Aktuelles

Deutschlands Start-ups sollen endlich groß werden dürfen

Mit Kapital und Aufträgen sollen Start-ups im Land gehalten werden

12 Min.

22.07.2026

Roboterhund - entwickelt von der Hochschule Niederrhein

Deutschland verzeichnet Rekordzahlen bei neuen Start-ups. Doch sobald Unternehmen große Finanzierungsrunden, internationale Talente und verlässliche Großkunden benötigen, beginnt der schwierigste Teil. Die neue Strategie der Bundesregierung setzt deshalb nicht mehr nur auf Gründung – sondern auf Skalierung.

Aus der Start-up- wird eine Scale-up-Strategie

Die Bundesregierung will mit ihrer neuen »Startup- und Scaleup-Strategie« gezielt jene Phase unterstützen, in der junge Unternehmen ihren Heimatmarkt verlassen, ihre Produktion ausbauen und international wachsen.

Das Bundeskabinett hat das Strategiepapier am 22. Juli 2026 heute beschlossen. Neben Bürokratieabbau und besseren steuerlichen Bedingungen stehen insbesondere der Zugang zu Wachstumskapital, die Gewinnung hoch qualifizierter Fachkräfte und öffentliche Aufträge im Mittelpunkt.

Der Schwerpunkt auf Scale-ups ist entscheidend.

Für die Gründung eines Softwareunternehmens genügen heute teilweise vergleichsweise geringe Beträge. Der Aufbau einer Chipfertigung, eines Drohnensystems, einer Biotechnologieplattform oder einer industriellen Produktionsanlage benötigt dagegen schnell Hunderte Millionen Euro.

Genau in dieser Wachstumsphase ist der europäische Kapitalmarkt deutlich schwächer entwickelt als der US-amerikanische.

Das Ergebnis: Erfolgreiche Unternehmen nehmen Geld bei ausländischen Fonds auf, verlagern wichtige Funktionen oder verkaufen sich an größere internationale Konzerne.

Die Bundesregierung will verhindern, dass Deutschland zwar Technologien entwickelt, ihre wirtschaftliche Verwertung aber anderen überlässt.

Mehr Geld fließt in weniger Unternehmen

Auf den ersten Blick entwickelt sich der deutsche Risikokapitalmarkt positiv.

Im ersten Halbjahr 2026 sammelten deutsche Start-ups laut dem aktuellen EY-Start-up-Barometer rund 5,3 Milliarden Euro ein. Das waren 14 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig ging die Zahl der Finanzierungsrunden um elf Prozent zurück.

Diese gegenläufige Entwicklung zeigt, wie stark sich der Markt konzentriert.

Investoren stellen hohe Summen bereit, bevorzugen aber zunehmend Unternehmen, deren Technologie, Umsatzentwicklung oder politische Bedeutung bereits relativ klar erkennbar ist. Wenige Finanzierungen mit einem Volumen von mehr als 50 Millionen Euro treiben die Gesamtsumme nach oben.

Für sehr junge Unternehmen wird der Wettbewerb dagegen härter.

Sie besitzen häufig noch keine stabilen Umsätze, keine große Kundenbasis und keinen Nachweis, dass ihr Geschäftsmodell auch im industriellen Maßstab funktioniert. In wirtschaftlich unsicheren Zeiten meiden Investoren genau dieses Risiko.

Verteidigung wird zum neuen Wachstumsschwerpunkt

Besonders viel Geld fließt derzeit in Technologie- und Verteidigungsunternehmen.

Defence-Start-ups erhielten im ersten Halbjahr 2026 laut der von dpa aufgegriffenen EY-Auswertung rund 579 Millionen Euro. Damit hat sich ein Bereich, den viele Investoren noch vor wenigen Jahren aus ethischen oder regulatorischen Gründen mieden, zu einem der gefragtesten Technologiefelder entwickelt.

Die veränderte geopolitische Lage hat die Bewertung grundlegend verschoben.

Drohnen, Satellitenkommunikation, Cyberabwehr, künstliche Intelligenz, Sensorik und autonome Systeme gelten nicht mehr nur als militärische Produkte. Viele Technologien lassen sich sowohl zivil als auch militärisch einsetzen.

Solche Dual-Use-Unternehmen können beispielsweise Inspektionsdrohnen für Energieanlagen entwickeln, deren Technik zugleich für militärische Aufklärung geeignet ist.

Die Bundesregierung will für Unternehmen aus dem Sicherheits- und Verteidigungsbereich nun ein eigenes Direktbeteiligungsinstrument schaffen. Zusätzlich sollen sie leichter Zugang zu öffentlichen Aufträgen erhalten.

