Carl Benz und Gottlieb Daimler erfanden unabhängig voneinander das Automobil. Ihre Unternehmen konkurrierten jahrzehntelang. Erst eine schwere Krise brachte sie zusammen. Am 29. Oktober 1926 präsentierte sich Mercedes-Benz auf der Berliner Automobil-Ausstellung erstmals mit einem gemeinsamen Fahrzeugprogramm. Hundert Jahre später gehört der Stern zu den bekanntesten Markenzeichen der Welt – und das Unternehmen steht erneut vor einer Transformation, deren Ausgang keineswegs selbstverständlich ist.
Zwei Erfinder, die zunächst nichts miteinander zu tun hatten
Die Geschichte von Mercedes-Benz beginnt eigentlich zweimal.
Am 29. Januar 1886 meldete Carl Benz beim Kaiserlichen Patentamt sein »Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb« an. Die Patentschrift Nummer 37435 gilt heute als Geburtsurkunde des modernen Automobils. Noch im selben Jahr konstruierte Gottlieb Daimler gemeinsam mit Wilhelm Maybach in Cannstatt eine vierrädrige Motorkutsche mit Verbrennungsmotor. Beide Entwicklungen entstanden unabhängig voneinander.
Aus den Werkstätten wurden Unternehmen, aus den Erfindungen ein neuer Industriezweig. Benz & Cie. in Mannheim und die Daimler-Motoren-Gesellschaft in Stuttgart wurden zu Konkurrenten.
Dass ihre Namen eines Tages gemeinsam auf einem Kühlergrill stehen würden, war keineswegs vorgezeichnet.
Selbst technisch verlief die frühe Geschichte nicht immer friedlich. Patente wurden gegeneinander durchgesetzt, Lizenzgebühren fällig, Marktanteile verteidigt. Das Deutsche Patent- und Markenamt erinnert beispielsweise daran, dass Carl Benz aufgrund von Daimler- beziehungsweise Maybach-Patenten Lizenzgebühren zahlen musste.
Ausgerechnet diese beiden Traditionslinien sollten später gemeinsam eine der bekanntesten Marken der Industriegeschichte bilden.
Der Name Mercedes gehörte zunächst nur zur Daimler-Seite
Auch der Name selbst entstand lange vor der Fusion.
Der Geschäftsmann und Autoliebhaber Emil Jellinek vertrieb Fahrzeuge der Daimler-Motoren-Gesellschaft und bestellte im Jahr 1900 eine neue Motoren- und Fahrzeuggeneration. Als Produktname setzte sich »Mercedes« durch – nach Jellineks Tochter Mercédès.
Der Name erwies sich als außergewöhnlich international verwendbar und entwickelte sich rasch zur Marke der Daimler-Fahrzeuge. Der berühmte Dreizackstern folgte einige Jahre später. Daimler meldete ihn 1909 als Warenzeichen an; seine drei Spitzen wurden zum Symbol für Motorisierung zu Land, zu Wasser und in der Luft.
Benz besaß seinerseits ein starkes Markenzeichen mit Lorbeerkranz.
1926 sollten beide Symbole verschmelzen.
Die Krise brachte zusammen, was jahrzehntelang getrennt war
Der Erste Weltkrieg hinterließ die deutsche Automobilindustrie in einer schwierigen Lage.
Während der Kriegsjahre war die Entwicklung ziviler Fahrzeuge weitgehend zum Erliegen gekommen. Nach 1918 folgten Währungszerfall, der Verlust wichtiger Auslandsmärkte und eine wachsende Zahl neuer Wettbewerber. Gleichzeitig drängten ausländische Hersteller wie Ford stärker auf den deutschen Markt.
Die amerikanische Automobilindustrie arbeitete längst mit Größenordnungen und Produktionsmethoden, mit denen viele europäische Hersteller kaum konkurrieren konnten.
Auch Daimler und Benz mussten reagieren.
1924 vereinbarten die beiden Unternehmen zunächst eine Interessengemeinschaft. Einkauf, Produktion, Vertrieb und Entwicklung sollten stärker koordiniert werden. Ziel war vor allem Rationalisierung: weniger Doppelarbeit, größere Stückzahlen und niedrigere Kosten.
