Die Bedeutung von Aufmerksamkeit hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Was früher vor allem ein Kommunikationsinstrument war, ist heute eine wirtschaftliche Ressource geworden. Burak Türkyilmaz (@breitenvonberg) beschäftigt sich genau mit dieser Entwicklung und zeigt im Interview auf, welche Chancen, Herausforderungen und neuen Geschäftsmodelle daraus innerhalb der Creator Economy entstehen.
In der heutigen Zeit ist Aufmerksamkeit die teuerste Währung. Wie genau übersetzen Sie Millionen von Views und Likes in ein verlässliches, skalierbares Geschäftsmodell, das unabhängig vom reinen Algorithmus funktioniert?
Für mich ist es unglaublich spannend, den Wandel der Aufmerksamkeit und ihren stetig wachsenden Wert sowohl in der Gesellschaft als auch im wirtschaftlichen Kontext mitzuerleben. Ich betrachte Aufmerksamkeit als eine eigene Währung – vergleichbar mit Dollar oder Gold. Mit ihr lässt sich aus meiner Sicht nahezu alles erreichen.
Mein Geschäftsmodell basiert darauf, Reichweiten zu bündeln und sie als Währung einzusetzen, um Unternehmensanteile zu erwerben. Dieses Konzept finde ich besonders spannend. Inspirieren ließ ich mich dabei unter anderem von ProSieben und dem dort etablierten Ansatz des »Media for Equity« sowie von verschiedenen Investoren.
Über viele Jahre habe ich ein breites Netzwerk an Influencerinnen und Influencern aufgebaut und gepflegt. Gleichzeitig war es mein Ziel, die Infrastruktur, die die Creator Economy benötigt, durch eigene Unternehmen abzubilden. Dadurch bin ich heute gewissermaßen das Bindeglied zwischen der Creator Economy und der klassischen Konzernwelt.
Bis heute besteht meine Haupttätigkeit darin, Creator dabei zu unterstützen, ihre Reichweiten zu bündeln und diese im Rahmen von Media-for-Equity-Modellen gegen Unternehmensanteile einzutauschen.
Besonders interessant ist für mich, dass Reichweite im Gegensatz zu Geld mehrfach genutzt werden kann. Gibt man beispielsweise eine Million Euro aus, ist das Geld anschließend verbraucht. Eine Reichweite von einer Million Menschen bleibt hingegen auch nach ihrem Einsatz bestehen und kann erneut genutzt werden. Genau diese Eigenschaft macht Aufmerksamkeit für mich zu einer besonders wertvollen Ressource.
Viele Kooperationen zwischen Unternehmen und Creatorn laufen über mehrere Vermittlungsstufen. Warum sehen Sie darin ein Problem und was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern?
Die Vertriebsstrukturen in unserem Bereich sind ein sehr wichtiger Aspekt. Natürlich gibt es zunächst den klassischen Vertrieb, wie wir ihn aus vielen Bereichen kennen. Gleichzeitig sehe ich das bestehende Konstrukt in Deutschland auch kritisch. Häufig läuft es so ab, dass ein Konzern mit einer Agentur zusammenarbeitet, diese wiederum eine weitere Agentur beauftragt und sich die Kette immer weiter fortsetzt. Am Ende dieser Kette steht der Influencer, der häufig nur noch einen Bruchteil des ursprünglichen Budgets und der Informationen erhält, die notwendig wären, um seine Leistung optimal erbringen zu können.
Aus diesem Grund haben Abu Amaru und ich uns zusammengeschlossen und haben eine eigene Agentur gegründet. Unser Leitspruch lautet: »Von Influencern für Influencer.«
Unser Ziel ist es, unnötige Zwischenstationen – also Akteure, die aus unserer Sicht keinen zusätzlichen Mehrwert innerhalb der Wertschöpfungskette schaffen – herauszufiltern. Stattdessen möchten wir Kunden direkt mit Influencern zusammenbringen.
Welche Werte sind Ihnen beim Aufbau langfristiger Partnerschaften besonders wichtig und warum achten Sie heute stärker auf Charakter und Mindset als auf reine Fachkompetenz?
Früher habe ich mich bei der Auswahl von Menschen und Partnerschaften stark an Kompetenzen orientiert. Mittlerweile achte ich jedoch viel stärker auf Werte, Charakter, Einstellung und Mindset.
Meine Eltern haben sich häufig gestritten und sind immer wieder auseinandergegangen. Dadurch hatte ich früh das Gefühl, die Familie zusammenhalten zu müssen. Aus dieser Erfahrung heraus ist Zusammenhalt für mich bis heute einer der wichtigsten Werte im Leben.