Damit verändert der Staat seine Rolle. Er fördert nicht mehr nur Forschung oder garantiert Kredite. Er beteiligt sich unmittelbar an Unternehmen und hilft ihnen zugleich, erste große Kunden zu gewinnen.

Der erste Auftrag ist häufig wichtiger als die Förderung

Gerade bei Defence Tech reicht Risikokapital allein nicht aus. Ein Unternehmen kann eine technologisch überzeugende Drohne, Softwareplattform oder Sensorlösung entwickeln. Solange eine staatliche Stelle das Produkt jedoch nicht bestellt, fehlt der wichtigste Beleg: dass die Technologie unter realen Anforderungen funktioniert und ein zahlungsfähiger Markt existiert.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche beschrieb diesen Zusammenhang anlässlich einer Finanzierungsrunde des Drohnenunternehmens Quantum Systems ausdrücklich: Wenn der Staat als erster Kunde verlässlich nachfrage, validiere er Markt und Geschäftsmodell und mache das Unternehmen damit für private Investoren attraktiver.

KfW Capital beteiligte sich zuletzt über das Programm Scale-up Direct erneut gemeinsam mit privaten Investoren an Quantum Systems. Das Programm gehört zur Wagniskapitalsäule des Deutschlandfonds.

Das Beispiel zeigt die neue Förderlogik: Der Staat übernimmt einen Teil des frühen Risikos. Private Investoren stellen zusätzliches Kapital bereit. Öffentliche Aufträge schaffen Umsatz und Referenzen. Aus einer Förderentscheidung kann dadurch eine komplette Wachstumsmaschine entstehen.

Der Deutschlandfonds soll privates Kapital mobilisieren

Eine wichtige Rolle spielt der Deutschlandfonds.

Der Bund stellt eigenes Kapital und Garantien bereit, um ein Vielfaches an privaten Investitionen anzuziehen. Ursprünglich war von mindestens 100 Milliarden Euro mobilisiertem Kapital die Rede; die neue Strategie nennt laut dpa ein mögliches Gesamtvolumen von bis zu 130 Milliarden Euro für Zukunfts- und Infrastrukturprojekte.

Das Geld fließt nicht ausschließlich in Start-ups.

Der Fonds soll unter anderem neue Technologien, Produktionsanlagen, Energie- und Wärmenetze, Rohstoffprojekte, künstliche Intelligenz, Biotechnologie sowie Sicherheits- und Verteidigungslösungen finanzieren.

Die Grundidee lautet: Der Staat trägt einen Teil des Risikos, damit Versicherungen, Banken, Fonds und andere institutionelle Anleger Projekte finanzieren, die ihnen allein zu unsicher oder zu langfristig wären.

Für Start-ups kann das den Zugang zu deutlich größeren Finanzierungen öffnen.

Es entsteht jedoch auch ein politisches Risiko.

Je stärker der Staat mitentscheidet, welche Technologien als strategisch gelten, desto größer wird sein Einfluss auf die Kapitalverteilung. Unternehmen aus politisch priorisierten Bereichen können leichter an Geld gelangen als Gründungen, deren Nutzen weniger unmittelbar sichtbar ist.

Aus Industriepolitik kann schnell eine Auswahl vermeintlicher Gewinner werden.

Auch Altersvorsorge und Stiftungen sollen investieren

Die Bundesregierung will zusätzlich mehr langfristiges Kapital aus Altersvorsorgeeinrichtungen und Stiftungen mobilisieren.

Deutsche institutionelle Anleger investieren bislang vergleichsweise zurückhaltend in Risikokapital. Gründe sind strenge Anlagevorschriften, geringe Risikotoleranz und die Sorge vor Verlusten.

Start-ups wiederum benötigen genau solches langfristiges Kapital.

Ein junges Biotechnologie- oder Deep-Tech-Unternehmen kann viele Jahre benötigen, bis aus Forschung ein marktfähiges Produkt und aus dem Produkt ein profitables Geschäft entsteht. Klassische Bankkredite eignen sich dafür nur begrenzt, weil anfangs häufig weder Gewinne noch verwertbare Sicherheiten vorhanden sind.

Mehr Risikokapital in der Altersvorsorge könnte diese Lücke verkleinern.

Es müsste jedoch sorgfältig begrenzt werden. Start-up-Investments können außergewöhnlich hohe Renditen erzielen, aber ebenso vollständig ausfallen.