Die Zusammenarbeit war zunächst ausdrücklich kein vollständiger Zusammenschluss. Doch die wirtschaftliche Logik führte weiter.
Unter maßgeblicher Mitwirkung der Deutschen Bank fusionierten Benz & Cie. und die Daimler-Motoren-Gesellschaft schließlich im Juni 1926 zur Daimler-Benz AG. Der Zusammenschluss galt rückwirkend zum 1. Januar. Sitz des Unternehmens war Berlin, die Hauptverwaltung befand sich in Stuttgart-Untertürkheim.
Damit entstand Mercedes-Benz aus einer Situation, die heutigen Unternehmern erstaunlich vertraut vorkommen dürfte: hoher Investitionsbedarf, internationaler Wettbewerbsdruck, technologische Veränderungen und die Erkenntnis, dass Größe allein noch keinen Schutz bietet.
Aus Stern und Lorbeer wird eine Marke
Die Fusion musste anschließend auch sichtbar werden.
Am 21. August 1926 wurde das neue Markenzeichen angemeldet: Der dreizackige Mercedes-Stern der Daimler-Motoren-Gesellschaft bekam den Lorbeerkranz von Benz & Cie. und die beiden Namen Mercedes und Benz. In seinen Grundzügen trägt die Marke diese Verbindung bis heute.
Das Logo ist damit ungewöhnlich wörtlich zu verstehen.
Es symbolisierte keinen erfundenen Neuanfang. Beide Unternehmen brachten ihre bereits etablierten Zeichen in die gemeinsame Marke ein.
Auch deshalb konnte Mercedes-Benz sehr schnell von der Reputation beider Vorgänger profitieren.
Doch ein Logo allein macht noch kein gemeinsames Unternehmen.
Die eigentliche Bewährungsprobe folgte im Herbst.
29. Oktober 1926: Mercedes-Benz tritt erstmals gemeinsam auf
Am Freitag, dem 29. Oktober 1926, öffnete in Berlin die Deutsche Automobil-Ausstellung.
Dort präsentierte sich Mercedes-Benz erstmals mit einem gemeinsamen Modellprogramm der Öffentlichkeit. Die Ausstellung dauerte bis zum 7. November.
Zu den Weltpremieren gehörten der Mercedes-Benz 8/38 PS, intern W 02, sowie der größere 12/55 PS, der W 03. Auch der sportliche Typ K wurde gezeigt. Hinzu kam ein neues Nutzfahrzeugprogramm mit Lastwagen und Fahrgestellen für Busse.
Hundert Jahre später wirkt gerade dieser Auftritt wie der tatsächliche öffentliche Geburtstag der Marke.
Im Juni war das Unternehmen juristisch entstanden. Im August bekam es sein gemeinsames Zeichen. Am 29. Oktober konnten Kunden erstmals sehen, was Mercedes-Benz als gemeinsamer Hersteller sein wollte.
Und dabei ging es schon damals um mehr als eine Zusammenstellung bestehender Fahrzeuge.
Die Fusion sollte die Produktpalette straffen und Fertigungskapazitäten effizienter nutzen. Unter der Führung von Wilhelm Kissel wurde die Zahl der Typen konsequent begrenzt und eine flexiblere Produktion vorangetrieben. Dadurch stabilisierte sich das Unternehmen so weit, dass es wenige Jahre später sogar die Weltwirtschaftskrise überstehen konnte.
Die Weltmarke entstand nicht aus einem Sieger
Das macht die Gründungsgeschichte auch hundert Jahre später interessant.
Daimler hatte Benz nicht besiegt. Benz hatte Daimler nicht verdrängt.
Zwei Unternehmen mit eigener Herkunft, eigenen Technologien, eigenen Marken und jahrzehntelanger Konkurrenz gaben einen Teil ihrer Eigenständigkeit auf, weil sich die wirtschaftlichen Bedingungen verändert hatten.
Daraus entstand langfristig etwas Größeres als beide Vorgängerunternehmen.
