der nächsten Tarifrunde eine alte Debatte neu an. Für Unternehmen geht es dabei um weit mehr als fünf zusätzliche Arbeitsstunden.
Stihl fordert längere Arbeitszeit ohne höheren Lohn
Nikolas Stihl, Aufsichtsratschef des schwäbischen Familienunternehmens, fordert Gespräche über eine Verlängerung der tariflichen Wochenarbeitszeit in der Metall- und Elektroindustrie – ausdrücklich ohne Lohnausgleich. Angesichts des zunehmenden Verlusts von Industriearbeitsplätzen müsse alles versucht werden, um die Arbeitskosten am Standort Deutschland zu senken, argumentiert der Unternehmer. Im Herbst beginnen die nächsten Tarifverhandlungen der Branche.
Damit steht Stihl nicht allein. Bereits Mercedes-Aufsichtsratschef Martin Brudermüller hatte eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche bei gleichem Gehalt ins Gespräch gebracht. Die IG Metall lehnt solche Vorstöße ab und hat insbesondere bei Mercedes gegen Eingriffe in tarifliche Standards protestiert.
Dabei wird in der Debatte schnell übersehen, dass Deutschland keineswegs generell nur 35 Stunden arbeitet. Diese Wochenarbeitszeit gilt tariflich vor allem in der westdeutschen Metall- und Elektroindustrie. Abhängig Vollzeitbeschäftigte kamen 2025 bundesweit durchschnittlich auf 39,9 Wochenstunden. Die Diskussion betrifft deshalb zunächst einen wichtigen, aber klar abgegrenzten Teil des Arbeitsmarkts.
Mehr Stunden senken zunächst den Preis der Arbeitsstunde
Die Rechnung hinter Stihls Forderung ist einfach: Wird bei gleichem Monatsgehalt länger gearbeitet, sinken rechnerisch die Arbeitskosten je Stunde. Ob daraus tatsächlich ein entsprechender Wettbewerbsvorteil entsteht, hängt allerdings davon ab, ob mit den zusätzlichen Stunden auch mehr Wertschöpfung erzielt wird.
Genau hier liegt ein tieferes Problem des Standorts. Das ifo Institut sieht Deutschland nicht nur bei den Kosten unter Druck, sondern auch bei der Produktivität. Die Wirtschaftsleistung je Arbeitsstunde wächst seit Jahren nur schwach, während etwa die USA zuletzt deutliche Produktivitätszuwächse verzeichneten. Längere Arbeitszeiten allein lösen deshalb weder geringe Investitionen noch hohe Energiepreise, Bürokratie oder fehlende Digitalisierung.
Auch Stihl selbst zeigt, dass die Diskussion differenzierter ist als ein reiner Krisenruf. Das Familienunternehmen erzielte 2025 einen Umsatz von 5,48 Milliarden Euro, beschäftigt weltweit mehr als 20.000 Menschen und verfügt über eine Eigenkapitalquote von mehr als 70 Prozent. Der Konzern produziert allerdings in acht Ländern und steht damit unmittelbar vor der Frage, an welchem Standort Investitionen und Produktion langfristig wirtschaftlich sind.
Warum die Debatte auch Gründer betrifft
Für Start-ups und kleine Unternehmen gelten andere Voraussetzungen. Sie sind deutlich seltener tarifgebunden und können Arbeitszeit und Vergütung deshalb meist individueller gestalten. Nach Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung arbeiten 84 Prozent der Beschäftigten in Kleinstbetrieben mit einem bis vier Beschäftigten in Unternehmen ohne Tarifbindung. Mit wachsender Unternehmensgröße nimmt die Tarifbindung deutlich zu.
Die unternehmerische Frage dahinter ist dennoch dieselbe: Wie viel Leistung kann ein Unternehmen mit seinen verfügbaren Personalkosten erzeugen? Gerade junge Unternehmen konkurrieren dabei nicht nur über Gehälter, sondern auch über flexible Arbeitsmodelle, Unternehmenskultur und attraktive Bedingungen um qualifizierte Mitarbeiter.
Eine pauschale Verlängerung der Arbeitszeit kann deshalb für einen Industriekonzern eine andere Wirkung haben als für ein technologieorientiertes Start-up. Wo Maschinen länger ausgelastet und zusätzliche Stückzahlen produziert werden können, ist der Zusammenhang zwischen Arbeitszeit und Output vergleichsweise unmittelbar. In wissensintensiven Geschäftsmodellen entscheidet dagegen stärker, wie produktiv eine Stunde genutzt wird.
Was bleibt
Stihls Vorstoß wird in den kommenden Tarifverhandlungen erheblichen Widerstand auslösen. Doch unabhängig davon, ob aus 35 künftig wieder 40 Stunden werden, berührt er ein Problem, das etablierte Unternehmen und Gründer gleichermaßen betrifft: Deutschland muss Arbeit wieder wettbewerbsfähiger machen.
Dabei greift die Gleichung »mehr Stunden = mehr Wohlstand« ebenso zu kurz wie die Vorstellung, Arbeitszeit spiele für die Wettbewerbsfähigkeit keine Rolle. Für Unternehmer zählt am Ende nicht die Zahl der Stunden allein, sondern was eine Arbeitsstunde kostet – und was in ihr entsteht.
Stefanie S. Klief