Der Kollege steht plötzlich am Schreibtisch, nebenan läuft ein Gespräch, das Telefon klingelt – und nach jeder Unterbrechung beginnt die Suche nach dem Gedanken, bei dem man gerade noch war. Eine neue Studie liefert nun eine mögliche Erklärung dafür, weshalb Beschäftigte an Homeoffice-Tagen produktiver arbeiten können. Sie verfügen zu Hause nicht über mehr Energie. Ihre Energie bleibt über den Arbeitstag hinweg lediglich deutlich stabiler.
219 Beschäftigte, 4.812 Messpunkte
Für die im Fachjournal Organization Science veröffentlichte Studie begleiteten Andrew Bennett, Kathleen Keeler, Emily Campion und Sheila Keener 219 Beschäftigte eines Unternehmens, das hybrides Arbeiten ermöglicht. Über fünf aufeinanderfolgende Arbeitstage dokumentierten die Teilnehmer stündlich ihr Energieniveau. Insgesamt kamen 4.812 solcher Messungen zusammen. Zusätzlich gaben sie an, wie weit sie mit ihren jeweiligen Tageszielen gekommen waren und ob sie schneller oder langsamer vorankamen als erwartet.
Das Studiendesign hat einen wichtigen Vorteil: Die Forscher verglichen nicht einfach eine Gruppe von Büroarbeitern mit einer anderen Gruppe von Homeoffice-Beschäftigten. Dieselben Menschen wurden an unterschiedlichen Arbeitsorten beobachtet. Persönliche Eigenschaften, die Produktivität beeinflussen können – etwa Arbeitsstil, Motivation oder Erfahrung – fallen dadurch als Erklärung für Unterschiede zumindest teilweise weg.
Das Ergebnis: An Tagen zu Hause schwankte die Energie der Beschäftigten rund 33 Prozent weniger als an Tagen im Büro. Das durchschnittliche Energieniveau war dagegen nicht höher. Homeoffice machte die Teilnehmer also nicht grundsätzlich fitter oder ausgeruhter. Ihre verfügbare Energie verlief lediglich gleichmäßiger über den Tag.
Diese geringere Variabilität hing wiederum mit größerem Fortschritt bei den Arbeitszielen zusammen. In den statistischen Modellen der Forscher war eine Verringerung der Energievariabilität um eine Einheit mit 26 Prozent höherem Zielfortschritt und einer um 31 Prozent höheren Geschwindigkeit beim Erreichen der Ziele verbunden. Beschäftigte berichteten an Homeoffice-Tagen außerdem insgesamt über mehr Fortschritt als an Tagen im Unternehmen.
Nicht die Unterbrechung allein kostet Energie
Die Erklärung der Forscher knüpft an einen Effekt an, den wahrscheinlich jeder kennt, der konzentriert arbeitet: Ein Aufgabenwechsel endet nicht in dem Moment, in dem die Unterbrechung vorbei ist.
Wer gerade eine Analyse schreibt und von einem Kollegen angesprochen wird, muss zunächst Aufmerksamkeit auf das neue Thema richten. Anschließend muss er sich wieder in die ursprüngliche Aufgabe hineindenken. Genau dieser Wechsel benötigt mentale Ressourcen.
Studienautorin Emily Campion vom Tippie College of Business der University of Iowa beschreibt deshalb weniger die reine Zahl der Störungen als deren Unterschiedlichkeit als Problem. Viele verschiedene Reize könnten stärkere Schwankungen der Energie verursachen und es erschweren, tiefer in eine Aufgabe einzusteigen.
Dabei ist das Zuhause selbstverständlich kein störungsfreier Reinraum. Haustiere wollen Aufmerksamkeit, Wäsche wartet, private Nachrichten treffen ein und auch Slack und E-Mail funktionieren außerhalb des Büros.
Der Unterschied liegt in der Kontrollierbarkeit.
