Nach Xing nimmt Lars Hinrichs den Mobilfunkmarkt ins Visier
Elf Jahre lang kontrollierte Lars Hinrichs als Aufsichtsrat einen der größten Telekommunikationskonzerne Europas. Nun wechselt der Xing-Gründer die Perspektive. Mit Simsalasim will er selbst Mobilfunkanbieter werden – und verspricht ein Tarifmodell, das einen der kompliziertesten Verbrauchermärkte radikal vereinfachen soll: zehn Euro im Monat, unbegrenzte Daten in 100 Ländern, bereitgestellt über eine eSIM. Noch ist das Angebot nicht regulär buchbar. Doch die regulatorischen Vorbereitungen zeigen: Hinter dem ungewöhnlichen Namen steckt mehr als eine Marketingidee.
Vom Telekom-Aufsichtsrat zum Gründer
Hinrichs kennt die Branche ungewöhnlich gut. Von Oktober 2013 bis April 2025 gehörte er dem Aufsichtsrat der Deutschen Telekom an. Der Telekom-Geschäftsbericht weist zugleich aus, dass er bereits seit Dezember 2024 Mitglied des Boards der amerikanischen Simsalasim Inc. war.
In Deutschland wurde die Simsalasim Germany GmbH schon 2024 gegründet. Hinrichs kam 2025 als Geschäftsführer hinzu. Unternehmensgegenstand sind Entwicklung, Vermarktung und Betrieb von Software für Telekommunikationsinfrastruktur sowie Mobilfunk- und Festnetzdienste.
Damit kehrt der Gründer, der 2003 mit OpenBC das spätere Xing aufgebaut hatte, zu einem Muster zurück, das viele digitale Herausforderer verbindet: Er baut nicht zunächst neue physische Infrastruktur, sondern versucht, eine bestehende Branche durch eine andere technische und wirtschaftliche Architektur neu zu organisieren.
Das Versprechen: ein Tarif für 100 Länder
Simsalasim wird als globaler, KI-nativer Mobilfunkanbieter positioniert.
Im September beschrieb das europäische Gründerprogramm EWOR, in das Hinrichs aufgenommen wurde, das Geschäftsmodell erstmals ungewöhnlich konkret: Für zehn Euro monatlich sollen Nutzer über eine eSIM unbegrenzt Daten in 100 Ländern erhalten.
Das wäre weniger ein weiterer Mobilfunk-Discounter als ein Angriff auf die geografische Logik klassischer Tarife.
Innerhalb der Europäischen Union haben Verbraucher sich an »Roam like at home« gewöhnt. Außerhalb Europas wird mobile Datennutzung dagegen schnell wieder kompliziert: Länderpakete, Zusatzoptionen, lokale SIM-Karten oder spezielle Reise-eSIMs gehören für internationale Nutzer weiterhin zum Alltag.
Simsalasim versucht offenbar, genau diese Grenze verschwinden zu lassen.
Ein Preis. Eine digitale SIM. Viele Länder.
Die Bundesnetzagentur kennt Simsalasim bereits
Bemerkenswert ist, wie weit die technischen und regulatorischen Vorbereitungen bereits gediehen sind.
Die Bundesnetzagentur hat Simsalasim einen eigenen Mobile Network Code zugeteilt: 262-26. Außerdem besitzt das Unternehmen den deutschen Mobilfunk-Rufnummernblock 015333 sowie eine eigene Portierungskennung.
Das klingt zunächst nach technischen Details, sagt aber einiges über den Stand des Projekts aus.
Ein Mobile Network Code dient zur Identifizierung eines Mobilfunknetzes beziehungsweise eines Mobilfunkanbieters innerhalb der internationalen Netzinfrastruktur. Eine eigene Kennung ermöglicht einem Anbieter erheblich mehr Kontrolle über seine Kunden- und Netzarchitektur als eine bloße Vermarktungsmarke.
Sie bedeutet allerdings nicht, dass Simsalasim nun eigene Funkmasten in Deutschland baut.
Welche Mobilfunknetze das Unternehmen tatsächlich nutzt, wie die internationalen Partnerschaften organisiert sind und zu welchen Großhandelspreisen Datenkapazität eingekauft wird, hat Simsalasim bislang nicht öffentlich erläutert.
eSIM spart Aufwand – aber keine Funknetze
Der technische Ansatz hat offensichtliche Vorteile.
Eine eSIM muss weder produziert noch verpackt noch verschickt werden. Kunden können theoretisch innerhalb weniger Minuten digital aktiviert werden. Änderungen an Tarifen oder Netzprofilen lassen sich softwareseitig umsetzen.
Damit verschwinden Kosten, die klassische Mobilfunkanbieter über Jahrzehnte mit Filialen, SIM-Karten-Logistik, Callcentern und komplexen Vertriebssystemen aufgebaut haben.
Doch die teuerste Ressource verschwindet dadurch nicht: Mobilfunkkapazität.
