Beate Uhse ist einer dieser Namen, bei denen die Assoziation schneller da ist als die Biografie. Sexshop, Versandhandel, Erotikimperium: Das Etikett klebt bis heute. Was dahinter leicht verschwindet, ist eine Lebensgeschichte, die sehr viel mehr erzählt als die Geschichte eines Geschäftsmodells.
Die Frau hinter dem Namen
Denn bevor Beate Uhse Unternehmerin wurde, war sie Pilotin. Eine Frau im Cockpit, in einer Zeit, in der das alles andere als selbstverständlich war. Sie flog Sportmaschinen, wurde Kunstfliegerin und arbeitete später auch als Test- und Überführungspilotin. Risiko kannte sie also nicht erst aus Bilanzen, Prozessen und gesellschaftlichen Anfeindungen. Sie kannte es aus der Luft.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war diese Welt vorbei. Für Uhse begann, wie für so viele andere, eine Odyssee. Sie war auf der Flucht, wohnte in unterschiedlichsten Quartieren und traf auf Menschen ganz unterschiedlicher Couleur. Dabei erfuhr sie von einer Not, die auf den ersten Blick nicht erkennbar war: Viele Frauen fürchteten, in den instabilen Nachkriegsjahren schwanger zu werden. Ihre Männer waren gefallen, in Gefangenschaft, arbeitslos oder traumatisiert. Wissen über Sexualität und Verhütung war oft kaum vorhanden.
Uhse hatte einen entscheidenden Vorsprung. Ihre Mutter gehörte zu den ersten Ärztinnen Deutschlands und hatte sie früh aufgeklärt. Dieses Wissen gab Beate Uhse weiter. Aus Gesprächen und praktischer Hilfe entstand eine Broschüre, die sogenannte »Schrift X«. Sie erklärte, wie sich fruchtbare Tage berechnen lassen. Aus heutiger Sicht war das keine sichere Verhütungsmethode. Für viele Frauen damals war es trotzdem ein erster Zugang zu Information, Selbstbestimmung und einem Thema, das sonst von Scham, Moral und Schweigen umstellt war.
Aufklärung als Geschäftsmodell
Aus dieser Broschüre entwickelte Uhse ein Unternehmen. 1951 gründete sie ihr Versandhaus für Ehe- und Sexualliteratur sowie hygienische Artikel. 1962 eröffnete sie in Flensburg ein »Fachgeschäft für Ehehygiene«, das als erster Sexshop der Welt gilt. Schon diese Bezeichnung zeigt, wie eng Geschäftssinn, Vorsicht und gesellschaftlicher Druck miteinander verwoben waren. Man sprach nicht von Lust. Man sprach von Hygiene.
Der Widerstand war massiv. Polizei und Staatsanwaltschaft beschäftigten sich jahrzehntelang mit ihrem Sortiment. Rund 2.000 Strafverfahren wurden eingeleitet, etwa 700 davon führten zu Gerichtsprozessen. Nur selten lässt sich so deutlich sehen, wie viel Energie eine Gesellschaft darauf verwenden kann, das auszusprechen zu verhindern, was sie längst lebt.
Gerade deshalb ist Beate Uhse interessant. Sie war keine laute Befreiungsfigur im heutigen Sinn, keine theoretische Feministin, keine Frau, die sich über Klischees stellte, indem sie ihnen demonstrativ den Kampf ansagte. Auf Fotos wirkt sie oft erstaunlich bürgerlich, fast zugeknöpft. Genau darin liegt die Spannung. Diese Frau baute ein Erotikunternehmen auf, ohne selbst wie eine Projektionsfläche für Erotik aufzutreten.
Vielleicht half ihr dabei auch ihre frühere Fliegerinnen-Erfahrung: Wer gelernt hat, eine Maschine gegen Wind, Wetter und Erwartung zu steuern, lässt sich nicht so leicht vom moralischen Gegenwind einer ganzen Republik aus der Bahn werfen.
Beate Uhse war nicht deshalb emanzipiert, weil sie einem bestimmten Bild von Emanzipation entsprach. Sie war es, weil sie handelte. Weil sie eine Marktlücke erkannte, wo andere nur Sünde sahen. Weil sie aus weiblicher Not ein Geschäftsmodell machte, das zugleich Aufklärung, Provokation und Profit war.
Zum 25. Todestag bleibt deshalb mehr als ein Markenname. Beate Uhse steht für eine Bundesrepublik, die sich moralisch empörte und heimlich bestellte. Für Frauen, die Fragen hatten, aber keine Sprache dafür. Und für eine Unternehmerin, die früh verstand: Manchmal beginnt gesellschaftlicher Wandel nicht mit großen Parolen, sondern mit einer Broschüre im Umschlag.
SK