Erfolg

Wie Bauer mit BRAVO Wachstum kaufte

Am 1. September 1968 erschien BRAVO erstmals im Heinrich Bauer Verlag – eine bereits erfolgreiche Marke, mit der Bauer zugleich eine junge Zielgruppe und eine starke Marktposition ins Unternehmen holte.

5 Min.

01.09.2026

Heinz Heinrich Bauer machte aus dem Familienverlag einen internationalen Medienkonzern. Die Übernahme von BRAVO im Jahr 1968 wurde zu einem frühen Baustein seiner Expansionsstrategie

Vor 58 Jahren wechselte eine der bekanntesten deutschen Zeitschriften ihren Besitzer. BRAVO war damals längst kein Start-up mehr, sondern ein erfolgreiches Jugendmagazin mit Hunderttausenden Käufern. Für den Heinrich Bauer Verlag war die Übernahme trotzdem ein unternehmerischer Schritt, der erstaunlich modern wirkt: Statt einen neuen Markt mühsam selbst aufzubauen, kaufte sich das Familienunternehmen eine starke Marke, eine junge Zielgruppe und eine führende Marktposition. Wenige Tage nach dem 70. Geburtstag von BRAVO lohnt deshalb der Blick weniger auf das Heft als auf den Verlag dahinter.

Am 1. September 1968 begann für BRAVO ein neues Kapitel. Nach 628 Ausgaben bei Kindler & Schiermeyer erschien das Jugendmagazin fortan im Heinrich Bauer Verlag. Erst wenige Tage zuvor, am 26. August 2026, hat BRAVO seinen 70. Geburtstag gefeiert. 58 dieser 70 Jahre gehören damit inzwischen zur Geschichte von Bauer.

Gegründet worden war die Zeitschrift 1956 von Helmut Kindler, Peter Boenisch und Alexander Rentsch. Als Bauer zwölf Jahre später zugriff, kaufte der Verlag also keine Idee, deren Erfolg noch bewiesen werden musste. BRAVO verfügte bereits über eine gewaltige Reichweite. Als Axel Springer die Zeitschrift im Sommer 1968 gemeinsam mit »Eltern«, »Jasmin« und »Twen« an die Weitpert-Gruppe verkaufte, gab DIE ZEIT die wöchentliche BRAVO-Auflage mit rund 778.000 Exemplaren an.

Der Umweg über Weitpert dauerte nicht lange. Zeitgenössischen Berichten zufolge verkaufte Hans Weitpert BRAVO noch im selben Jahr an den Heinrich Bauer Verlag weiter. DIE ZEIT bezifferte den Kaufpreis rückblickend auf rund 30 Millionen D-Mark.

Was heute wie eine einzelne Transaktion wirkt, war Teil einer größeren Strategie.

1963 hatte Heinz Heinrich Bauer mit gerade einmal 23 Jahren die Leitung des Familienunternehmens in vierter Generation übernommen. Unter ihm begann ein systematischer Expansionskurs. Bauer gründete neue Titel, ging in ausländische Märkte und kaufte bestehende Medienmarken hinzu. Zu den wichtigen Übernahmen jener Jahre gehörten neben BRAVO auch »Quick« und »Revue«. Nach Darstellung des Unternehmens selbst zielte diese Strategie nicht nur auf Wachstum, sondern ausdrücklich auf führende Positionen in unterschiedlichen Marktsegmenten.

Damit steckt in der BRAVO-Übernahme eine unternehmerische Entscheidung, die auch fast sechs Jahrzehnte später vertraut klingt.

Unternehmen können neue Märkte selbst entwickeln. Sie können Produkte testen, Zielgruppen aufbauen, Vertrieb etablieren und darauf hoffen, irgendwann eine relevante Größenordnung zu erreichen. Oder sie kaufen ein Unternehmen beziehungsweise eine Marke, die all das bereits besitzt.

Bauer entschied sich bei BRAVO für die zweite Variante.

