Erfolg

Deutsches Milliarden-Start-up jagt den Drohnen-Weltrekord

Quantum Systems erreicht mit einer batterieelektrischen Drohne 777 km/h – und entwickelt Technologien für die militärische Drohnenabwehr

8 Min.

23.10.2026

Die Apex Recordhunter von Quantum Systems

Eine kleine Drohne, ein batterieelektrischer Antrieb und eine Geschwindigkeit von 777 Kilometern pro Stunde: Das deutsche Technologieunternehmen Quantum Systems meldet einen außergewöhnlichen Testflug. Ein offizieller Weltrekord ist daraus noch nicht geworden. Doch die Entwicklung zeigt, wie sich ein 2015 gegründetes Start-up zu einem milliardenschweren Unternehmen entwickelt hat, dessen Technologien für die europäische Verteidigungsindustrie zunehmend an Bedeutung gewinnen.

777 Kilometer pro Stunde mit Batterieantrieb

Das deutsche Drohnenunternehmen Quantum Systems hat mit einem experimentellen Fluggerät nach eigenen Angaben eine Geschwindigkeit von 777 Kilometern pro Stunde erreicht. Die ausschließlich elektrisch angetriebene Apex Recordhunter beschleunigte während eines Testflugs innerhalb von 27 Sekunden auf diese Geschwindigkeit.

Damit bewegt sich die kleine Drohne in einem Geschwindigkeitsbereich, der für batterieelektrische Fluggeräte bislang außergewöhnlich ist. Umgerechnet legt sie bei diesem Tempo mehr als 215 Meter pro Sekunde zurück.

Entwickelt wurde die Apex Recordhunter von N3XT, der Forschungs- und Entwicklungseinheit von Quantum Systems. Das Team arbeitet an neuen Technologien, die später in leistungsfähige unbemannte Flugsysteme einfließen sollen.

Bereits am 26. Juni 2026 hatte die Drohne bei internen Tests 699 Kilometer pro Stunde erreicht. Der jüngste Versuch übertraf diesen Wert um weitere 78 Kilometer pro Stunde.

Ein offiziell anerkannter Weltrekord liegt allerdings noch nicht vor. Dafür wäre nach den einschlägigen Rekordregeln ein zweiter Messflug in entgegengesetzter Richtung erforderlich gewesen, um mögliche Windeinflüsse auszugleichen.

Nach Angaben von Unternehmensmitgründer Florian Seibel fand der erste Flug bei Gegenwind statt. Beim anschließenden Versuch geriet jedoch eine Batterie in Brand, sodass der notwendige zweite Durchgang nicht erfolgreich abgeschlossen werden konnte.

Das Unternehmen kündigte an, einen weiteren Anlauf zur offiziellen Anerkennung des Geschwindigkeitsrekords zu unternehmen.

Warum extreme Geschwindigkeit zum Entwicklungsziel wird

Die Apex Recordhunter ist kein serienreifes Produkt. Quantum Systems bezeichnet das Fluggerät ausdrücklich als Technologiedemonstrator.

Der Versuch dient dazu, die Grenzen elektrischer Antriebe, der Aerodynamik und der Kühlung bei besonders hohen Geschwindigkeiten zu untersuchen.

Dafür müssen mehrere technische Komponenten präzise aufeinander abgestimmt werden. Ein leistungsfähiger Elektromotor benötigt ausreichend Energie, während Batterien und elektronische Systeme unter hoher Belastung erhebliche Wärme entwickeln.

Zugleich steigen bei hohen Fluggeschwindigkeiten die Anforderungen an die Stabilität des Fluggeräts. Bereits kleine Abweichungen von der gewünschten Fluglage können zusätzlichen Luftwiderstand verursachen und die verfügbare Energie schneller aufbrauchen.

Für Quantum Systems sind die gewonnenen Erkenntnisse vor allem im Bereich der Drohnenabwehr interessant.

Im Krieg gegen die Ukraine setzt Russland zunehmend schnellere Angriffsdrohnen ein. Strahlgetriebene Modelle können Geschwindigkeiten von etwa 500 bis 600 Kilometern pro Stunde erreichen.

Herkömmliche kleine Abfangdrohnen stoßen dabei an technische Grenzen. Um solche Ziele erreichen zu können, werden leistungsfähigere Systeme benötigt.

