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Investoren wollen 15 Milliarden Euro mehr für Start-ups mobilisieren

Die neue Initiative soll Wagniskapital als strategische Anlageklasse etablieren – und Deutschlands Finanzierungslücke bei KI, Deeptech und Biotech schließen

5 Min.

09.06.2026

Deutschland soll mehr privates Kapital für junge Wachstumsunternehmen mobilisieren. Eine Gruppe von 24 Wagniskapitalgebern will dafür eine neue Initiative starten und bis zu 15 Milliarden Euro zusätzlich für Start-ups verfügbar machen. Ziel ist es, Wagniskapital stärker als strategische Anlageklasse im deutschen Kapitalmarkt zu verankern.

Der Vorstoß kommt zur richtigen Zeit. Deutsche Start-ups sammeln zwar wieder mehr Geld ein, doch im internationalen Vergleich bleibt die Finanzierungslücke groß. Besonders in späteren Wachstumsphasen fehlt häufig Kapital. Genau dann, wenn aus einem vielversprechenden Start-up ein global wettbewerbsfähiges Unternehmen werden könnte, müssen Gründer oft auf ausländische Investoren zurückgreifen.

Deutschland hat kein Ideenproblem

An innovativen Gründungen mangelt es Deutschland nicht. In Bereichen wie Künstliche Intelligenz, Biotech, Quantentechnologie, Klima- und Energietechnologie oder Verteidigungstechnologie entstehen viele vielversprechende Unternehmen. Das Problem beginnt oft später: beim Skalieren.

Frühe Finanzierungsrunden lassen sich häufig noch stemmen. Schwieriger wird es, wenn Unternehmen große Summen für internationale Expansion, Forschung, Produktion, Rechenkapazitäten oder regulatorische Zulassung brauchen. Gerade Deeptech- und Biotech-Firmen benötigen oft deutlich mehr Kapital und längere Entwicklungszeiten als klassische Software-Start-ups.

Wenn dieses Kapital in Deutschland fehlt, entsteht ein bekanntes Muster: Unternehmen suchen Geld in den USA, verlagern Teile ihrer Wertschöpfung ins Ausland oder planen einen Börsengang an der Nasdaq statt in Europa.

Ausländisches Kapital dominiert bereits

Die KfW-Zahlen zeigen, wie abhängig der deutsche Start-up-Markt inzwischen von internationalen Investoren ist. Im 1. Quartal 2026 sammelten deutsche Start-ups 1,7 Milliarden Euro ein. Das war ein Plus von 6 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig kamen mehr als 3 Viertel des investierten Kapitals aus dem Ausland. US-Investoren waren mit 34 Prozent die wichtigste Kapitalquelle.

Das ist einerseits ein gutes Zeichen. Internationale Investoren sehen offenbar weiterhin Potenzial in deutschen Start-ups. Andererseits zeigt es eine Schwäche des heimischen Kapitalmarkts. Wenn deutsche Zukunftsfirmen in entscheidenden Phasen vor allem auf ausländisches Geld angewiesen sind, wandern Einfluss, Renditen und oft auch strategische Entscheidungen teilweise ab.

Für einen Standort, der technologische Souveränität ernst meint, ist das ein Problem.

Wagniskapital wird zur Standortpolitik

Die neue Initiative will deshalb mehr private Kapitalquellen erschließen. Gemeint sind nicht nur klassische VC-Fonds, sondern auch institutionelle Anleger wie Versicherungen, Pensionskassen, Stiftungen, Family Offices und vermögende Privatanleger. Wagniskapital soll nicht als exotische Nische gelten, sondern als langfristiger Bestandteil professioneller Kapitalanlage.

Das wäre ein Kulturwechsel. In Deutschland ist das Verhältnis zu Risiko traditionell vorsichtig. Viele Anleger bevorzugen Sicherheit, Immobilien, Anleihen oder etablierte Aktien. Venture Capital dagegen bedeutet Unsicherheit, lange Laufzeiten und hohe Ausfallquoten. Es bedeutet aber auch die Chance, an den Unternehmen von morgen beteiligt zu sein.

