Unternehmen

Der Wettlauf mit Musk ums Gehirn

Kijimea-Gründer Clemens Fischer investiert rund 100 Millionen Euro in Gehirnimplantate und will Elon Musks Neuralink herausfordern

12 Min.

07.11.2026

Vom Pharmaerfolg zur Neurotechnologie: Futrue-Gründer Clemens Fischer - hier bei der Preisverleihung zum »Entrepreneur of the Year 2025« - will Elon Musks Neuralink herausfordern.

Mit einem Mittel gegen Reizdarm wurde Clemens Fischer als Unternehmer erfolgreich. Jetzt will er sich mit Elon Musk messen. Der Gründer der Futrue-Gruppe plant, rund 100 Millionen Euro in ein neues Entwicklungs- und Produktionszentrum für Gehirn-Computer-Schnittstellen in München zu investieren. Seine Tochtergesellschaft Futrue Neurosciences hat bereits ein neuartiges Elektrodenarray entwickelt und strebt erste klinische Anwendungen an. Bis 2030 will Fischer zur Weltspitze der Neurotechnologie gehören. Doch der Sprung vom etablierten Gesundheitsgeschäft zu implantierbarer Hochtechnologie ist ein unternehmerisches Wagnis, dessen Erfolg sich nicht allein am technischen Fortschritt messen lassen wird.

Clemens Fischer hat sich einen Namen in einer Branche gemacht, die mit künstlicher Intelligenz, Gehirnimplantaten und technologischen Zukunftsvisionen zunächst wenig gemeinsam hat.

Der Mediziner und Unternehmer baute mit seiner Futrue-Gruppe ein internationales Gesundheitsgeschäft auf. Zu den bekanntesten Produkten gehört Kijimea, ein Präparat, das insbesondere durch seine Vermarktung bei Reizdarmbeschwerden große Bekanntheit erlangte. Heute umfasst die Unternehmensgruppe mehr als 20 Gesellschaften, die unter anderem Arzneimittel, Medizinprodukte und Nahrungsergänzungsmittel entwickeln und vertreiben.

Doch Fischer will sich mit diesem Geschäft nicht zufriedengeben.

Sein nächstes Ziel liegt an der Schnittstelle zwischen Neurowissenschaft, Medizin und künstlicher Intelligenz. Mit implantierbaren Gehirn-Computer-Schnittstellen möchte er Menschen helfen, verlorene körperliche Fähigkeiten teilweise zurückzugewinnen. Dabei hat er einen prominenten Konkurrenten im Blick: Elon Musk, dessen Unternehmen Neuralink bereits seit mehreren Jahren an vergleichbaren Technologien arbeitet.

Am 6. November wurde bekannt, dass Futrue rund 100 Millionen Euro in ein neues Entwicklungs- und Produktionszentrum im Münchner Norden investieren will. Damit soll aus einem anspruchsvollen Forschungsprojekt ein Geschäftsfeld mit internationalem Wachstumspotenzial entstehen.

Ein Gründer, der Unternehmen als Entwicklungsprojekte betrachtet

Fischer ist kein klassischer Start-up-Gründer, der erstmals Kapital für eine wissenschaftliche Idee einwerben muss. Er verfügt über medizinische und betriebswirtschaftliche Erfahrung und hat bereits eine Reihe von Gesundheitsunternehmen aufgebaut. Nach seiner medizinischen Ausbildung und Promotion an der Technischen Universität München war er unter anderem für den Pharmakonzern Novartis tätig. Dort übernahm er Führungsaufgaben in den Bereichen Strategie und Herz-Kreislauf-Medizin.

Später gründete er gemeinsam mit Madlena Hohlefelder die Futrue-Gruppe.

Das Geschäftsmodell unterscheidet sich von der traditionellen Struktur großer Pharmakonzerne. Statt sämtliche Entwicklungsprojekte innerhalb einer einzigen Organisation zu bündeln, setzt Futrue auf spezialisierte Gesellschaften mit vergleichsweise kleinen Teams. Einzelne Unternehmen der Gruppe wurden nach erfolgreicher Entwicklung und Marktpositionierung an größere Pharmakonzerne verkauft, darunter Novartis, Dermapharm und Perrigo. Damit verfügt Fischer über Erfahrung in einem entscheidenden Teil unternehmerischer Wertschöpfung: der Entwicklung marktfähiger Produkte, dem Aufbau eigenständiger Geschäftsbereiche und ihrer wirtschaftlichen Verwertung.

Doch die Entwicklung eines implantierbaren Gehirnchips unterscheidet sich erheblich vom bisherigen Geschäft. Die technischen Anforderungen sind komplexer, die klinischen Risiken größer und die regulatorischen Hürden besonders hoch. Auch die Frage, wann und in welchem Umfang sich mit solchen Produkten Umsätze erzielen lassen, ist wesentlich schwieriger zu beantworten. Trotzdem verfolgt Fischer ehrgeizige Pläne.

