Özlem Türeci und Uğur Şahin bei der Verleihung des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland. Nach Ganymed und BioNTech wagen die beiden nun mit Arife den nächsten unternehmerischen Neustart.
Monatelang war lediglich bekannt, dass Uğur Şahin und Özlem Türeci BioNTech verlassen und noch einmal ein Biotechnologieunternehmen gründen wollen. Nun wird das Projekt erstmals greifbar. Nach Recherchen des Handelsblatts heißt die neue Firma Arife, sitzt wie BioNTech in Mainz und soll mit einem Team im niedrigen dreistelligen Bereich starten. Eine BioNTech-Sprecherin bestätigte anschließend Namen und Sitz des Unternehmens. Was wie eine weitere Start-up-Geschichte klingt, ist tatsächlich ein ungewöhnliches Experiment: Zwei Gründer verlassen ein Unternehmen, das sie selbst zu einem Weltkonzern gemacht haben – um wieder an den Punkt zurückzukehren, an dem ihre größte Stärke liegt: frühe Forschung und neue Technologien.
Handelsblatt-Recherche macht Arife erstmals greifbar
Der Name ist inzwischen bekannt: Arife.
Nach Handelsblatt-Recherchen ist das Unternehmen als europäische Aktiengesellschaft, kurz SE, eingetragen und verfügt derzeit über ein Grundkapital von 120.000 Euro. Der Sitz liegt in Mainz, als Geschäftszweck sind Entwicklung, Herstellung und Vermarktung pharmazeutischer Produkte vorgesehen – mit besonderem Fokus auf innovative mRNA-Therapien.
Auch personell gibt es erste Konturen.
Nach Informationen des Handelsblatts soll Michael Maximilian Kring bei Arife die Finanzen verantworten. Er kennt die Gründer und das Unternehmen, aus dem Arife hervorgeht, gut: Kring war bereits von 2009 bis 2014 Finanzchef von BioNTech. Die geplante Belegschaft soll im niedrigen dreistelligen Bereich liegen.
Damit beginnt Arife zwar formal als junges Unternehmen. Ein klassisches Start-up ist es trotzdem nicht.
Şahin und Türeci bringen jahrzehntelange Forschungserfahrung, internationale Netzwerke, Kapitalzugang und die Glaubwürdigkeit zweier bereits erfolgreicher Unternehmensgründungen mit. Schon im Frühjahr hatten sich laut Handelsblatt namhafte Investoren und Unternehmerfamilien für das neue Projekt interessiert, obwohl damals kaum Details bekannt waren.
Arife beginnt also klein – aber keineswegs bei null.
Es ist bereits ihre dritte Firma
2001 gründeten Şahin und Türeci gemeinsam mit Partnern Ganymed Pharmaceuticals. Das Mainzer Biotech-Unternehmen entwickelte neue Antikörpertherapien gegen Krebs.
2016 übernahm der japanische Pharmakonzern Astellas Ganymed für zunächst 422 Millionen Euro. Abhängig von der weiteren Entwicklung des wichtigsten Wirkstoffprogramms wurden zusätzliche Zahlungen von bis zu 860 Millionen Euro vereinbart.
BioNTech folgte 2008. Das Unternehmen war ursprünglich ebenfalls stark auf individualisierte Krebsimmuntherapien und mRNA ausgerichtet. Während der Pandemie wurde BioNTech durch den gemeinsam mit Pfizer entwickelten Covid-19-Impfstoff weltweit bekannt.
Aus dem Forschungsunternehmen entstand innerhalb weniger Jahre ein globaler Biopharmakonzern. Dort beginnt die Geschichte von Arife.
Gründen und Skalieren sind zwei unterschiedliche Aufgaben
BioNTech befindet sich heute in einer anderen Phase als noch vor einigen Jahren.
Das Unternehmen arbeitet nicht mehr nur daran, neue technologische Plattformen und Wirkstoffe zu entdecken. Es muss große klinische Studien organisieren, Zulassungen vorbereiten, Produktportfolios priorisieren und später Medikamente weltweit vermarkten.
Im zweiten Quartal 2026 berichtete BioNTech bereits über 14 laufende zulassungsrelevante Studien und liquide Mittel einschließlich Wertpapieranlagen von 16,6 Milliarden Euro. Bis 2030 will sich das Unternehmen zu einem globalen Biopharmaunternehmen mit mehreren zugelassenen Produkten entwickeln.
Für diese Phase hat BioNTech einen neuen CEO ausgewählt. Guido Oelkers soll spätestens am 1. Februar 2027 Şahin ablösen. BioNTech hebt bei ihm ausdrücklich Erfahrung in Skalierung, Kapitalallokation, kommerzieller Umsetzung und globalem Pharmageschäft hervor.
Die Rollen verschieben sich damit sichtbar. Şahin und Türeci gehen zurück in die frühe Innovationsphase. BioNTech bekommt einen Manager für die nächste industrielle Phase.
Das ist keine Wertung darüber, welche Aufgabe wichtiger ist. Es zeigt vielmehr, dass die Fähigkeiten, die ein Unternehmen entstehen lassen, nicht zwingend dieselben sind, die es Jahre später für seine nächste Entwicklungsstufe braucht.
Arife soll wieder dort anfangen, wo der Ausgang noch offen ist
Offiziell angekündigt hatten BioNTech und die Gründer das neue Unternehmen bereits im März. Arife soll sich auf mRNA-Innovationen der nächsten Generation konzentrieren. BioNTech selbst will seine Ressourcen stärker auf die fortgeschrittene klinische Pipeline und deren spätere Vermarktung richten.