Ohne diese Risikobereitschaft entstehen weniger Scale-ups. Und ohne Scale-ups bleiben viele Innovationen unterhalb der industriellen Wirkungsschwelle.

KI verschärft den Kapitalbedarf

Besonders sichtbar wird das bei Künstlicher Intelligenz. KI-Start-ups brauchen heute nicht nur gute Teams und Modelle, sondern enorme Rechenkapazitäten, Datenzugänge, Sicherheitsstrukturen und internationale Vertriebskraft. Das kostet Geld in einer Größenordnung, die deutsche Finanzierungsrunden oft schwer erreichen.

Die KfW verweist darauf, dass Künstliche Intelligenz im deutschen Wagniskapitalmarkt an Bedeutung gewinnt, aber nicht so stark wie im Ausland. Während deutsche Start-ups im 1. Quartal insgesamt 1,7 Milliarden Euro einsammelten, dominieren in den USA einzelne gigantische KI-Finanzierungen den Markt.

Genau hier droht eine neue Lücke. Deutschland kann KI nicht nur regulieren und anwenden. Es muss auch Unternehmen finanzieren können, die in diesem Feld global mitspielen.

Biotech zeigt das Problem besonders deutlich

Auch die Biotech-Branche zeigt, wie gefährlich Kapitalmangel werden kann. Deutsche Biotech-Firmen sammelten 2025 insgesamt 1,8 Milliarden Euro ein, doch Wagniskapitalinvestitionen brachen laut EY und BIO Deutschland um ein Drittel auf 601 Millionen Euro ein. Branchenvertreter warnen, dass Deutschland wissenschaftlich stark ist, daraus aber zu selten wirtschaftliche Stärke entsteht.

Das ist der Kern des Problems. Forschung, Patente und Talente reichen nicht aus, wenn die Finanzierungskette reißt. Wer aus Wissenschaft Unternehmen bauen will, braucht Kapital über viele Jahre. Fehlt es, entstehen die großen Wertschöpfungsgeschichten anderswo.

Deutschland verliert dann nicht nur Start-ups. Es verliert industrielle Zukunft.

Der Staat allein reicht nicht

Deutschland hat in den vergangenen Jahren mehrere staatliche Initiativen gestartet, um 
Start-ups und Wachstumsunternehmen zu fördern. Diese Programme sind wichtig, können aber den privaten Kapitalmarkt nicht ersetzen. Staatliches Geld kann anschieben, absichern oder als Ankerinvestor wirken. Skalierung in großem Stil braucht jedoch private Milliarden.

Die neue Initiative setzt genau dort an. Sie will privates Kapital mobilisieren und mit vorhandenen öffentlichen Instrumenten verzahnen. Wenn das gelingt, könnte aus staatlicher Förderung ein größerer Multiplikator entstehen.

Entscheidend wird aber sein, ob institutionelle Anleger tatsächlich mehr Risiko akzeptieren. Ohne Versicherer, Pensionskassen und große Vermögensverwalter bleibt der deutsche 
VC-Markt zu klein.

Mehr Kapital allein löst nicht alles

Trotzdem wäre es zu kurz, die Start-up-Schwäche nur auf Geld zu reduzieren. Gründer brauchen auch schnellere Genehmigungen, bessere Mitarbeiterbeteiligungen, weniger Bürokratie, mehr öffentliche Beschaffung, wachstumsfreundliche Regulierung, bessere Börsenbedingungen und einen stärkeren europäischen Exit-Markt.

Kapital ist der Treibstoff. Aber das Fahrzeug muss auch fahren können.

Wenn Deutschland Milliarden mobilisiert, aber Unternehmen später an Bürokratie, Fachkräftemangel oder fehlenden Kunden scheitern, verpufft ein Teil der Wirkung. Deshalb muss mehr Wagniskapital Teil einer breiteren Standortstrategie sein.

SK

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