Ein Chip soll Gedanken in Befehle übersetzen

Im Mittelpunkt des neuen Geschäftsfelds stehen sogenannte Brain-Computer-Interfaces, kurz BCI. Solche Systeme stellen eine direkte Verbindung zwischen dem Gehirn und einem technischen Gerät her. Grundlage ist die elektrische Aktivität von Nervenzellen. Wenn ein Mensch beispielsweise daran denkt, eine Hand zu bewegen, entstehen im Gehirn charakteristische Aktivitätsmuster.

Mit geeigneten Sensoren lassen sich solche Signale erfassen. Computerprogramme versuchen anschließend, daraus bestimmte Absichten zu erkennen und in digitale Steuerbefehle umzusetzen. Auf diese Weise können Menschen mit schweren Lähmungen unter bestimmten Voraussetzungen beispielsweise einen Cursor bewegen oder technische Hilfsmittel bedienen, ohne ihre Hände benutzen zu können. Einige Systeme ermöglichen auch die Umwandlung neuronaler Aktivität in Sprache.

Die Technologie ist allerdings noch weit davon entfernt, Gedanken im allgemeinen Sinne vollständig lesen zu können. Die bisher erzielten Erfolge beruhen auf spezialisierten Systemen, die bestimmte Aktivitätsmuster erkennen und häufig individuell auf ihre Nutzer abgestimmt werden müssen.

Fischer sieht darin dennoch einen möglichen grundlegenden Wandel der Medizin. Sein Unternehmen möchte Gehirn-Computer-Schnittstellen entwickeln, die langfristig nicht nur Bewegungen oder Sprache unterstützen, sondern auch bei anderen neurologischen Einschränkungen eingesetzt werden können.

Die Vision reicht bis zur teilweisen Wiederherstellung verlorener Sinnesfunktionen. Solche Anwendungen befinden sich jedoch überwiegend noch in unterschiedlichen Stadien der Forschung. Sie sind keine bereits verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten des neuen Futrue-Systems.

512 Elektroden als technologischer Ausgangspunkt

Im März 2026 meldete Futrue Neurosciences einen ersten wichtigen Entwicklungsschritt. Das Unternehmen stellte ein neuartiges Mikroelektrodenarray vor, das auf der Oberfläche des Gehirns platziert werden soll. Das sogenannte Mikro-ECoG-System verfügt nach Unternehmensangaben über 512 Elektroden und soll eine gezielte elektrische Stimulation von Gehirnarealen ermöglichen.

Im Gegensatz zu bestimmten anderen Implantatsystemen, deren Elektroden direkt in das Hirngewebe eindringen, verfolgt Futrue damit einen Ansatz, bei dem die Kontakte auf der Gehirnoberfläche liegen. Das könnte Vorteile hinsichtlich einzelner Eingriffsrisiken und der mechanischen Belastung des Gewebes bieten.

Allerdings entstehen auch technische Zielkonflikte. Elektroden auf der Oberfläche erfassen andere Signale als solche, die unmittelbar in tiefere Gewebeschichten reichen. Die Anzahl der Elektroden allein sagt deshalb noch wenig über die tatsächliche Leistungsfähigkeit einer Gehirn-Computer-Schnittstelle aus.

Entscheidend sind unter anderem Signalqualität, Langzeitstabilität, Verträglichkeit, Datenverarbeitung und die Fähigkeit, die gewünschten Funktionen zuverlässig zu ermöglichen. Fischer bezeichnet seine Entwicklung als technologisch besonders fortschrittlich. Eine unabhängige klinische Bestätigung, dass das Futrue-System konkurrierenden Implantaten insgesamt überlegen ist, liegt bislang jedoch nicht vor.

Das Unternehmen verfolgt das Ziel, noch 2026 erste klinische Anwendungen vorzubereiten beziehungsweise durchzuführen. Damit steht nun die entscheidende nächste Phase bevor: Die bisherige technische Entwicklung muss sich unter medizinischen Bedingungen bewähren.

München soll zum Zentrum der Hirnchip-Entwicklung werden

Für diesen Schritt plant Futrue ein Entwicklungs- und Produktionszentrum im Münchner Norden. Die angekündigte Investition von rund 100 Millionen Euro soll die technischen und industriellen Voraussetzungen schaffen, um Gehirnimplantate weiterzuentwickeln und perspektivisch herzustellen. Dafür werden unter anderem spezialisierte Reinräume und Fertigungsanlagen benötigt.