Der Verlag kaufte damit nicht einfach Seiten voller Popstars. Er übernahm den Zugang zu einer Zielgruppe, die für sein bisheriges Portfolio strategisch interessant war. Ein Jugendmagazin ergänzte Frauen-, Unterhaltungs- und Fernsehzeitschriften um Leser, die am Beginn ihres eigenen Konsumlebens standen.

Und Bauer kaufte einen weiteren Vorteil gleich mit: eine Marke, die bereits eine Beziehung zu ihrem Publikum aufgebaut hatte.

Das lässt sich nur begrenzt in einer Bilanz abbilden. Für ein Medienunternehmen kann es trotzdem wertvoller sein als Druckmaschinen oder Bürogebäude. Wer regelmäßig dieselbe Zeitschrift kauft, entscheidet sich nicht jede Woche vollkommen neu. Gewohnheit, Vertrauen und Identifikation senken die Hürde für die nächste Kaufentscheidung.

Was daraus entstehen konnte, zeigte sich in den folgenden Jahrzehnten. BRAVO entwickelte sich zu einer der erfolgreichsten Jugendmedienmarken Europas. Aus dem Magazin entstanden Ableger und Lizenzprodukte wie BRAVO GiRL, BRAVO Sport und BRAVO Hits. Die Marke wurde damit größer als ihr ursprüngliches Produkt. Bauer bezeichnet die Übernahme von 1968 heute selbst als einen der strategisch wichtigen Zukäufe, die den Verlag zu einer führenden Kraft im Publishingmarkt machten.

Die Geschichte ist allerdings auch deshalb interessant, weil sie nicht bei der Übernahme endet. Wer eine erfolgreiche Marke kauft, kauft deren bisherigen Erfolg – nicht automatisch deren Zukunft.

BRAVO musste sich immer wieder an neue Jugendkulturen und Mediengewohnheiten anpassen. Heute erscheint das Heft monatlich und verkauft nach IVW-Angaben knapp 45.000 Exemplare. Gleichzeitig lebt die Marke digital, über soziale Medien, Lizenzprodukte und Veranstaltungen weiter.

Und auch Bauer selbst ist längst nicht mehr nur der Zeitschriftenverlag von 1968. Das Familienunternehmen befindet sich inzwischen in fünfter Generation, beschäftigt nach eigenen Angaben rund 16.000 Menschen und erreicht mit Publishing, Audio, Außenwerbung und weiteren Angeboten ein internationales Publikum.

Ausgerechnet 2026 zeigt sich allerdings, wie wenig sich selbst eine über 150-jährige Unternehmensgeschichte auf vergangenen Erfolgen ausruhen kann. Bauer richtet sein digitales Publishinggeschäft erneut um. Das Unternehmen begründet den Schritt unter anderem mit verändertem Nutzerverhalten, schwierigeren Werbe- und Monetarisierungsbedingungen und der wachsenden Bedeutung künstlicher Intelligenz, durch die Nutzer Informationen zunehmend direkt über Plattformen erhalten. In Deutschland soll die eigenständige Digitalgesellschaft Bauer Xcel Media zum 30. September 2026 geschlossen und das Portfolio stärker auf ausgewählte Kernmarken konzentriert werden.

Zwischen dem 1. September 1968 und dem September 2026 liegen damit zwei Seiten derselben unternehmerischen Aufgabe. Damals bestand Wachstum darin, eine starke Marke und eine neue Zielgruppe ins Unternehmen zu holen.

Heute besteht ein Teil der Aufgabe darin, zu entscheiden, welche Marken, Vertriebswege und Strukturen in einer völlig anderen Medienwelt noch Wachstum ermöglichen.

Für Gründer steckt darin vielleicht die interessantere Lehre als in der 70-jährigen Lebensdauer von BRAVO selbst. Man kann Marktanteile kaufen. Man kann Reichweite übernehmen. Man kann sich durch eine Akquisition Jahre des eigenen Aufbaus ersparen.

Was man nicht mitkaufen kann, ist die Garantie, dass der Markt derselbe bleibt.

Am 1. September 1968 kaufte Bauer mit BRAVO ein Stück Zukunft.

58 Jahre später muss das Unternehmen – wie jeder Gründer – wieder herausfinden, wo die nächste liegt.

Stefanie S. Klief

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