Mehr als 100 Gründer und Start-up-Unternehmer fordern von Kanzler Friedrich Merz einen wirtschaftspolitischen Kurswechsel. In einem Zehn-Punkte-Plan verlangen sie weniger Bürokratie, besseren Zugang zu Wachstumskapital, mehr Mitarbeiterbeteiligung und massive Investitionen in digitale Infrastruktur. Der Appell zeigt: Deutschlands Start-up-Szene sieht weiterhin großes Potenzial – aber sie will endlich Umsetzung statt Absichtserklärungen.
Mehr als 100 Gründer und Start-up-Unternehmer erhöhen den Druck auf die Bundesregierung. In einem Brandbrief an Bundeskanzler Friedrich Merz fordern sie einen Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik. Der Appell steht unter dem Motto »Für eine neue Gründerzeit, jetzt!« und wurde vom Start-up-Verband initiiert.
Die Botschaft ist deutlich: Deutschlands Geschäftsmodell steht unter Druck. Handelskonflikte, geopolitische Unsicherheit, demografischer Wandel, Energiepreise und der technologische Wettbewerb mit China und den USA setzen den Standort unter Stress. Gleichzeitig verfüge Deutschland weiterhin über eine starke industrielle Basis, exzellente Forschung, gute Talente und eine wachsende Start-up-Szene.
Genau dieses Potenzial müsse die Bundesregierung nun konsequenter nutzen. Im Brief heißt es, Deutschland brauche echte Wachstumsperspektiven für die Unternehmen der Zukunft. Die nächsten globalen Champions entstünden nur dort, wo Gründungen einfach seien und Skalierungsaussichten klar.
Die Szene will keine Signale mehr
Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt. Beim nächsten Koalitionsausschuss am 1. Juli sollen aus Sicht der Start-up-Szene konkrete Weichen gestellt werden. Es gehe nicht um weitere Signale oder Absichtserklärungen, sondern um eine wirtschaftspolitische Wende.
Zu den Unterzeichnern zählen prominente Gründer wie Ecosia-Gründer Christian Kroll, Flix-Mitgründer Daniel Krauss und Lena Weirauch vom KI-Startup aiomatic. Damit kommt der Appell nicht aus einer Randgruppe, sondern aus dem Kern der deutschen Gründerszene.
Die Forderungen treffen einen Nerv. Bundeskanzler Merz hatte erst im Mai bei den German Start-up Awards betont, Deutschland brauche mehr Innovationskraft und mehr privates Kapital für junge Unternehmen. Die Gründer nehmen ihn nun beim Wort. Sie wollen, dass aus freundlichen Reden politische Umsetzung wird.
10 Punkte für eine neue Gründerzeit
Der Zehn-Punkte-Plan setzt an mehreren Engpässen zugleich an. Ein zentrales Thema ist Kapital. Mehr Menschen sollen Zugang zu Venture Capital als Anlageklasse erhalten, etwa über Altersvorsorgeprodukte. Die WIN-Initiative für Wachstums- und Innovationsfinanzierung soll aus Sicht der Gründer zu einem echten Hebel für Start-up-Finanzierung werden. Steuerliche und regulatorische Hürden für Venture Capital sollen durch Anreize ersetzt werden.
Auch die europäische Kapitalmarktunion spielt eine wichtige Rolle. Viele deutsche Startups finden in frühen Phasen noch Geld, scheitern aber später an großen Wachstumsrunden. Dann wandern sie in die USA, verkaufen früh oder skalieren langsamer. Genau diese Lücke soll geschlossen werden.
Ein weiterer Punkt ist Mitarbeiterbeteiligung. Sozialabgaben auf Beteiligungen sollen erst dann anfallen, wenn tatsächlich Geld fließt – nicht schon bei der Anteilsvergabe. Außerdem soll im GmbH-Recht eine eigene Anteilsklasse für Mitarbeiter entstehen. Für Start-ups ist das zentral, weil sie Talente oft nicht mit Konzerngehältern locken können, sondern mit Beteiligung am späteren Erfolg.
Bürokratie bleibt der Dauergegner
Auch beim Bürokratieabbau werden die Gründer konkret. Sie fordern eine flächendeckende 24-Stunden-Gründung und ein Moratorium für neue bürokratische Belastungen. Der Wunsch ist schlicht: Gründen soll in Deutschland nicht länger wie ein Behördengang aus dem letzten Jahrhundert wirken.
Dazu kommt die Forderung nach einer europäischen Gesellschaftsform, einer sogenannten EU Inc. Sie soll schnelle Gründungen und grenzüberschreitende Skalierung ermöglichen. Gerade digitale Unternehmen denken von Beginn an europäisch oder global. Nationale Rechtsformen, unterschiedliche Regeln und langsame Verfahren bremsen dieses Wachstum.
Der Staat soll außerdem stärker als Ankerkunde auftreten. Öffentliche Beschaffung müsse für innovative Startups geöffnet werden. Das klingt technisch, ist aber enorm wichtig. Wenn der Staat neue Technologien einkauft, kann er jungen Unternehmen Referenzen, Umsatz und Vertrauen verschaffen. Bislang profitieren davon oft eher etablierte Anbieter.
KI-Infrastruktur wird zur Standortfrage
Besonders zukunftsentscheidend ist die Forderung nach digitaler Infrastruktur. Deutschland und Europa sollen massiv in Rechenzentren und KI-Infrastruktur investieren. Der Grund ist klar: Wer bei Künstlicher Intelligenz dauerhaft von außereuropäischen Hyperscalern abhängig bleibt, wird strategisch schwach.
Für Start-ups ist Compute längst ein harter Wettbewerbsfaktor. Gute Ideen reichen im KI-Zeitalter nicht mehr aus. Wer Modelle trainieren, Anwendungen skalieren oder datenintensive Produkte bauen will, braucht Rechenleistung, Cloudzugang, Energie und Kapital. Ohne diese Grundlage entstehen die nächsten großen KI-Unternehmen eher in den USA oder China als in Deutschland.
Damit verbindet der Brandbrief klassische Gründerpolitik mit Industriepolitik. Es geht nicht nur um Formulare und Steuern. Es geht darum, ob Deutschland bei KI, Software, Plattformen und Zukunftstechnologien überhaupt eigene Champions hervorbringen kann.
Deutschland hat kein Erkenntnisproblem
Das Brisante ist: Viele Forderungen sind nicht neu. Bürokratieabbau, Mitarbeiterbeteiligung, 24-Stunden-Gründung, KI-Infrastruktur, bessere Finanzierung – all das steht seit Jahren auf der politischen Agenda. Auch im Koalitionsvertrag finden sich entsprechende Vorhaben.
Das Problem ist die Umsetzung. Genau deshalb wirkt der Brief so scharf. Die Start-up-Szene sagt nicht: Die Politik versteht uns nicht. Sie sagt: Die Politik weiß längst, was nötig wäre – aber sie liefert nicht schnell genug.
Das passt zur breiteren Stimmung in der Wirtschaft. Laut einer Civey-Umfrage im Auftrag des Wirtschaftsforums der SPD trauen 78,4 Prozent der Unternehmen der schwarz-roten Koalition nicht zu, spürbare Veränderungen umzusetzen. Das ist ein massiver Vertrauensverlust.
SK