Die Apex Recordhunter soll dafür technologische Grundlagen liefern. Dass sie kurzfristig selbst als einsatzfähige Abfangdrohne verwendet wird, ist nicht angekündigt.

Vom Universitätsprojekt zum milliardenschweren Unternehmen

Hinter dem Geschwindigkeitsversuch steht eine bemerkenswerte Unternehmensentwicklung.

Quantum Systems wurde im Januar 2015 von Florian Seibel, Michael Kriegel, Tobias Kloss und Armin Busse gegründet. Die vier Ingenieure hatten zuvor im Umfeld der Universität der Bundeswehr München an unbemannten Flugsystemen gearbeitet.

Ihr ursprünglicher Ansatz lag in der Entwicklung elektrisch angetriebener Drohnen, die senkrecht starten und landen, zugleich aber die aerodynamischen Vorteile eines Tragflächenflugzeugs nutzen können.

Solche Fluggeräte eignen sich unter anderem zur Vermessung größerer Flächen, zur Erfassung geografischer Daten und zur Inspektion von Infrastruktur.

Mit Produkten wie der Vermessungsdrohne Trinity und der Aufklärungsdrohne Vector erschloss das Unternehmen sowohl zivile als auch staatliche und militärische Märkte.

Inzwischen hat sich Quantum Systems zu einem international tätigen Anbieter unbemannter Systeme entwickelt. Zum Geschäftsmodell gehören neben den Fluggeräten zunehmend Software, künstliche Intelligenz und die Vernetzung unterschiedlicher autonomer Plattformen.

Mit dem wachsenden Bedarf an Drohnentechnologie hat sich auch die wirtschaftliche Bedeutung des Unternehmens verändert.

1,2 Milliarden Dollar frisches Kapital

Am 2. Juli 2026 gab Quantum Systems eine Finanzierungsrunde über 1,2 Milliarden Dollar bekannt. Zu den führenden Investoren gehörten Blackstone, Noteus, Airbus und Advent.

Das Unternehmen wurde im Zuge der Finanzierung mit rund acht Milliarden Dollar bewertet.

Damit gehört Quantum Systems zu den wertvollsten privat finanzierten Technologieunternehmen Deutschlands.

Die Bewertung bedeutet allerdings nicht, dass das Unternehmen acht Milliarden Dollar Umsatz erzielt oder über ein entsprechendes Vermögen verfügt. Sie beschreibt den rechnerischen Unternehmenswert, der sich aus der Finanzierungsrunde ergibt.

Die Investoren setzen insbesondere auf das Wachstum autonomer Verteidigungssysteme und die Fähigkeit des Unternehmens, seine Technologien in größerem industriellem Maßstab herzustellen.

Quantum Systems will das Kapital nutzen, um seine Produktionskapazitäten auszubauen, Lieferketten zu stärken und die Entwicklung vernetzter autonomer Systeme voranzutreiben.

Dazu gehört auch eine stärkere internationale Expansion. Mit Airbus vereinbarte das Unternehmen eine vertiefte Zusammenarbeit bei der Entwicklung europäischer Verteidigungstechnologien.

Der Ukraine-Krieg verändert das Geschäftsmodell

Eine wesentliche Rolle für die wirtschaftliche Entwicklung von Quantum Systems spielt der Krieg in der Ukraine.

Seit der russischen Invasion 2022 liefert das Unternehmen Aufklärungsdrohnen und weitere unbemannte Systeme an die ukrainischen Streitkräfte. Gleichzeitig hat es seine Präsenz im Land ausgebaut und eigene Produktionsstrukturen geschaffen.

Anfang Oktober 2026 kündigte Bundeskanzler Friedrich Merz die deutsche Finanzierung mehrerer Zehntausend Abfangdrohnen von Quantum Systems für die Ukraine an.

Die Systeme sollen im Land selbst produziert werden und insbesondere zur Abwehr russischer Angriffsdrohnen beitragen.

Anders als die experimentelle Apex Recordhunter handelt es sich dabei um Abfangsysteme, die für den militärischen Einsatz entwickelt werden. Die Geschwindigkeit des Rekordgeräts ist nicht mit ihrer tatsächlichen Leistungsfähigkeit gleichzusetzen.