Die Bundesregierung versucht damit, zwei Ziele zu verbinden: höhere langfristige Renditechancen für Anleger und mehr Wachstumskapital für Unternehmen.

Dasselbe Geld kann allerdings nicht gleichzeitig maximal sicher und besonders risikofreudig angelegt werden.

Öffentliche Beschaffung soll für Start-ups geöffnet werden

Neben der Finanzierung ist der Zugang zu staatlichen Aufträgen ein zentraler Bestandteil der Strategie.

Das Wirtschaftsministerium hat bereits Erleichterungen im Vergaberecht auf den Weg gebracht. Direktaufträge an Start-ups sollen einfacher möglich sein. Auch Sicherheitsbehörden sollen innovative Leistungen schneller beschaffen können.

Bisher sind öffentliche Ausschreibungen häufig auf etablierte Anbieter zugeschnitten.

Unternehmen müssen langjährige Referenzen, hohe Mindestumsätze oder umfangreiche Nachweise vorlegen. Für ein junges Unternehmen entsteht dadurch ein Zirkelschluss: Es bekommt keinen Auftrag, weil ihm Referenzen fehlen – und kann keine Referenzen aufbauen, weil es keinen Auftrag erhält.

Gerade in der Verteidigungsindustrie verstärkt sich dieses Problem.

Beschaffungsprozesse dauern lange, technische Anforderungen verändern sich schnell und kleinere Anbieter können jahrelange Verfahren kaum finanzieren. Auch Branchenvertreter nennen komplizierte öffentliche Beschaffung als einen wesentlichen Grund, weshalb kleinere Verteidigungsunternehmen trotz des wachsenden Markts schwer an Kapital gelangen.

Schnellere Verfahren könnten deshalb mehr bewirken als zusätzliche Förderprogramme. Ein bezahlter Auftrag ist für ein Start-up wertvoller als ein Preis, ein Innovationswettbewerb oder ein unverbindlicher Test.

Der Staat trägt dann allerdings zwei Risiken

Wird der Staat gleichzeitig Investor und Kunde, entsteht ein Interessenkonflikt.

Als Investor will er, dass ein Unternehmen wächst und an Wert gewinnt.

Als öffentlicher Auftraggeber muss er dagegen Produkte neutral vergleichen, Kosten kontrollieren und das wirtschaftlichste Angebot auswählen.

Hat sich der Staat bereits an einem Unternehmen beteiligt, könnte der politische Druck steigen, dessen Technologie anschließend auch zu beschaffen.

Umgekehrt könnte ein staatlicher Auftrag den Unternehmenswert erhöhen und damit indirekt die eigene Beteiligung stützen.

Das muss nicht zu Fehlentscheidungen führen. Es verlangt aber transparente Verfahren und eine klare Trennung zwischen Investitionsentscheidung und Beschaffung.

Anderenfalls droht ein Kreislauf, in dem der Staat Unternehmen finanziert, ihnen Aufträge erteilt und ihren Erfolg anschließend als Beleg für die Qualität seiner ursprünglichen Auswahl präsentiert.

Mitarbeiterbeteiligungen sollen attraktiver werden

Start-ups können hoch qualifizierten Fachkräften oft nicht dieselben Gehälter zahlen wie internationale Konzerne.

Sie bieten deshalb Unternehmensanteile oder Optionsprogramme an. Beschäftigte akzeptieren ein niedrigeres laufendes Einkommen und erhalten im Gegenzug die Chance, an einer späteren Wertsteigerung teilzuhaben.

In Deutschland gelten solche Modelle seit Jahren als steuerlich und rechtlich kompliziert.

Die neue Strategie sieht weitere Verbesserungen bei Mitarbeiterkapitalbeteiligungen vor. Zusätzlich sollen Kündigungsregeln für besonders hoch vergütete Arbeitsverhältnisse flexibler werden.

Letzteres dürfte politisch umstritten werden.

Aus Sicht schnell wachsender Unternehmen erleichtern flexiblere Regeln die Anpassung von Teams, wenn sich Geschäftsmodell oder Technologie verändern. Aus Sicht von Beschäftigten bedeutet Flexibilität jedoch zunächst geringeren Schutz.

Die Bundesregierung setzt damit erkennbar auf internationale Wettbewerbsfähigkeit – und nimmt dafür eine Debatte über unterschiedliche Schutzstandards innerhalb des Arbeitsmarkts in Kauf.

Defence Tech erhält erstmals ausdrückliche Priorität

Der auffälligste Unterschied zu früheren Strategien bleibt der Verteidigungsschwerpunkt.