Bei implantierbaren Medizinprodukten müssen nicht nur die elektronischen Komponenten zuverlässig funktionieren. Auch ihre Biokompatibilität, Sterilität und die dauerhafte Sicherheit im Körper spielen eine zentrale Rolle. Bereits kleinste Materialfehler oder Veränderungen der Implantate können langfristig erhebliche Folgen haben. Die Verbindung von Forschung und Produktion ist deshalb für die spätere industrielle Nutzung von großer Bedeutung.

Fischer geht davon aus, dass sich Gehirn-Computer-Schnittstellen in den kommenden Jahren von spezialisierten Forschungssystemen zu breiter einsetzbaren medizinischen Technologien entwickeln könnten. Ob die Nachfrage tatsächlich in diesem Umfang entsteht, hängt allerdings wesentlich von den klinischen Ergebnissen und der Finanzierung entsprechender Behandlungen ab.

Anders als bei klassischen Konsumprodukten genügt es nicht, einen Markt durch Werbung und Vertrieb aufzubauen. Ein implantierbares Medizinprodukt muss seinen medizinischen Nutzen und seine Sicherheit unter geeigneten Bedingungen nachweisen. Erst danach kann sich zeigen, welche Patientengruppen davon profitieren und ob die Kosten von Gesundheitssystemen oder Versicherungen getragen werden.

Die TU München zeigt, was bereits möglich ist

Wie weit die Forschung auf diesem Gebiet inzwischen fortgeschritten ist, zeigt ein Projekt der Technischen Universität München. Im Sommer 2025 implantierten Neurochirurgen des TUM Klinikums einem vom Hals abwärts gelähmten Patienten eine Gehirn-Computer-Schnittstelle mit insgesamt 256 Mikroelektroden. Der damals 25-jährige Michael Mehringer hatte bei einem Motorradunfall eine schwere Querschnittslähmung erlitten.

Mit Unterstützung von Neurowissenschaftlern, Ingenieuren und Forschern für künstliche Intelligenz trainiert er seither, Bewegungsabsichten über das Implantat in digitale Signale umzusetzen. Das Ziel ist, ihm die Steuerung eines Computers und eines Roboterarms zu ermöglichen und dadurch mehr Selbstständigkeit im Alltag zurückzugewinnen.

Die Forschungsarbeiten machen deutlich, dass Gehirn-Computer-Schnittstellen nicht mehr ausschließlich theoretische Konzepte sind. Sie zeigen zugleich, wie aufwendig ihre praktische Anwendung noch ist. Die Erfassung neuronaler Signale allein reicht nicht aus. Die Systeme müssen trainiert und kontinuierlich angepasst werden, damit aus der Hirnaktivität zuverlässige Steuerbefehle entstehen. Für Futrue ist die Münchner Forschungslandschaft deshalb ein wichtiger Standortvorteil.

Das Unternehmen gehört zu den Industriepartnern einer Forschungsallianz für Neurotechnologie an der Technischen Universität München. Dabei ist allerdings eine Unterscheidung entscheidend: Das 2025 bei Michael Mehringer eingesetzte Implantat war nicht das neue Elektrodenarray von Futrue Neurosciences. Die klinischen Erfolge der TUM-Forscher belegen somit das Potenzial der Technologie, nicht bereits die Wirksamkeit des Futrue-Produkts.

Neuralink hat einen Vorsprung – aber der Wettbewerb ist offen

Mit seiner Ankündigung richtet Fischer den Blick ausdrücklich auf Elon Musks Unternehmen Neuralink. Das amerikanische Unternehmen begann 2024 mit klinischen Studien an Menschen.

Im Januar 2026 meldete Neuralink weltweit 21 Studienteilnehmer. Das Unternehmen hatte zuvor bereits demonstriert, dass Patienten mithilfe seiner Implantate digitale Geräte steuern können. Neuralink verfügt damit über klinische Erfahrungen, die Futrue mit seinem eigenen System erst noch sammeln muss.

Auch bei der Finanzierung bestehen erhebliche Unterschiede. Im Juni 2025 gab Neuralink eine weitere Finanzierungsrunde über 650 Millionen Dollar bekannt. Der Wettbewerb wird allerdings nicht allein durch Kapital oder die Zahl der Elektroden entschieden. Gehirn-Computer-Schnittstellen lassen sich technisch auf unterschiedliche Weise realisieren.

Einige Unternehmen setzen auf Elektroden, die unmittelbar in das Gehirngewebe eingebracht werden. Andere entwickeln Systeme auf der Gehirnoberfläche oder verfolgen weniger invasive Zugangswege.

Jeder dieser Ansätze bietet spezifische Möglichkeiten und Einschränkungen. Zudem ist Neuralink nicht der einzige internationale Wettbewerber. Auch Unternehmen wie Blackrock Neurotech, Synchron und das deutsche Medizintechnikunternehmen CorTec arbeiten an unterschiedlichen Formen neuronaler Schnittstellen.

