Einstellung

Krisenfest durch klare Strukturen: Wie Unternehmen Führung neu denken müssen

8 Min.

27.07.2026

Viele Unternehmen stehen heute vor neuen Herausforderungen: Märkte verändern sich, Wachstum wird anspruchsvoller und interne Strukturen geraten stärker unter Druck. Im Gespräch verrät Maximilian Marcus, Berater für Unternehmensentwicklung, warum klare Prozesse, starke Führungssysteme und organisatorische Klarheit entscheidend sind – und wie Unternehmen auch in unsicheren Zeiten handlungsfähig bleiben.

Viele Gründer erleben aktuell ein deutlich schwierigeres Marktumfeld als noch vor wenigen Jahren. Was sind aus Ihrer Sicht die größten strukturellen Veränderungen in der Wirtschaft?

Ich spreche regelmäßig mit Geschäftsführern und Gründern, die mir sagen: »Wir machen eigentlich alles richtig — und trotzdem wird es nicht einfacher.« Das ist kein Einzelfall, das ist ein Muster.

Was sich strukturell verändert hat, ist die Fehlertoleranz im Markt, die gegen null gesunken ist. In den Jahren mit starkem Wachstum und billigem Geld konnte ein Unternehmen vieles kompensieren – schlechte Prozesse, unklare Verantwortlichkeiten, Führungskräfte, die eigentlich keine sind. Der Markt hat das übertüncht. Heute gelingt dies nicht mehr.

Budgets werden knapper, Entscheidungszyklen länger, Kunden kritischer und informierter. Wer heute noch mit denselben internen Strukturen arbeitet wie 2019, zahlt einen Preis – er sieht ihn nur nicht immer sofort. Er zeigt sich in Fluktuation, die man nicht erklären kann. In Projekten, die länger dauern als geplant. In Meetings, in denen dieselben Themen immer wieder auftauchen, ohne dass sich etwas ändert.

Wenn die Euphorie des stetigen Umsatzwachstums einer Zukunftsangst weicht, sieht man zum ersten Mal, wie das Unternehmen wirklich aufgebaut ist. Und das ist oft ernüchternd – nicht, weil die Menschen schlechter geworden sind, sondern weil die Strukturen nie wirklich gebaut wurden. Wie bei einem Gebäude, das schnell hochgezogen wurde: Von außen sieht es solide aus. Erst wenn der Sturm kommt, merkt man, dass Fundament, Führung und Prozesse nie wirklich verankert wurden.

Warum geraten gerade in unsicheren Zeiten Führungssysteme und Prozesse stärker in den Fokus von Unternehmen?

Weil die Symptome fehlender Strukturen in schwierigen Zeiten sichtbar werden – auch wenn die Ursachen schon lange davor entstanden sind. Ein Team, das kündigt, ist ein Symptom. Die fehlende Führungsroutine dahinter ist die Ursache. Steigende Kosten bei stagnierendem Output sind ein Symptom. Unsichtbare Prozessbrüche sind die Ursache.

Ein typisches Bild, das ich in Unternehmen immer wieder antreffe und das besonders häufig bei Gründern: Der Unternehmer selbst wird zum Flaschenhals. Jede wichtige Entscheidung landet auf seinem Tisch. Das Team wartet. Projekte stocken. Und er selbst arbeitet 60 Stunden die Woche und fragt sich, warum er trotzdem das Gefühl hat, nicht vorwärtszukommen. Was als Stärke begann – Kontrolle, Überblick, Verantwortung – wird zur Wachstumsbremse. Und zum falschen Vorbild für das Team, das anfängt, genauso zu arbeiten: reaktiv, ohne klare Struktur, immer im Modus »brennendstes Problem zuerst«.