Eine Nachricht lässt sich ignorieren, Benachrichtigungen können ausgeschaltet und manche privaten Aufgaben auf später verschoben werden. Der Kollege, der neben dem Schreibtisch steht, ist schwieriger auf 14.30 Uhr zu vertagen. Auch Gespräche im Großraumbüro oder Bewegungen im unmittelbaren Umfeld lassen sich kaum individuell steuern.
Für konzentrierte Wissensarbeit kann diese Kontrolle einen erheblichen Unterschied machen.
Die Studie beweist nicht, dass Homeoffice immer produktiver ist
Die Zahlen sind auffällig. Ihre Aussagekraft hat dennoch Grenzen.
Alle 219 Teilnehmer arbeiteten für dasselbe Unternehmen. Die Erhebung dauerte lediglich fünf Arbeitstage. Vor allem aber wurde Produktivität über den selbst berichteten Fortschritt bei eigenen Arbeitszielen erfasst. Es wurden weder Umsätze noch produzierte Einheiten, abgeschlossene Kundenprojekte oder andere objektive Leistungskennzahlen gemessen.
Ein Beschäftigter, der angibt, an einem Tag besonders weit gekommen zu sein, kann tatsächlich mehr geleistet haben. Die Studie kann diese Einschätzung aber nicht unabhängig überprüfen.
Auch die Art der Tätigkeit spielt eine Rolle. Ein Softwareentwickler, Texter oder Analyst kann von mehreren ungestörten Stunden erheblich profitieren. Für Vertrieb, Kundenbetreuung, Werkstattarbeit oder Tätigkeiten, bei denen spontane Zusammenarbeit einen wesentlichen Teil der Leistung ausmacht, kann dieselbe Arbeitsorganisation völlig anders wirken.
Die Autoren selbst ziehen deshalb keine allgemeine Schlussfolgerung, dass das Büro der schlechtere Arbeitsort sei. Ihre Ergebnisse sprechen eher dafür, Arbeitsorte nach Aufgaben zu wählen.
Die größere Forschung spricht ebenfalls nicht für ein Entweder-oder
Eine 2026 veröffentlichte Metaanalyse macht das Bild breiter. Colin Mang und Amar Anwar werteten 3.574 Schätzungen aus 82 Studien zur Produktivität im Homeoffice aus. Im Durchschnitt fanden sie einen kleinen positiven Effekt. Dieser entstand sowohl durch eine höhere stündliche Produktivität als auch durch mehr geleistete Arbeitsstunden. Die Ergebnisse unterschieden sich allerdings erheblich nach Zeitraum, Region und Art des Homeoffice.
Vor der Pandemie profitierten in den ausgewerteten Studien besonders hybride Beschäftigte. Während und nach der Pandemie zeigten sich auch für vollständig remote arbeitende Beschäftigte positive Effekte. Die Autoren fanden zugleich Hinweise auf Publikationsverzerrungen und korrigierten ihre Ergebnisse unter anderem dafür.
Ihre Empfehlung fällt deshalb wesentlich weniger spektakulär aus als manche Homeoffice-Debatte: Unternehmen sollten flexible Modelle auf Basis der konkreten Tätigkeit und ihrer eigenen Erfahrungen gestalten.
Ein großes randomisiertes Experiment bei Trip.com weist in dieselbe Richtung. 1.612 Beschäftigte aus Softwareentwicklung, Marketing und Finanzbereichen wurden entweder fünf Tage ins Büro geschickt oder durften mittwochs und freitags von zu Hause arbeiten. Nach sechs Monaten zeigten sich keine Nachteile bei Leistungsbewertungen, Beförderungen oder – bei Programmierern – der Zahl geschriebener Codezeilen. Die Kündigungsquote der hybrid arbeitenden Gruppe sank dagegen um ein Drittel.
Interessant war dabei auch, wie sich die Einschätzung der Führungskräfte veränderte. Vor dem Versuch erwarteten die 395 beteiligten Manager im Durchschnitt einen Produktivitätsverlust von 2,6 Prozent durch Hybridarbeit. Nach dem Experiment schätzten sie den Effekt auf plus 1,0 Prozent.