Ich bin ein Netzwerker, bringe Menschen zusammen und habe bereits viele Personen und Unternehmen miteinander verbunden. Ein Teil unseres Wertes entsteht genau dadurch.
Auf dieser Grundlage skalieren wir und bauen unser Netzwerk weiter aus. Deshalb suche ich Menschen, die diese Denkweise verstehen und bereit sind, diesen Weg gemeinsam mitzugehen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist für mich das Teilen auf Augenhöhe. Unabhängig davon, in welchem Unternehmen oder Projekt wir arbeiten, geht es nicht darum, wer welchen Beitrag eingebracht hat oder welchen Wert jemand zu Beginn mitbringt. Entscheidend ist das gemeinsame Mindset und die Bereitschaft, zu teilen. Dadurch entsteht ein Umfeld, in dem sich Menschen nicht ausschließlich auf materielle Aspekte konzentrieren, sondern stärker auf Teambuilding, Zusammenhalt und langfristige Werte.
Denn Menschen, die wirklich engagiert sind und Verantwortung übernehmen, finden immer einen Weg, ihren Wert einzubringen. Personen, die ausschließlich materialistisch denken, können meiner Erfahrung nach langfristig eher Probleme verursachen. Selbst hohe Umsätze helfen wenig, wenn die Grundlage im Team nicht funktioniert und ein Unternehmen dadurch langfristig scheitert.
Was bedeutet für Sie nachhaltiger Unternehmensaufbau in einer Branche, die sich ständig verändert und in der Aufmerksamkeit so schnelllebig ist?
Nachhaltigkeit im digitalen Markt verbindet für mich viele der Begriffe, die ich zuvor bereits genannt habe: Transparenz, Ehrlichkeit, Arbeitseinsatz und die richtige Mentalität. In meinem Verständnis und meiner persönlichen Interpretation sind genau diese Faktoren die Grundlage für nachhaltiges Handeln.
Einen Markt weiter auszubauen, in dem zahlreiche Agenturen lediglich Informationen und Budgets weiterreichen, während Geldgeber und tatsächliche Wertschöpfungsträger nicht direkt miteinander in Kontakt kommen, sich nicht austauschen können und teilweise nicht einmal voneinander wissen, halte ich nicht für nachhaltig.
Aus meiner Sicht handelt es sich dabei um ein Modell, das sich über die Zeit in eine ungünstige Richtung entwickelt hat, bei dem viele Menschen versuchen, an der Leistung weniger zentraler Akteure mitzuverdienen.
Mein Ziel ist es, langfristig viele Beteiligungen und Unternehmensanteile aufzubauen, an unterschiedlichen Unternehmen beteiligt zu sein und dadurch mehrere Standbeine sowie verschiedene Einkommensstrukturen zu schaffen. Genau darin sehe ich nachhaltigen Aufbau: ein Netzwerk und ein Fundament zu entwickeln, das langfristig Bestand hat und nicht von einzelnen Faktoren abhängig ist.
Welche Entwicklungen innerhalb der Creator Economy bereiten Ihnen aktuell die größten Sorgen und warum?
Die harte Realität im Business ist aus meiner Sicht folgende: Viele Influencer sind leider nicht in der Lage, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Gleichzeitig fehlt es vielen Agenturen an der notwendigen Ehrlichkeit und Transparenz.
Als Influencer werden wir häufig mit Situationen konfrontiert, in denen unser Wert nicht ausreichend erkannt oder gezielt aufgebaut wird. Wir werden teilweise ausgenutzt, nicht fair behandelt oder verfolgen keine klare Strategie für unsere langfristige Positionierung und unseren Imageaufbau.
Auf der anderen Seite besteht auch die Herausforderung, dass viele Kunden auf Personen und Strukturen setzen, bei denen es vor allem um kurzfristigen finanziellen Erfolg geht. Der starke Fokus auf Geld und schnelle Gewinne ist meiner Meinung nach ein Faktor, der die Branche von innen heraus belastet.
Andererseits hat sich die Branche auch strukturell in diese Richtung entwickelt. Es geht zunehmend um größere Deals, höhere Summen und mehr Aufmerksamkeit. Bei Influencern spielt dabei teilweise das eigene Ego eine Rolle, während bei Agenturen häufig der Fokus auf kurzfristigem Umsatz und schnellen Abschlüssen liegt.
Genau diesem Trend möchten wir entgegenwirken. Wir wollen wieder mehr Ehrlichkeit, Transparenz, das richtige Mindset und echten Arbeitswillen in die Branche bringen. Genau diese Werte unterscheiden uns aus meiner Sicht von anderen Agenturen.