In stabilen Zeiten fällt das kaum auf – der Umsatz steigt trotzdem, also muss ja alles funktionieren. Wenn das Umfeld schwieriger wird, bricht dieses System zusammen. Plötzlich muss schneller entschieden werden, mit weniger Informationen und höherem Risiko. Und genau dann zeigt sich, ob ein Unternehmen eine echte Führungsarchitektur hat, oder ob Führung bisher einfach die Summe von Einzelpersönlichkeiten war.

Was verstehen Sie konkret unter einem funktionierenden Führungssystem?

Ich beschreibe es am einfachsten über das Gegenteil – wie es aussieht, wenn sie fehlt.

Erstes Bild: Ein Mitarbeiter hat ein Problem. Er geht zur Führungskraft. Die Führungskraft hat keine Entscheidungsbefugnis, also geht sie zum nächsten. Der wiederum wartet auf den Geschäftsführer. Der Geschäftsführer ist in einem Meeting. Drei Tage später wird entschieden. Zu spät, zu teuer, zu demotivierend. Das ist kein Extremfall, das ist Alltag in erschreckend vielen Unternehmen.

Zweites Bild: Ein erfahrener Bereichsleiter verlässt das Unternehmen. Mit ihm geht Wissen, das nirgendwo dokumentiert ist – Kundenbeziehungen, Prozessdetails, informelle Absprachen. Das Team steht still, weil niemand weiß, wie bestimmte Dinge wirklich funktionieren. Der Geschäftsführer springt ein, deckt alles ab, und das Rad dreht sich von vorne. Das ist kein Pech, das ist »Key-Man-Risiko«, das nie adressiert wurde.

Eine funktionierende Führungsarchitektur beantwortet drei Fragen klar: Wer entscheidet was, ohne als erstes den Chef zu fragen? Wie fließen Informationen nach oben und nach unten, ohne gefiltert oder verzögert zu werden? Und wie werden Fehler sichtbar, bevor sie eskalieren?

Wenn diese drei Fragen im Alltag beantwortet sind, verändert sich die Energie im Unternehmen spürbar. Führungskräfte sind handlungsfähig, Teams liefern zuverlässiger, und der Geschäftsführer kann endlich an seinem Unternehmen arbeiten – statt nur darin. Die meisten haben es nie explizit gebaut, sie haben es wachsen lassen. Und gewachsene Strukturen sind selten die richtigen.

Warum können gerade klare Prozesse in unsicheren Zeiten ein echter Wettbewerbsvorteil sein?

Weil unklare Prozesse unsichtbar Kapazität verbrennen und das in guten Zeiten niemanden interessiert.

Ich frage Geschäftsführer manchmal: Wie viel Prozent der Arbeitszeit in Ihrem Unternehmen geht dafür drauf, Dinge zu klären, die längst geklärt sein sollten? Wer ist zuständig? Was ist der nächste Schritt? Warum ist das schon wieder passiert? Die meisten schätzen spontan 20 bis 30 Prozent. Die Realität ist oft höher.

Wir erleben in Projekten regelmäßig, dass Unternehmen mit strukturierten Prozessen dieselbe Arbeit mit deutlich weniger Kapazität leisten – nicht weil Stellen gestrichen werden, sondern weil Reibung verschwindet. Ein konkretes Beispiel: Ein Planungsbüro aus der Baubranche kam zu uns mit stagnierendem Wachstum, fehlenden internen Prozessen und einer Struktur, in der der Geschäftsführer die einzige echte Führungskraft war. Jede Entscheidung, jede Eskalation, jeder Kundenkontakt lief über ihn. Das Unternehmen war nicht zu klein zum Wachsen — es war strukturell blockiert.

Wir haben zunächst die Kernprozesse in Vertrieb und Projektsteuerung sauber dokumentiert, dann eine zweite Führungsebene aufgebaut und klare Entscheidungsbefugnisse definiert. Das Ergebnis: Der Geschäftsführer konnte sich erstmals auf Akquise und Unternehmensentwicklung konzentrieren — statt täglich im Tagesgeschäft zu verschwinden. Das Unternehmen ist seitdem wieder auf Wachstumskurs.

