Peter Thiel beim Axel Springer Award 2026 im Gespräch mit Mathias Döpfner. Als besondere Erinnerung an den Abend erhielt Thiel eine Erstausgabe von J.R.R. Tolkiens »Unfinished Tales« aus dem Jahr 1980.
Peter Thiel wurde am Donnerstagabend in Berlin für Unternehmertum, Risikobereitschaft und unkonventionelles Denken ausgezeichnet. Lange dauerte es nicht, bis der Preisträger demonstrierte, was Axel Springer damit meinte. Teile der Medien seien zu einer Art »linken Hassfabrik« geworden, sagte Thiel beim Axel Springer Award. Die Medienlandschaft sei aus seiner Sicht »sehr, sehr einseitig« und weniger frei, als sie sein sollte. Das ist zunächst eine politische und medienkritische Position des Investors. Es passt aber ebenso zu einem Muster, das sich durch seine gesamte Karriere zieht: Thiel sucht systematisch dort nach Chancen, wo er glaubt, dass die Mehrheit falschliegt.
Ausgezeichnet für das Denken gegen den Strom
Axel Springer verlieh Thiel am 24. September den Axel Springer Award 2026. Der undotierte Preis würdigt nach Angaben des Medienkonzerns Persönlichkeiten, die Märkte verändert und technologische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Debatten geprägt haben. Springer-Chef Mathias Döpfner bezeichnete Thiel in seiner Laudatio unter anderem als einen der einflussreichsten Investoren seiner Generation und hob dessen Unternehmertum sowie seine Bereitschaft hervor, gegen bestehende Überzeugungen anzudenken.
Die Liste seiner frühen Wetten ist tatsächlich ungewöhnlich.
Thiel gehörte zu den Mitgründern von PayPal und war der erste externe Investor bei Facebook. Später gründete er gemeinsam mit Partnern Palantir, dessen Software heute unter anderem von Behörden, Geheimdiensten, Militär und Unternehmen zur Analyse großer Datenmengen eingesetzt wird. Über den Founders Fund beteiligte er sich früh an Firmen aus Raumfahrt, künstlicher Intelligenz und Biotechnologie.
Palantir allein war am 24. September an der Börse rund 460 Milliarden Dollar wert.
Thiels Karriere ist deshalb eng mit einer Idee verbunden, die im Venture Capital fast zum eigenen Stil geworden ist: Dort investieren, wo eine Überzeugung noch nicht Konsens ist.
Der Widerspruch ist bei Thiel kein Nebengeräusch
Das macht seine öffentliche Rolle zugleich kompliziert. Wer konsequent gegen etablierte Annahmen denkt, kann Dinge früher erkennen als andere. Er kann aber ebenso spektakulär falschliegen. Daher ist Thiels Denken für Gründer und Investoren interessant, ohne dass man seine politischen oder gesellschaftlichen Ansichten teilen müsste.
Die entscheidende Frage liegt irgendwo zwischen: Wie kann man Peter Thiel kopieren? Und: Wie unterscheidet man eine begründete Gegenposition von bloßer Provokation?
Thiel selbst hat Widerspruch über Jahre beinahe zu einer Methode erhoben. Unternehmer sollen seiner Vorstellung nach nicht danach fragen, welche Idee gerade populär wird, sondern welche wichtige Wahrheit sie erkennen, die andere noch übersehen.
Das lässt sich wirtschaftlich ziemlich gut an Facebook oder Palantir nachvollziehen.
Bei gesellschaftlichen Fragen wird dieselbe Methode wesentlich kontroverser.
In Berlin wurde aus Medienkritik schnell Politik
Bei der Preisverleihung blieb Thiel nicht bei allgemeinen Aussagen über Journalismus. Er äußerte sich auch zur jüngsten Berliner Abgeordnetenhauswahl und zum Wahlerfolg der Linken. Er könne nachvollziehen, weshalb Menschen die Partei gewählt hätten, sagte Thiel: Zu hohe Wohnkosten seien ein reales Problem. Die Antworten der Linken halte er jedoch für falsch. Mietpreisbindungen würden Berlin seiner Ansicht nach weiter schaden.