Für Quantum Systems zeigt sich an diesem Auftrag, wie eng technologische Entwicklung und industrielle Fertigung inzwischen miteinander verbunden sind.

Nicht allein die Leistungsfähigkeit einer einzelnen Drohne entscheidet über den wirtschaftlichen Erfolg. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, große Stückzahlen zuverlässig herzustellen, technische Verbesserungen schnell umzusetzen und die Systeme unter realen Einsatzbedingungen zu betreiben.

Die Nachfrage nach unbemannten Systemen hat damit einen Markt entstehen lassen, in dem auch vergleichsweise junge Unternehmen mit etablierten Rüstungskonzernen konkurrieren.

Warum Rekorde noch keinen wirtschaftlichen Erfolg garantieren

Die Geschwindigkeit der Apex Recordhunter ist ein technologischer Erfolg, aber noch kein Nachweis für die Wirtschaftlichkeit eines späteren Serienprodukts. Ein Abfangsystem muss mehr leisten, als lediglich einen hohen Geschwindigkeitswert zu erreichen.

Entscheidend sind unter anderem die verfügbare Flugzeit, die Zuverlässigkeit der Elektronik, die Fähigkeit zur Zielerfassung und die Kosten der Herstellung. Bei militärischen Abfangdrohnen spielt das Verhältnis zwischen den Kosten eines eingesetzten Systems und denen des abgewehrten Angriffsgeräts eine wichtige Rolle.

Eine besonders schnelle Drohne wäre wirtschaftlich wenig attraktiv, wenn sie nur mit erheblichem Aufwand produziert werden könnte oder unter Einsatzbedingungen nicht zuverlässig funktionierte. Hinzu kommt das Risiko, das der Rekordversuch selbst sichtbar gemacht hat. Die hohe Belastung der Batterien stellt die Entwickler vor erhebliche technische Herausforderungen.

Der Brand beim zweiten Flug zeigt, dass die Grenzen des Systems nicht nur bei der Geschwindigkeit liegen. Sicherheit, thermische Belastbarkeit und reproduzierbare Leistung müssen ebenfalls beherrscht werden.

Quantum Systems will die gewonnenen Erkenntnisse deshalb schrittweise in seine regulären Produkte übertragen.

Für serienmäßige Abfangsysteme könnten nach Einschätzung von Unternehmensmitgründer Seibel bereits Geschwindigkeiten von 600 bis 650 Kilometern pro Stunde ausreichen.

Eine neue Generation europäischer Technologieunternehmen

Der Aufstieg von Quantum Systems steht für eine Entwicklung, die in der europäischen Industrie zunehmend an Bedeutung gewinnt.

In der Verteidigungstechnologie entstehen Unternehmen, deren Wettbewerbsvorteile weniger auf jahrzehntelanger Erfahrung im klassischen Rüstungsgeschäft als auf Softwareentwicklung, künstlicher Intelligenz und schnellen technologischen Anpassungen beruhen.

Ihr Ziel ist es, Entwicklungszyklen zu verkürzen und neue Produkte schneller vom Prototyp in die industrielle Fertigung zu überführen.

Allerdings wächst mit den Investitionen auch der wirtschaftliche Druck. Unternehmen müssen nachweisen, dass sich technologische Innovationen zuverlässig herstellen, finanzieren und langfristig betreiben lassen.

Für Quantum Systems ist der Rekordversuch deshalb vor allem ein sichtbares Zeichen seiner Entwicklungskompetenz.

Das 2015 gegründete Start-up hat sich innerhalb von elf Jahren von einem Anbieter professioneller Drohnen zu einem international tätigen Verteidigungstechnologieunternehmen mit einer Milliardenbewertung entwickelt.

Ob die Apex Recordhunter den offiziellen Weltrekord bei einem weiteren Versuch tatsächlich aufstellen wird, ist noch offen.

Die größere wirtschaftliche Herausforderung liegt ohnehin nicht darin, eine einzelne Drohne auf 777 Kilometer pro Stunde zu beschleunigen. Entscheidend ist, wie viel von dieser Technologie sich in leistungsfähige, zuverlässige und industriell herstellbare Produkte übertragen lässt.

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