Eröffnungsfeier der WorldSkill2026 in Shanghai am 22.09.2026 in der Mercedes-Benz-Arena
Gold für Möbelschreinerei und Stahlbetonbau, Bronze in Cyber Security und Wassertechnologie, Exzellenzauszeichnungen für Mechatronik, Mobile Apps und Digital Construction: Bei den WorldSkills in Shanghai zeigte sich Ende September ein Bild beruflicher Bildung, das mit dem deutschen Alltag erstaunlich wenig gemein hat. Während hierzulande meist über fehlende Fachkräfte und unbesetzte Ausbildungsplätze gesprochen wird, treten junge Menschen aus aller Welt in ihren Berufen auf einem Niveau gegeneinander an, das eher an Spitzensport erinnert. Für Deutschland steckt darin eine wirtschaftliche Botschaft.
Die Weltmeisterschaft der Berufe
Die WorldSkills sind die internationale Leistungsschau beruflicher Qualifikation. Vom 22. bis 27. September traten in Shanghai rund 1.400 junge Fachkräfte aus mehr als 70 Ländern und Regionen in 64 Disziplinen gegeneinander an.
Das Spektrum reicht weit über klassisches Handwerk hinaus.
Zu den Wettbewerben gehören unter anderem Mechatronik, Cyber Security, Industrie 4.0, Mobile App Development, CNC-Technik, Digital Construction, Wassertechnologie, Kälte- und Klimatechnik, Elektroinstallation und IT-Netzwerktechnik. Daneben stehen traditionelle Berufe wie Zimmerer, Maurer, Bäcker, Konditoren oder Möbelschreiner. Diese Mischung macht die WorldSkills wirtschaftlich interessant.
Sie zeigen eine Arbeitswelt, in der die Trennung zwischen »Handwerk« auf der einen und »Hightech« auf der anderen Seite zunehmend künstlich wird. Moderne Gebäude entstehen mit digitalen Planungsmodellen. Produktionsanlagen brauchen Mechatroniker und Software. Wärmepumpen, Stromnetze und Rechenzentren funktionieren nur mit qualifizierten Technikern. Selbst klassische Fertigungsberufe arbeiten längst mit hochautomatisierten Maschinen.
Innovation braucht deshalb mehr als Forschung und gute Ideen. Sie braucht Menschen, die daraus funktionierende Produkte, Anlagen und Infrastruktur machen.
Deutschland holt 22 Auszeichnungen
Das deutsche Team trat mit 36 Teilnehmerinnen und Teilnehmern in 31 Disziplinen an.
Gold gewannen Möbelschreiner Tobias Kelz sowie die Stahlbetonbauer Tim Arnold und Jakob Distler. Florian Dorer erhielt Silber bei den Zimmerern.
Bronze ging an Lucas Rother und Luke Finn Zamponi in Cyber Security, an Marc-Aurel Spalek und Lennard Weitzmann im Landschaftsgartenbau sowie an Elias Sichler in Water Technology.
Hinzu kamen 15 Exzellenzmedaillen. Sie gingen unter anderem an deutsche Teilnehmer in CNC-Drehen, Digital Construction, Mechatronik, Mobile App Development, Software Applications Development und Web Technologies.
Insgesamt kam Team Germany damit auf 22 Auszeichnungen und im internationalen Medaillenspiegel auf Platz elf.
Das Ergebnis ist beachtlich. Es darf allerdings nicht mit einem objektiven Ranking nationaler Ausbildungssysteme verwechselt werden.
Deutschland trat nur in 31 der 64 Disziplinen an. Gastgeber China dagegen war in allen Wettbewerben vertreten und dominierte den Medaillenspiegel mit 41 Goldmedaillen.
WorldSkills vergleichen ausgewählte Spitzenkräfte. Sie zeigen, welche Leistungen unter optimalen Bedingungen möglich sind. Sie messen nicht, wie gut ein Land sämtliche Auszubildenden qualifiziert oder wie leistungsfähig sein gesamtes Berufsbildungssystem ist.
An der deutschen Bilanz interessant: An beruflicher Spitzenqualität fehlt es offenbar nicht.
Zu Hause fehlen gleichzeitig die Bewerber
Der Kontrast zum deutschen Ausbildungsmarkt könnte kaum größer sein.
Nach der aktuellen Ausbildungsumfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer konnte 2025 fast jeder zweite befragte Ausbildungsbetrieb nicht sämtliche angebotenen Stellen besetzen. Der Anteil dieser Unternehmen ist innerhalb von zehn Jahren von 31 auf 49 Prozent gestiegen.
Das Problem besteht dabei längst nicht nur darin, dass sich zu wenige junge Menschen bewerben. Rund zwei Drittel der Unternehmen mit Besetzungsproblemen nennen fehlende geeignete Bewerber als wichtigste Hürde. Gleichzeitig beobachten viele Betriebe Defizite bei grundlegenden Kompetenzen.
Auch die amtlichen Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung zeigen einen schwierigen Markt.
2025 wurden rund 476.000 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen. Das waren rund 10.300 weniger als im Vorjahr. Das gesamte Ausbildungsplatzangebot sank um 4,6 Prozent auf etwa 530.300 Stellen. Trotzdem blieben zum Stichtag Ende September rund 54.400 Ausbildungsplätze unbesetzt.