Das Experiment sagt ebenfalls nichts darüber aus, ob Vollzeit-Remote-Arbeit für jedes Unternehmen funktioniert. Untersucht wurde ein Modell mit drei Bürotagen und zwei Tagen zu Hause. Berufsanfänger und Beschäftigte in der Probezeit waren sogar ausdrücklich ausgeschlossen worden, weil Lernen und Mentoring vor Ort für sie besonders wichtig sein könnten.
Homeoffice ist längst kein Pandemiephänomen mehr
In Deutschland arbeitete 2025 jeder vierte Erwerbstätige zumindest gelegentlich von zu Hause. Vor Corona waren es 2019 lediglich 13 Prozent gewesen.
Dabei hat sich vor allem das hybride Modell etabliert: 46 Prozent der deutschen Homeoffice-Nutzer arbeiteten weniger als die Hälfte ihrer Arbeitstage zu Hause. Nur 24 Prozent arbeiteten ausschließlich im Homeoffice.
Auch Arbeitgeber bewerten die Produktivität inzwischen weniger skeptisch. In einer PwC-Befragung hielten 87 Prozent der Unternehmen Beschäftigte zu Hause für mindestens ebenso produktiv wie im Büro. 77 Prozent wollten ihre bestehenden Homeoffice-Regelungen innerhalb der folgenden zwölf Monate beibehalten oder ausweiten. Dabei handelt es sich allerdings um Einschätzungen der befragten Unternehmen, nicht um gemessene Produktivitätsdaten.
Die aktuellen Forschungsergebnisse machen damit auch die Diskussion über starre Anwesenheitspflichten schwieriger. Eine Regel wie »drei Tage Büro für alle« definiert einen Arbeitsort, beantwortet aber noch nicht die Frage, welche Arbeit dort eigentlich besser erledigt wird.
Für Gründer ist die wichtigere Frage: Welche Aufgabe braucht welchen Ort?
Gerade junge Unternehmen haben einen nachvollziehbaren Grund, Mitarbeiter zusammenzubringen. Neue Teams müssen Vertrauen entwickeln, Wissen wird häufig informell weitergegeben und komplexe Entscheidungen entstehen im direkten Austausch manchmal schneller als in einer Abfolge von Videokonferenzen.
Daraus folgt aber nicht, dass dieselben Menschen anschließend auch acht Stunden nebeneinander sitzen müssen, um Aufgaben zu erledigen, für die sie eigentlich Ruhe benötigen.
Die neue Studie legt eine andere Organisation nahe: Bürozeit für jene Arbeit, bei der Anwesenheit einen Vorteil erzeugt – Brainstormings, Entscheidungen, Einarbeitung, Konfliktklärung oder kreativen Austausch. Homeoffice für Aufgaben, deren Qualität von längeren ununterbrochenen Konzentrationsphasen abhängt.
Damit verändert sich auch die Rolle des Büros. Seine Leistung besteht dann nicht darin, möglichst viele Schreibtische möglichst viele Stunden zu besetzen. Es muss einen Grund geben, warum Menschen dort gemeinsam arbeiten.
Für Gründer und Führungskräfte ist das anspruchsvoller als eine Anwesenheitsquote. Sie müssen wissen, welche Tätigkeiten ihre Mitarbeiter tatsächlich ausüben, wie Leistung gemessen wird und welche Umgebung diese Leistung unterstützt.
Die Iowa-Studie liefert darauf keine allgemeingültige Antwort. Sie liefert aber einen ziemlich brauchbaren Hinweis: Produktivität hängt nicht nur davon ab, wie viel Energie Menschen für ihre Arbeit besitzen. Es spielt auch eine Rolle, wie oft ihre Aufmerksamkeit gezwungen wird, die Richtung zu wechseln.
Stefanie S. Klief