Deutschland hat Start-ups bereits zuvor mit dem Zukunftsfonds, KfW-Programmen und steuerlichen Reformen unterstützt. Neu ist die offene Einordnung von Sicherheits- und Verteidigungstechnologien als wirtschaftspolitisches Wachstumsfeld.

Noch vor wenigen Jahren lehnten viele Fonds Investitionen in Waffen, militärische Komponenten oder Dual-Use-Produkte grundsätzlich ab. Auch Nachhaltigkeitskriterien erschwerten entsprechenden Unternehmen den Zugang zu Kapital.

Heute gelten dieselben Technologien als Voraussetzung für europäische Souveränität.

Der Markt bestätigt diese Verschiebung. Die EU bietet Defence-Scale-ups inzwischen direkte Eigenkapitalfinanzierungen von bis zu 30 Millionen Euro an. Gefördert werden unter anderem Luft- und Raketenabwehr, Drohnen, Drohnenabwehr und weitere kritische Technologien.

Deutschland ordnet seine nationale Start-up-Politik damit in eine größere europäische Bewegung ein.

Der Erfolg entscheidet sich nicht an der Zahl der Programme

Die neue Strategie enthält viele plausible Ansätze:

mehr Kapital, bessere Beteiligungsmodelle, schnellere Gründungen, eine europäische Rechtsform und leichteren Zugang zu staatlichen Aufträgen.

Deutschland leidet jedoch nicht an einem Mangel an Programmnamen.

Die entscheidende Frage ist, ob die Instrumente im Alltag schneller und einfacher funktionieren als bisher.

Ein Fonds hilft wenig, wenn die Prüfung einer Beteiligung länger dauert als die Finanzierungsrunde. Ein vereinfachtes Vergaberecht bringt wenig, wenn Behörden aus Angst vor Fehlern weiterhin ausschließlich etablierte Anbieter auswählen. Eine Mitarbeiterbeteiligung bleibt unattraktiv, wenn ihre steuerliche Behandlung für Beschäftigte kaum verständlich ist.

Der Start-up-Verband hatte deshalb bereits im Frühjahr eine klare Aufgabenliste, verbindliche Umsetzung und regelmäßige Erfolgskontrollen gefordert.

An dieser Messlatte muss sich die Bundesregierung messen lassen.

Nicht die Zahl angekündigter Maßnahmen entscheidet, sondern:

  • Wie viele Scale-ups erhalten tatsächlich große Wachstumsfinanzierungen?
  • Wie viele öffentliche Aufträge gehen an junge Unternehmen?
  • Wie schnell können sie europaweit expandieren?
  • Und wie viele erfolgreiche Gründungen bleiben mit Hauptsitz, Forschung und Wertschöpfung in Deutschland?

Der eigentliche Punkt

Deutschland ändert mit dieser Strategie seine Vorstellung von Start-up-Förderung.

Bisher lautete das Ziel häufig: mehr Menschen zum Gründen bringen.

Nun lautet es: erfolgreiche Unternehmen so lange unterstützen, bis sie international bestehen können.

Das ist ein entscheidender Fortschritt. Eine Volkswirtschaft gewinnt wenig, wenn sie viele Start-ups hervorbringt, diese aber verkauft oder verliert, sobald ihr wirtschaftlicher Wert sichtbar wird.

Der Schwerpunkt auf Defence Tech zeigt zugleich, wie stark sich politische Prioritäten verschoben haben.

Sicherheit wird zum Markt. Öffentliche Beschaffung wird zum Wachstumsmotor. Staatliches Kapital soll privates Kapital anziehen.

Damit entsteht eine neue deutsche Gründerlogik: Nicht allein die beste Konsumenten-App oder das schnellste Umsatzwachstum entscheidet über Förderung. Strategische Bedeutung, technologische Souveränität und staatlicher Bedarf gewinnen an Gewicht.

Das kann Unternehmen hervorbringen, die Deutschland dringend benötigt. Es kann aber ebenso dazu führen, dass politische Ziele den Markt stärker lenken.

Die Bundesregierung will Deutschlands nächste Technologiekonzerne nicht mehr nur entstehen lassen. Sie will sie mitfinanzieren, beauftragen und im Land halten. Ob daraus eine neue Generation erfolgreicher Scale-ups entsteht oder nur eine weitere Förderlandschaft, entscheidet sich an einem einfachen Punkt:

Ob der Staat schnell genug handeln kann, um mit den Unternehmen mitzuwachsen.

SK

Jeden Monat neu - hier gratis lesen!

Das aktuelle ePaper

Artikel im Magazin:

Das könnte Sie auch interessieren:

Nach oben