150 Jahre sind für ein Unternehmen eine ziemlich lange Zeit. Produkte verschwinden, Technologien werden abgelöst, Märkte brechen zusammen. Henkel hat all das mehrfach erlebt – und ist trotzdem noch da. Aus dem kleinen Waschmittelunternehmen von Fritz Henkel wurde ein internationaler Konzern mit Milliardenumsatz. Die spannendere Geschichte hinter dem Jubiläum lautet deshalb nicht, wie Henkel groß wurde. Sondern wie ein Unternehmen anderthalb Jahrhunderte relevant bleibt.
Als Fritz Henkel 1876 gemeinsam mit zwei Partnern Henkel & Cie. in Aachen gründete, war er 28 Jahre alt. Das erste Universalwaschmittel wurde kein großer Erfolg. Statt daran festzuhalten, entwickelte Henkel weiter und brachte 1878 mit »Henkel’s Bleich-Soda« das erste erfolgreiche Markenprodukt auf den Markt.
Schon darin steckt ein Muster, das sich durch die Unternehmensgeschichte zieht: Nicht jede Idee funktioniert. Entscheidend ist, was danach passiert.
Persil verändert das Waschen
Der eigentliche Durchbruch folgte 1907. Mit Persil brachte Henkel das nach eigenen Angaben weltweit erste selbsttätige Waschmittel auf den Markt. Was heute unspektakulär klingt, reduzierte damals einen erheblichen Teil der körperlich anstrengenden Handarbeit beim Waschen.
Persil wurde damit nicht nur ein erfolgreiches Produkt, sondern löste ein konkretes Alltagsproblem mit neuer Technologie.
Henkel verstand früh auch die Bedeutung der Marke. 1956 lief vor der Tagesschau der erste deutsche Fernsehwerbespot überhaupt – beworben wurde Persil. Das Unternehmen nutzte damit ein neues Medium zu einem Zeitpunkt, als Fernsehen selbst noch dabei war, zum Massenmedium zu werden.
Der Lippenstift, aus dem ein Klebestift wurde
Auch eine andere der bekanntesten Henkel-Erfindungen entstand aus einem überraschend einfachen Gedanken.
1969 brachte das Unternehmen mit Pritt den weltweit 1. Klebestift auf den Markt. Inspiriert wurde die Konstruktion vom Drehmechanismus eines Lippenstifts. Statt flüssigen Klebstoff aus Flaschen zu verteilen, ließ sich Kleber damit sauber und dosiert auftragen.
Mehr als 50 Jahre später werden nach Angaben von Henkel jährlich über 120 Millionen Pritt-Stifte produziert. 2001 wurde das Produkt sogar auf der Internationalen Raumstation getestet – und funktionierte auch in Schwerelosigkeit.
Solche Geschichten wirken im Rückblick fast banal. Genau darin steckt jedoch ein Teil erfolgreicher Innovation: Nicht jede Neuerung braucht eine komplizierte Technologie. Manchmal reicht es, etwas Bekanntes in einen völlig anderen Zusammenhang zu übertragen.
Aus Konsumgütern wird Hightech
Henkel blieb allerdings nicht beim Waschmittel.
1995 übernahm der Konzern Schwarzkopf, 1997 folgte der US-Klebstoffspezialist Loctite. Gerade die Klebstofftechnologie entwickelte sich zu einem wesentlichen Standbein des Unternehmens. Heute ist Henkel nach eigenen Angaben Weltmarktführer bei Klebstoffen, Dichtstoffen und funktionalen Beschichtungen.
Dabei hat sich Klebstoff längst vom Bastel- und Haushaltsprodukt entfernt. Henkel-Lösungen kommen unter anderem in Elektronik, Fahrzeugbau, E-Mobilität und Raumfahrt zum Einsatz. Das Unternehmen betreibt weltweit mehr als 180 Forschungs- und Entwicklungszentren. Eine kleine Demonstration der Leistungsfähigkeit liefert Loctite: Laut Henkel reichen 3 Gramm eines Hybridklebstoffs aus, um eine mehr als 200 Tonnen schwere Lokomotive zu bewegen.
Das erklärt auch, warum der Konzern heute ökonomisch anders aussieht als seine bekanntesten Marken im Supermarkt vermuten lassen.
Familienunternehmen und Börsenkonzern zugleich
1985 ging Henkel an die Börse. Trotzdem blieb der Einfluss der Gründerfamilie erhalten. Mitglieder des Aktienbindungsvertrags der Familie Henkel hielten im März 2026 noch 61,85 Prozent der Stammaktien.
Damit verbindet Henkel 2 Modelle, die häufig als Gegensatz erscheinen: den Zugang zum Kapitalmarkt und eine langfristige familiäre Kontrolle.
Heute konzentriert sich das Unternehmen auf 2 große Bereiche: Adhesive Technologies sowie Consumer Brands mit Marken aus Wasch- und Reinigungsmitteln und Haarpflege. 2025 setzte Henkel 20,5 Milliarden Euro um und erzielte ein bereinigtes operatives Ergebnis von rund 3 Milliarden Euro. Ende 2025 beschäftigte der Konzern 47.200 Menschen.
Und mit 150 befindet sich Henkel keineswegs nur im Rückblickmodus. Nach einem organischen Umsatzwachstum von 3,2 Prozent im 1. Halbjahr 2026 hob das Unternehmen Anfang August seine Jahresprognose an. Besonders das Klebstoffgeschäft wuchs mit 4,5 Prozent kräftig.
150 Jahre sind keine reine Erfolgsgeschichte
Zu einem Unternehmensjubiläum gehört allerdings auch das, worauf man weniger gern zurückblickt.
Die zum Jubiläum erschienene unabhängige Unternehmensgeschichte des Bonner Historikers Joachim Scholtyseck widmet sich ausdrücklich auch Henkels Rolle während des Nationalsozialismus. Untersucht werden wirtschaftliche Verflechtungen, Beteiligungen an »Arisierungen« sowie der Einsatz ausländischer Zwangsarbeiter. Henkel selbst hat die mehrere Jahre dauernde wissenschaftliche Aufarbeitung unterstützt und veröffentlicht.
Gerade bei einer 150-jährigen deutschen Industriegeschichte wäre eine reine Aneinanderreihung von Produktinnovationen deshalb zu glatt.
Unternehmen überleben nicht nur, weil sie richtige Entscheidungen treffen. Sie tragen ebenso Verantwortung für falsche Entscheidungen und dafür, wie sie später mit ihnen umgehen.
Moment mal!
Henkel feiert sein Jubiläumsjahr unter dem Motto »Future? Ready!«. Das klingt erwartbar nach Unternehmenskommunikation. Die 150-jährige Geschichte dahinter liefert allerdings tatsächlich ein interessantes Erfolgsprinzip.
Das 1. Waschmittel floppte. Persil veränderte den Haushalt. Ein Lippenstift inspirierte einen Klebestift. Aus Konsumchemie entstand ein Geschäft mit Hightech-Klebstoffen. Neue Marken wurden gekauft, alte Geschäftsfelder verändert und der einstige Familienbetrieb an die Börse gebracht, ohne dass die Familie die Kontrolle vollständig abgab.
150 Jahre Erfolg bedeuten deshalb weniger, 150 Jahre dasselbe besonders gut zu machen.
Sie bedeuten, oft genug zu erkennen, wann man nicht mehr dasselbe machen darf.