Das Moss-Gründerteam Ferdinand Meyer, Stephan Haslebacher, Ante Spittler und Anton Rummel (von links nach rechts)
Das Berliner Fintech Moss steigt in den Kreis der sogenannten Unicorns auf. Eine neue Finanzierungsrunde bewertet das Unternehmen mit einer Milliarde Euro. Das frische Kapital soll vor allem in KI-Agenten fließen, die Finanzabteilungen Routinearbeit abnehmen.
Moss hat bei Investoren 30 Millionen Euro eingesammelt und dabei erstmals eine Unternehmensbewertung von einer Milliarde Euro erreicht. Angeführt wurde die Runde von Portage, dem auf Finanztechnologie spezialisierten Investmentarm des kanadischen Vermögensverwalters Sagard. Auch der bisherige Geldgeber Cherry Ventures beteiligte sich erneut.
Damit gehört das 2019 gegründete Unternehmen zu den sogenannten Unicorns – nicht börsennotierten Start-ups mit einer Bewertung von mindestens einer Milliarde Euro.
Von Firmenkarten zur Finanzplattform
Moss begann zunächst mit Firmenkreditkarten für Start-ups und digitale Unternehmen. Inzwischen bietet die Plattform auch Rechnungsmanagement, Auslagenerstattung, Zahlungsprozesse, Kostenkontrolle und Schnittstellen zu Buchhaltungs- und ERP-Systemen an. Zielgruppe sind zunehmend mittelständische Unternehmen und deren Finanzabteilungen.
Nach eigenen Angaben erzielte Moss zuletzt ein Umsatzwachstum von 65 Prozent. Bereits im März 2025 meldete das Unternehmen jährlich wiederkehrende Erlöse von 40 Millionen Euro und ein verarbeitetes Zahlungsvolumen von mehr als fünf Milliarden Euro. Die Plattform werde von mehr als 10.000 Unternehmen genutzt. Diese Kennzahlen stammen von Moss selbst und sind nicht mit veröffentlichten, testierten Jahresabschlüssen gleichzusetzen.
Eine Milliarde Bewertung bedeutet nicht eine Milliarde auf dem Konto
Die neue Bewertung darf nicht mit dem tatsächlich eingeworbenen Kapital verwechselt werden. Moss erhält 30 Millionen Euro. Die Milliarde beschreibt den rechnerischen Wert des gesamten Unternehmens, der sich aus dem Preis ergibt, den Investoren in dieser Finanzierungsrunde für ihre Anteile akzeptieren.
Für Moss ist das dennoch ein deutlicher Sprung. Bei der vorherigen großen Finanzierungsrunde im Jahr 2022 sammelte das Unternehmen 75 Millionen Euro ein und wurde mit etwas mehr als 500 Millionen Euro bewertet. Damals führte der US-Investor Tiger Global die Runde an. Zu den weiteren Geldgebern gehören Valar Ventures, Global Founders Capital und Cherry Ventures.
Die Bewertung hat sich damit innerhalb von gut vier Jahren annähernd verdoppelt. Dass dafür diesmal eine kleinere Finanzierungsrunde genügt, deutet darauf hin, dass Moss weniger Kapital abgeben wollte und die Investoren das bisherige Wachstum höher bewerten. Die genauen Beteiligungsquoten und Vertragsbedingungen wurden allerdings nicht veröffentlicht.
KI-Agenten sollen die Buchhaltung übernehmen
Das neue Kapital soll vor allem in den verstärkten Einsatz Künstlicher Intelligenz fließen. Moss plant KI-Agenten, die wiederkehrende Abläufe in Finanzabteilungen weitgehend selbstständig bearbeiten können.
Denkbar sind etwa die Erfassung und Zuordnung von Rechnungen, die Prüfung von Ausgaben, die Vorbereitung von Freigaben oder das Erkennen fehlender Belege. Moss nutzt bereits KI, um Daten aus Rechnungen auszulesen und Felder wie Mehrwertsteuer, Kostenstellen und Kostenträger automatisch auszufüllen.
Für das Unternehmen ist das mehr als ein zusätzliches Softwaremerkmal. Wer Zahlungen, Firmenkarten, Rechnungen und Buchhaltungsdaten auf einer Plattform zusammenführt, besitzt die Grundlage, auf der solche Agenten arbeiten können.
Die ungeliebte Büroarbeit wird zum Wachstumsmarkt
Moss zeigt damit eine Entwicklung, die für Gründer bemerkenswert ist: Große Unternehmenswerte entstehen nicht nur mit spektakulären Verbraucherprodukten.
Finanzabteilungen arbeiten noch immer mit Rechnungen per E-Mail, manuellen Freigaben, Tabellen und voneinander getrennten Systemen. Jede vermiedene Doppeleingabe spart Zeit; jede automatisch erkannte Unregelmäßigkeit kann Geld und Haftungsrisiken reduzieren.
Gerade im Mittelstand ist die Zahlungsbereitschaft hoch, wenn eine Software nicht lediglich Informationen anzeigt, sondern reale Arbeitsschritte übernimmt. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Sicherheit, Nachvollziehbarkeit und regulatorische Kontrolle. Moss besitzt dafür eine deutsche E-Geld-Lizenz und wird von der Finanzaufsicht Bafin beaufsichtigt.
Ein Unicorn ist noch kein bewiesener Dauererfolg
Die Milliardenbewertung ist ein Vertrauensbeweis der beteiligten Investoren, aber kein Börsenkurs und keine Garantie für spätere Gewinne.
Sie beruht auf einer einzelnen privaten Transaktion. Sonderrechte für neue Investoren, Liquidationspräferenzen oder andere Vertragsbedingungen können dazu führen, dass die öffentlich genannte Bewertung nicht für sämtliche Unternehmensanteile denselben wirtschaftlichen Wert besitzt.
Moss muss nun zeigen, dass die zusätzlichen KI-Funktionen nicht nur Entwicklungsaufwand verursachen, sondern den Umsatz pro Kunde erhöhen, neue Unternehmen gewinnen und den manuellen Betreuungsaufwand reduzieren.
Stefanie S. Klief