Der Markt ist deshalb noch keineswegs auf einen Sieger festgelegt. Wer sich langfristig durchsetzt, wird nicht nur von der technischen Leistungsfähigkeit abhängen. Ebenso wichtig dürften die Sicherheit der Implantate, ihre Lebensdauer, die Kosten medizinischer Eingriffe, der Umgang mit sensiblen Daten und die Zulassung für konkrete Anwendungen sein.

Fischers Ziel, bis 2030 zur internationalen Spitze vorzustoßen, ist somit vor allem eines: eine ausgesprochen ambitionierte unternehmerische Vorgabe.

Zwischen medizinischem Fortschritt und wirtschaftlichem Risiko

Die geplante Investition von rund 100 Millionen Euro ist ein deutliches Bekenntnis zur Neurotechnologie. Gleichzeitig verdeutlicht sie die wirtschaftliche Dimension des Vorhabens. Während Softwareunternehmen neue Produkte vergleichsweise schnell entwickeln und auf den Markt bringen können, benötigen implantierbare Medizinprodukte aufwendige Forschungs- und Entwicklungsarbeiten.

In der Europäischen Union unterliegen sie der Medizinprodukteverordnung. Aufgrund des direkten Kontakts mit dem zentralen Nervensystem sind besonders hohe Anforderungen an Sicherheit, klinische Bewertung und Konformitätsprüfung zu erfüllen.

Eine erste erfolgreiche Anwendung an Patienten bedeutet deshalb noch keine allgemeine Zulassung für den medizinischen Einsatz. Hinzu kommen langfristige Fragen, die gerade bei Gehirnimplantaten von besonderer Bedeutung sind. 

  • Wie zuverlässig funktionieren Elektroden nach mehreren Jahren im Körper? 
  • Was geschieht, wenn einzelne Komponenten ausfallen? 
  • Wie lassen sich die sensiblen Daten schützen, die bei der Erfassung neuronaler Aktivität entstehen?
  • Wer trägt die Kosten für einen solchen Eingriff sowie die anschließende Betreuung und technische Anpassung?

Diese Fragen betreffen nicht nur die medizinische Sicherheit. Sie werden auch darüber entscheiden, ob aus der Technologie ein wirtschaftlich tragfähiges Geschäftsmodell entsteht.

Für Futrue liegt darin die größte Herausforderung. Das Unternehmen muss eine innovative Technik nicht nur entwickeln, sondern sie in eine medizinisch nachweisbar nützliche, zuverlässig herstellbare und finanzierbare Anwendung überführen.

Ein ungewöhnlicher unternehmerischer Sprung

Fischer wechselt nicht einfach von einem erfolgreichen Produkt zum nächsten.

Er überträgt seine Erfahrungen aus der Entwicklung, Vermarktung und Organisation von Gesundheitsunternehmen in ein Technologiefeld, das andere fachliche Kompetenzen und einen wesentlich längeren Weg zur Marktreife erfordert. Die geplante Investition macht deutlich, dass es ihm dabei nicht nur um eine zusätzliche Produktlinie geht.

Mit Futrue Neurosciences soll ein neues Geschäftsfeld entstehen, das wissenschaftliche Forschung, Hochtechnologie und industrielle Fertigung miteinander verbindet. Dafür müssen hoch spezialisierte Fachkräfte aus Medizin, Neurowissenschaft, Elektronik, Softwareentwicklung und Produktion zusammenarbeiten.

Dass Futrue bereits über unternehmerische Erfahrung, finanzielle Ressourcen und ein etabliertes Netzwerk im Gesundheitssektor verfügt, kann dabei ein Vorteil sein. Es beseitigt allerdings nicht die technologischen und regulatorischen Risiken.

Ob Fischer sein erklärtes Ziel erreicht, mit Neuralink um die Weltspitze zu konkurrieren, lässt sich derzeit nicht beurteilen. Die entscheidenden klinischen Nachweise für das eigene Implantatsystem stehen noch aus. Dennoch steht die Investition für einen bemerkenswerten Anspruch: Ein deutscher Gesundheitsunternehmer will bei einer Zukunftstechnologie nicht erst dann einsteigen, wenn deren wirtschaftlicher Erfolg bereits bewiesen ist.

Er möchte die Entwicklung selbst mitgestalten. Für Clemens Fischer führt der Weg damit von einem etablierten Markt für Gesundheitsprodukte in eines der anspruchsvollsten Forschungsgebiete der modernen Medizin.

Ob daraus ein neues erfolgreiches Unternehmen entsteht, ist offen.

Jeden Monat neu - hier gratis lesen!

Das aktuelle ePaper

Das könnte Sie auch interessieren:

Nach oben