Ein Anbieter ohne eigenes flächendeckendes Funknetz muss Datenleistung bei Netzbetreibern einkaufen. Und diese Preise unterscheiden sich je nach Land, Netz, Datenvolumen und Vertragsmodell erheblich.
Ein globaler Zehn-Euro-Tarif funktioniert deshalb nur, wenn Simsalasim seine Großhandelskosten extrem niedrig hält, Nutzung geschickt über verschiedene Partner steuert oder die durchschnittliche Datennutzung seiner Kunden deutlich unter der theoretisch möglichen Maximalnutzung bleibt.
Gerade bei »unbegrenzten« Tarifen steckt deshalb die entscheidende Information häufig im Kleingedruckten.
Was bedeutet tatsächlich unbegrenzt?
Bislang fehlt dieses Kleingedruckte.
Simsalasims eigene Website wirbt derzeit lediglich mit einem baldigen Start und ermöglicht Interessenten, sich registrieren zu lassen. Vollständige Tarifbedingungen sind öffentlich noch nicht verfügbar.
Damit bleiben zentrale Fragen offen.
Gibt es Geschwindigkeitsbegrenzungen? Gelten Fair-Use-Regeln? Ist Tethering unbegrenzt möglich? Gelten die zehn Euro tatsächlich in allen 100 Ländern zu identischen Bedingungen? Welche Netze stehen dort zur Verfügung?
Ohne diese Informationen lässt sich noch nicht beurteilen, wie revolutionär der Tarif tatsächlich ist.
Das macht das Projekt aber nicht weniger interessant. Es trennt lediglich eine bemerkenswerte Ankündigung von einem bereits bewiesenen Geschäftsmodell.
Was soll daran KI sein?
Auch die Selbstbeschreibung als »AI-native mobile carrier« verlangt noch Erklärung.
Ein Mobilfunkanbieter bietet zahlreiche Ansatzpunkte für Automatisierung: Kundenservice, Betrugserkennung, Abrechnung, Aktivierung, Netzauswahl oder die Steuerung internationaler Verbindungen könnten stärker durch Software und künstliche Intelligenz organisiert werden.
Welche dieser Prozesse Simsalasim tatsächlich mit KI betreibt und wo daraus ein messbarer Kostenvorteil entsteht, hat das Unternehmen bislang nicht im Detail veröffentlicht.
Denn KI ist in diesem Fall nur dann mehr als ein zeitgemäßes Etikett, wenn sie dauerhaft Kosten senkt, die traditionelle Telekommunikationsanbieter aufgrund ihrer gewachsenen Strukturen tragen.
Der eigentliche Angriff gilt der Komplexität
Darin könnte die spannendste Gründeridee hinter Simsalasim liegen.
Mobilfunk ist technisch hochkomplex. Für Kunden müsste er es eigentlich nicht sein.
Trotzdem bestehen Tarife häufig aus Datenvolumen, Geschwindigkeitsstufen, Laufzeiten, Netzen, Roamingzonen, Länderoptionen und Zusatzpaketen.
Digitale Angreifer haben in anderen Branchen immer wieder versucht, solche Komplexität aus Sicht des Kunden verschwinden zu lassen. Fintechs taten es bei Bankkonten, Streamingdienste bei Medieninhalten, Cloudanbieter bei Rechenleistung.
Simsalasim überträgt diesen Gedanken nun auf Telekommunikation.
Das Unternehmen muss dafür nicht selbst die gesamte physische Infrastruktur besitzen. Es muss sie so einkaufen und softwareseitig orchestrieren, dass der Kunde möglichst wenig davon bemerkt.
Zehn Euro sind die eigentliche Bewährungsprobe
Der Preis ist weit mehr als ein Marketingdetail. Hundert Länder über eine eSIM miteinander zu verbinden ist technisch möglich. Globale eSIM-Anbieter existieren bereits. Unbegrenzte Nutzung für zehn Euro monatlich wirtschaftlich tragfähig anzubieten, wäre dagegen eine andere Größenordnung.
Erst dort zeigt sich, ob Simsalasim tatsächlich eine neue Kostenstruktur gefunden hat – oder ob der spektakuläre Einstiegspreis später durch Nutzungsgrenzen, spezielle Bedingungen oder andere Erlösquellen ergänzt werden muss.
Noch hat das Unternehmen diesen Beweis nicht erbracht.
Aber es hat bereits etwas erreicht, das für einen jungen Anbieter bemerkenswert ist: Es besitzt die regulatorischen Bausteine eines echten Telekommunikationsgeschäfts und formuliert ein Produktversprechen, das einfach genug ist, um jeder Kunde sofort zu verstehen.
Zehn Euro. Hundert Länder. Keine Tarifakrobatik.
Sollte diese Rechnung tatsächlich aufgehen, wäre Simsalasim nicht deshalb interessant, weil ein Xing-Gründer plötzlich Handyverträge verkauft. Sondern weil Hinrichs versuchen würde, eine Branche, die von technischer Komplexität lebt, ausgerechnet durch radikale Einfachheit anzugreifen.
Stefanie S. Klief