Am nächsten Abend, als ich das Zimmer wieder betrat, kam die Auflösung. Die Aufmerksamkeit bestand aus einer (!) Praline. Ich glaube, dass ich etwas enttäuscht auf mein ungemachtes Bett und die schmutzigen Handtücher geschaut habe. Auf den ersten Blick wirkt dieser Deal harmlos und nachhaltig. Doch bei genauerem Hinsehen ist es ein gutes Beispiel dafür, wie im Alltag manchmal Verhandlungen geführt werden. Natürlich hätte man vorher an der Rezeption fragen können, was denn die Aufmerksamkeit genau beinhaltet. Maximale Aufklärung von Wissenslücken in Verhandlungen ist schließlich oberstes Gebot. Aber dennoch: Das Hotel bittet den Gast um einen konkreten Verzicht (auch das ist Teil einer Verhandlung). Keine Reinigung bedeutet weniger Arbeitszeit, weniger Personalkosten, weniger Wasser und Energie. Der wirtschaftliche Nutzen liegt klar auf Seiten des Hotels. Der Gast hingegen erhält (neben dem vielleicht bestehenden kleinen Spannungseffekt) eine symbolische Gegenleistung, deren Wert kaum ins Gewicht fällt. Das Ungleichgewicht wird nicht offen benannt, sondern durch Appell überdeckt.
Den Text »Eine Praline ist keine Verhandlungsmasse« und weitere spannende Themen finden Sie in der aktuellen Ausgabe des founders Magazins Nr. 95 -> LINK