Das ist Thiels politische Bewertung, keine empirische Feststellung.
Die Auseinandersetzung darüber, welche Folgen Mietpreisregulierung hat, gehört seit Jahren zu den zentralen wirtschaftspolitischen Konflikten der Hauptstadt. Auswirkungen hängen unter anderem von Ausgestaltung, Wohnungsangebot, Neubau, Investitionen und dem jeweiligen Marktsegment ab.
Interessant ist an Thiels Aussage deshalb weniger die einzelne wohnungspolitische Position.
Interessanter ist, dass er auch hier derselben Logik folgt: Ein populäres politisches Mittel wird nicht danach beurteilt, welche Absicht dahintersteht, sondern danach, welche unbeabsichtigten Folgen er erwartet.
Mehr als 200 Menschen protestierten vor dem Gebäude
Wie polarisiert Thiel inzwischen wahrgenommen wird, zeigte sich gleichzeitig vor dem Axel-Springer-Haus. Nach Polizeiangaben beteiligten sich mehr als 200 Menschen an einer Protestkundgebung gegen seine Auszeichnung. Linke Gruppen hatten dazu aufgerufen. Auch der Deutsche Journalisten-Verband hatte die Entscheidung kritisiert.
Die Demonstranten spielten mit dem Motto »Thiel Shall Not Pass« auf »Der Herr der Ringe« an – ausgerechnet auf ein Werk, das für Thiel selbst eine große Bedeutung hat. Mehrere seiner Unternehmen beziehungsweise Investments tragen Namen aus Tolkiens Welt. Axel Springer schenkte ihm an diesem Abend deshalb eine Erstausgabe von Tolkiens »Unfinished Tales«.
Der Gegensatz hätte kaum sichtbarer sein können.
Das Geschäftsmodell des Andersdenkens
Fast jeder Gründer hört irgendwann, er müsse gegen bestehende Strukturen denken.
Disruption, Nonkonformismus, Mut zum Risiko – kaum ein Start-up-Vokabular kommt ohne solche Begriffe aus. Doch echtes Contrarian Thinking ist unbequemer.
Es bedeutet nicht, automatisch das Gegenteil dessen zu glauben, was die Mehrheit glaubt. Eine Gegenmeinung wird erst dann wirtschaftlich wertvoll, wenn sie auf einer Annahme beruht, die sich überprüfen lässt – und wenn daraus ein Produkt, eine Technologie oder ein Geschäftsmodell entsteht, das tatsächlich funktioniert.
Facebook wurde nicht deshalb wertvoll, weil Thiel den damaligen Konsens provozieren wollte. Seine frühe Investition wurde wertvoll, weil das soziale Netzwerk tatsächlich enorme Skaleneffekte entwickelte.
Palantir wurde nicht allein dadurch zu einem der teuersten Softwarekonzerne der Welt, dass seine Gründer andere Vorstellungen über Datenanalyse und staatliche Sicherheit hatten. Das Unternehmen gewann Kunden und milliardenschwere Verträge.
Zwischen Nonkonformismus und Selbstgewissheit liegt eine schmale Grenze
Womöglich die schwierigste Lektion aus Thiels Karriere:
Gründer brauchen häufig die Überzeugung, dass eine Idee funktionieren kann, obwohl viele Menschen daran zweifeln.
Wer jedoch jeden Widerspruch automatisch als Bestätigung der eigenen Genialität interpretiert, verliert genau die Fähigkeit, die gute Unternehmer ebenfalls brauchen: die eigene Hypothese zu korrigieren.
Erfolgreiches Gegen-den-Strom-Denken braucht deshalb die Bereitschaft, die Mehrheit infrage zu stellen ebenso, wie die Bereitschaft, sich selbst infrage stellen zu lassen.
Peter Thiels Berliner Auftritt zeigt eindrucksvoll die erste Hälfte dieses Prinzips. Über die zweite wird vermutlich noch lange gestritten werden.
Stefanie S. Klief