In schwierigen Zeiten ist dieser Effizienzgewinn kein Nice-to-have. Er ist der Unterschied zwischen einem Unternehmen, das reagieren kann, und einem, das zu langsam ist, um den Moment zu nutzen.

Sehen Sie Unterschiede zwischen Unternehmen, die stabil durch Krisen kommen, und denen, die ins Straucheln geraten?

Ja – und der Unterschied ist fast nie das, was man von außen vermutet.

Man könnte denken: Die Stabilen haben bessere Produkte, mehr Kapital, klügere Leute. Manchmal stimmt das. Aber ich sehe genauso oft kleine, ressourcenarme Unternehmen, die Krisen souverän meistern und große, kapitalisierte Firmen, die ins Straucheln geraten. Der entscheidende Unterschied ist die organisatorische Klarheit.

Unternehmen, die ins Straucheln geraten, haben häufig dasselbe Muster: Alles hängt an wenigen Schlüsselpersonen. Wenn eine davon ausfällt oder geht, bricht Wissen weg, das nirgendwo dokumentiert ist. Entscheidungen dauern plötzlich dreimal so lang. Teams warten auf Orientierung, die nicht kommt. Und während das intern passiert, dreht sich der Markt weiter.

Stabile Unternehmen dagegen haben Führung und Prozesse so gebaut, dass sie auch dann funktionieren, wenn der Chef zwei Wochen im Urlaub ist. Das klingt banal, aber ich kenne erschreckend viele Geschäftsführer, für die das keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein unerreichtes Ziel.

Welche drei Strukturen sollte jedes Unternehmen Ihrer Meinung nach unbedingt etablieren?

Erstens: Klare Entscheidungsarchitektur – wer entscheidet was, ohne den Chef zu fragen. Nicht als schönes Organigramm, sondern als gelebte Praxis. Der Test ist einfach: Wenn Sie als Geschäftsführer eine Woche nicht erreichbar sind, läuft das Unternehmen? Wenn die Antwort Nein ist, haben Sie kein Führungsproblem. Sie haben ein Strukturproblem.

Zweitens: Dokumentierte Kernprozesse in den drei kritischsten Bereichen – meist Vertrieb, Projektsteuerung und interne Kommunikation. Nicht als 50-seitiges Handbuch, das niemand liest. Sondern als klare, einfache Ablaufbeschreibung, die ein neuer Mitarbeiter in einer Stunde verstehen kann. Wenn Ihr bester Vertriebler morgen kündigt, kann der Nächste nahtlos weitermachen? Wenn Nein: Das ist kein Pech, das ist ein vermeidbares Risiko.

Drittens: Verlässliche Führungsroutinen – feste Formate für Feedback, Ziele, Priorisierung. Keine Marathon-Meetings, sondern kurze, strukturierte Rhythmen, die Orientierung geben. Der häufigste Satz, den ich von Mitarbeitenden höre, wenn diese Routinen fehlen: »Ich weiß nie, woran ich bin.« Das ist kein emotionales Problem, das ist ein Produktivitätsproblem.

Die meisten Unternehmen scheitern nicht an fehlendem Talent oder fehlendem Kapital. Sie scheitern daran, dass niemand diese drei Strukturen je explizit gebaut hat. Und das Tragische: Es wäre vermeidbar gewesen.

Über unseren Gesprächspartner:

Maximilian Marcus ist Gründer und Geschäftsführer der Aventicon GmbH, einer auf Führungskräfteentwicklung und Unternehmensentwicklung spezialisierten Beratung. Sein Fokus liegt darauf, Unternehmen dabei zu unterstützen, Prozesse zu optimieren, Führung zu stärken und nachhaltiges Wachstum möglich zu machen. Aventicon wurde 2026 mit dem TOP CONSULTANT-Siegel ausgezeichnet — als einer der besten Berater für den Mittelstand in Deutschland.

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