Gleichzeitig suchten noch etwa 84.400 junge Menschen erfolglos nach einem Ausbildungsplatz. Das klingt zunächst widersprüchlich: offene Stellen auf der einen, Jugendliche ohne Ausbildungsplatz auf der anderen Seite.
Dahinter steckt jedoch eines der zentralen Probleme des deutschen Arbeitsmarktes: Angebot und Nachfrage passen regional, fachlich und qualifikatorisch häufig nicht zusammen.
Für Gründer ist das längst ein Wachstumsproblem
In der Start-up-Welt wird der Fachkräftemangel häufig zuerst mit Softwareentwicklern, Datenwissenschaftlern oder Ingenieuren verbunden. Doch viele der wirtschaftlich interessantesten Gründungsfelder benötigen wesentlich breitere Kompetenz.
Für viele technologieorientierte Gründer wird deshalb nicht die Idee zum Engpass, sondern die Frage, ob ausreichend qualifizierte Menschen verfügbar sind, um sie zu skalieren. Berufliche Bildung wird damit zum Bestandteil der Innovationsinfrastruktur.
Ein unterschätzter Wettbewerbsvorteil
Deutschland besitzt mit seinem dualen Ausbildungssystem international weiterhin ein starkes Fundament.
Der wirtschaftliche Wert dieses Systems liegt gerade in der Verbindung von Theorie und praktischer Anwendung. Auszubildende lernen nicht ausschließlich in Schulen, sondern unmittelbar in Betrieben und an realen Produktionsprozessen. Das macht Ausbildung auch zu einem Instrument des Technologietransfers.
Neue Maschinen, Software, Fertigungsverfahren oder Materialien gelangen über Unternehmen direkt in die berufliche Praxis. Umgekehrt bringen gut ausgebildete Fachkräfte ihr Erfahrungswissen in die Weiterentwicklung von Produkten und Prozessen ein.
Die aktuelle DIHK-Erhebung zeigt zudem, wie wichtig Unternehmen diese Investition weiterhin nehmen: Rund zwei Drittel der befragten Betriebe übernehmen sämtliche Ausbildungsabsolventen. Vier von fünf übernehmen mindestens drei Viertel.
Unternehmen bilden also nicht nur aus gesellschaftlicher Verantwortung aus. Sie sichern damit ihr eigenes Humankapital.
China demonstriert eine andere Größenordnung
Dass Shanghai Gastgeber der WorldSkills war, besitzt dabei mehr als nur symbolische Bedeutung.
China hat berufliche Qualifikation in den vergangenen Jahren erheblich ausgebaut und betrachtet technische Fähigkeiten zunehmend als Teil seiner Industriepolitik.
Bei den WorldSkills 2026 trat das Land in allen 64 Disziplinen an. Die chinesische Mannschaft gewann 41 Gold-, elf Silber- und vier Bronzemedaillen und führte den Medaillenspiegel damit deutlich an.
Ein Medaillenergebnis allein beweist noch keine Überlegenheit eines gesamten Bildungssystems. Die Zahl zeigt jedoch, welchen Stellenwert China beruflicher Spitzenförderung gibt. Das passt zu einer größeren Strategie.
China versucht gleichzeitig, seine Position in Elektromobilität, Batterietechnik, Maschinenbau, künstlicher Intelligenz, Robotik und anderen Schlüsselindustrien auszubauen. Dafür reicht es nicht, einige herausragende Universitäten oder Forschungszentren zu besitzen.
Eine hochentwickelte Industrie benötigt Fachkräfte auf vielen Qualifikationsstufen. Technologiepolitik und Berufsbildung lassen sich deshalb langfristig kaum voneinander trennen.
Das Problem ist nicht fehlendes Talent
Die deutschen Ergebnisse aus Shanghai liefern deshalb eine durchaus ermutigende Botschaft. Deutschland kann junge Menschen auf internationales Spitzenniveau bringen. Möbelschreiner, Stahlbetonbauer, Cyber-Security-Spezialisten und Wassertechniker aus Deutschland können sich mit den Besten der Welt messen.
Das strukturelle Problem liegt an anderer Stelle.
Zu wenige junge Menschen finden den Weg in passende Ausbildungsberufe. Unternehmen finden zu häufig nicht die richtigen Bewerber. Schulen, Berufsorientierung und Betriebe erreichen Jugendliche offenbar nicht immer dort, wo berufliche Entscheidungen getroffen werden. Gleichzeitig sinkt aufgrund der schwachen Wirtschaftslage inzwischen auch das Angebot an Ausbildungsstellen.
Der Fachkräftemangel ist deshalb nicht nur ein Mengenproblem. Er ist ein Matchingproblem, ein Bildungsproblem und zunehmend auch ein Standortproblem.
Für Gründer, Industrie und Mittelstand wäre es eine Erkenntnis zur richtigen Zeit: Innovation beginnt mit Ideen. Wettbewerbsfähig wird sie erst durch Menschen, die sie umsetzen können.
Stefanie S. Klief