Das erzeugt eine interessante Arbeitsteilung.
Für Şahin und Türeci ist das keine vollkommen neue Richtung. mRNA war bereits vor der Pandemie einer ihrer Forschungsschwerpunkte. Die Technologie lässt sich nicht nur für Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten nutzen. Sie kann beispielsweise eingesetzt werden, um dem Immunsystem Informationen über Tumormerkmale zu liefern oder Körperzellen zeitweise bestimmte Proteine herstellen zu lassen.
Welche konkreten Programme Arife zuerst verfolgen wird, ist bislang allerdings nicht öffentlich bekannt.
Die entscheidende Frage lautet: Wem gehört die Forschung?
Ein Gründer kann ein Unternehmen verlassen. Patente können das nicht automatisch.
BioNTech hatte im März angekündigt, bestimmte Rechte und mRNA-Technologien zu marktüblichen Bedingungen in das neue Unternehmen einzubringen. Im Gegenzug sollte BioNTech eine Minderheitsbeteiligung an der Neugründung erhalten sowie mögliche Meilenstein- und Lizenzzahlungen. Ursprünglich sollte dazu bis Ende des ersten Halbjahres eine verbindliche Vereinbarung unterzeichnet werden.
Doch diese Trennung gestaltet sich offenbar schwieriger als geplant.
Das Handelsblatt berichtet inzwischen unter Berufung auf Beteiligte, dass die Verhandlungen über Patente, Wirkstoffprojekte, Vergütung und Mitarbeiter noch nicht abgeschlossen seien. Die Rechte an den bestehenden Wirkstoffen liegen bei BioNTech. Welche Projekte tatsächlich zu Arife wechseln können, ist demnach weiterhin Gegenstand der Verhandlungen.
Das heißt: Ein Gründer kann eine Idee ursprünglich angestoßen und jahrelang geprägt haben. Sobald daraus ein Unternehmen mit Investoren, Mitarbeitern, Patenten und eigenen Organen geworden ist, gehört diese Idee wirtschaftlich nicht mehr einfach dem Menschen, der sie einmal hatte. Sie gehört dem Unternehmen.
Der Erfolg verändert damit auch die Freiheit des Gründers
In der frühen Phase eines Start-ups liegen Person und Unternehmen oft sehr dicht beieinander. Der Gründer entscheidet über Forschung, Strategie, Personal und Kapital. Viele zentrale Entscheidungen laufen durch wenige Köpfe. Mit Wachstum verändert sich das.
Aktionäre kommen hinzu. Aufsichtsräte kontrollieren Entscheidungen. Geistiges Eigentum wird dem Unternehmen zugeordnet. Klinische Programme verschlingen dreistellige Millionenbeträge. Regulatorische Verantwortung wächst.
Der Gründer wird vom Eigentümer einer Idee zunehmend zum Organ einer Institution. Das ist ein wesentlicher Teil erfolgreichen Unternehmensaufbaus.
Es kann aber zugleich bedeuten, dass die Organisation irgendwann nicht mehr der Ort ist, an dem ein Gründer am liebsten arbeitet.
Şahin formulierte den Übergang im März selbst als Zeitpunkt, an dem BioNTech bereit sei, den nächsten Schritt zum kommerziellen Multi-Produkt-Unternehmen zu gehen, während er und Türeci wieder neue Wege in der Forschung verfolgen wollten.
Arife lässt sich deshalb auch als Versuch lesen, die Uhr organisatorisch zurückzustellen. Nicht wissenschaftlich. Nicht finanziell. Aber strukturell.
Ein Neustart mit enormem Vorsprung
Das macht Arife zu einem ungewöhnlichen Start-up. Die Gründer müssen sich keinen wissenschaftlichen Ruf mehr aufbauen. Sie müssen Investoren nicht erst erklären, ob sie grundsätzlich Unternehmen entwickeln können. Sie verfügen über Kontakte zu Pharmaunternehmen, Wissenschaftlern, Kapitalgebern und regulatorischen Experten auf der ganzen Welt.
Und dennoch müssen auch sie wieder die typischen Anfangsfragen beantworten:
Gerade der letzte Punkt dürfte Arife noch lange begleiten.
BioNTech soll an dem neuen Unternehmen beteiligt bleiben und von möglichen Erfolgen über Beteiligung, Lizenzgebühren und Meilensteinzahlungen profitieren. Gleichzeitig arbeiten beide Unternehmen im selben technologischen Umfeld. Partner und möglicher Wettbewerber können damit dieselbe Adresse haben.
Die eigentliche Gründergeschichte
Bei Şahin und Türeci wäre es leicht, nur auf die Dimension zu schauen.
Doch interessanter ist möglicherweise das Muster dahinter.
Nach dem Erfolg von Ganymed gründeten sie wieder. Nach dem Aufstieg BioNTechs zum globalen Biopharmakonzern tun sie es erneut.
Nicht weil sie noch einmal beweisen müssten, dass sie ein Unternehmen aufbauen können, sondern weil Unternehmensgründung für sie offenbar eine andere Art von Arbeit ermöglicht als die Führung eines bereits großen Konzerns.
Arife beginnt deshalb nicht bei null. Aber Şahin und Türeci setzen sich freiwillig wieder an einen Punkt, an dem vieles noch nicht entschieden ist. Für zwei Menschen, die bereits erlebt haben, was aus einer solchen Ausgangslage entstehen kann, dürfte ausgerechnet darin der Reiz liegen.
Stefanie S. Klief