In den folgenden Jahrzehnten wurde Mercedes-Benz mit Fahrzeugen wie dem 300 SL, der S-Klasse, dem Unimog oder der G-Klasse international zu einem Synonym für deutsche Ingenieurskunst und Premiumautomobile. Der Stern entwickelte sich zu einem weltweit wiedererkennbaren Markenzeichen.
Die Unternehmensgeschichte verlief dabei keineswegs als ununterbrochene Erfolgskurve. Weltwirtschaftskrise, NS-Zeit und Kriegswirtschaft, Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, Wiederaufbau, Ölkrisen, Globalisierung, die problematische DaimlerChrysler-Ehe und schließlich die Abspaltung von Daimler Truck zeigen vielmehr, wie häufig sich Struktur und Strategie des Konzerns verändert haben.
Der Name blieb. Das Unternehmen dahinter wandelte sich immer wieder.
Hundert Jahre später ist Größe wieder keine Garantie
Das Jubiläum fällt ausgerechnet in eine Phase, in der die Automobilindustrie erneut tiefgreifend umgebaut wird.
Mercedes-Benz verkaufte 2025 rund 2,16 Millionen Pkw und Vans. Der Konzern erzielte einen Umsatz von 132,2 Milliarden Euro. Gleichzeitig fiel das bereinigte EBIT von 13,7 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf 8,2 Milliarden Euro. Bei Mercedes-Benz Cars sank die bereinigte Umsatzrendite von 8,1 auf fünf Prozent. Der Konzern nennt unter anderem schwächere Verkäufe in China, Preisdruck, Zölle und Wechselkurseffekte als Belastungen.
Gleichzeitig investiert Mercedes in elektrische Antriebe, eigene Fahrzeugsoftware, automatisiertes Fahren und eine neue Modellgeneration. Die Produktionskapazitäten werden angepasst, Kosten gesenkt und Werke neu verteilt. Bis 2028 soll die weltweite Produktionskapazität auf rund 2,2 Millionen Fahrzeuge ausgerichtet werden.
Vor allem China hat die Kräfteverhältnisse verändert.
Hersteller wie BYD konkurrieren längst nicht mehr nur über den Preis. Sie bringen Elektrofahrzeuge schnell auf den Markt, entwickeln Software in kürzeren Zyklen und greifen europäische Premiummarken zunehmend in deren eigenen Segmenten an.
Mercedes-Benz feiert sein hundertjähriges Markenjubiläum deshalb in einer Situation, in der der Stern zwar noch immer enorme Strahlkraft besitzt, die wirtschaftliche Position dahinter aber erneut verteidigt werden muss.
Die vielleicht aktuellste Lektion stammt aus dem Jahr 1926
Ein Unternehmensjubiläum verführt leicht dazu, Erfolg rückwärts als zwangsläufig erscheinen zu lassen.
Bei Mercedes-Benz wäre das besonders irreführend.
Carl Benz wusste 1886 nicht, dass sein Name 140 Jahre später noch auf Millionen Fahrzeugen stehen würde. Gottlieb Daimler konnte nicht wissen, dass aus seiner Motorenentwicklung eine globale Premiumautomarke entstehen würde. Und als ihre Nachfolgeunternehmen 1924 begannen zusammenzuarbeiten, geschah das nicht aus komfortabler Stärke.
Sie standen unter Druck.
Die Antwort darauf war eine grundlegende Veränderung des Unternehmens.
Am 29. Oktober 1926 konnten Besucher der Berliner Automobil-Ausstellung erstmals sehen, was daraus entstanden war: zwei alte Konkurrenten unter einem gemeinsamen Namen.
Hundert Jahre später steht Mercedes-Benz vor einer anderen technologischen Zeitenwende. Elektrische Antriebe, Software und künstliche Intelligenz verändern das Automobil ebenso grundlegend, wie industrielle Massenproduktion und internationale Konkurrenz es in den 1920er-Jahren taten.
Der Stern hat ein Jahrhundert überstanden.
Ob eine Marke auch ihr zweites Jahrhundert prägt, entscheidet jedoch nicht ihre Vergangenheit. Entscheidend ist, wie viel Veränderung sie sich trotz dieser Vergangenheit noch zutraut.
Stefanie S. Klief