David Reger, Gründer von Neura Robotics, inmitten seiner Maschinen. Mit Physical AI will er Roboter entwickeln, die ihre Umgebung wahrnehmen, lernen und körperliche Arbeit zunehmend selbstständig übernehmen.
Bei Deutschlands größten Privatvermögen dominieren seit Jahrzehnten dieselben Quellen: Handel, Pharma, Autos, Chemie und Industrie. Die neue Reichstenliste zeigt jedoch, dass eine andere Generation langsam nachrückt. Mit Jan Oberhauser von n8n und David Reger von Neura Robotics nennt das Manager Magazin ausdrücklich zwei vergleichsweise junge Gründer, deren Unternehmen erst 2019 entstanden sind. Sieben Jahre später sind beide Milliardenunternehmen – das eine automatisiert digitale Prozesse, das andere bringt künstliche Intelligenz in die physische Welt.
Zwei Gründungen im selben Jahr
2019 ist für beide Geschichten das entscheidende Jahr.
Jan Oberhauser gründete damals in Berlin n8n. Die Idee entstand aus einem alltäglichen Entwicklerproblem: Immer wieder schrieb er kleine Programme, um Prozesse zu automatisieren – und stellte fest, dass selbst einfache Aufgaben durch Einrichtung, Schnittstellen, Server und Wartung schnell Stunden verschlangen.
n8n sollte diese Arbeit vereinfachen.
Die Plattform verbindet Anwendungen, Datenbanken und Schnittstellen miteinander und ermöglicht es Unternehmen, komplexe Arbeitsabläufe zu automatisieren. Inzwischen lassen sich darin auch KI-Modelle und autonome Agenten orchestrieren.
Im selben Jahr gründete David Reger im schwäbischen Metzingen Neura Robotics.
Sein Ziel ging in die entgegengesetzte Richtung. Während n8n digitale Arbeit automatisiert, will Neura künstliche Intelligenz in Maschinen bringen, die sehen, hören, fühlen, lernen und sich in der realen Welt bewegen können.
Sieben Jahre später treffen sich beide Geschichten an einem ungewöhnlichen Ort wieder: in der Liste der reichsten Deutschen.
n8n verdoppelt seinen Wert in sieben Monaten
Besonders rasant verlief zuletzt die Entwicklung von n8n. Im Oktober 2025 sammelte das Unternehmen 180 Millionen Dollar bei Investoren ein. Die Finanzierungsrunde bewertete n8n mit 2,5 Milliarden Dollar. Nur wenige Monate zuvor hatte das Unternehmen noch einen Bruchteil davon gekostet.
Doch im Mai 2026 folgte der nächste Sprung.
SAP stieg strategisch bei n8n ein und setzte die Unternehmensbewertung auf 5,2 Milliarden Dollar. Innerhalb von gut sieben Monaten hatte sich der Wert damit mehr als verdoppelt.
Dabei kauft SAP nicht einfach eine Beteiligung an irgendeinem KI-Start-up. n8n soll direkt in Joule Studio eingebunden werden, die Plattform, mit der SAP-Unternehmen eigene KI-Agenten entwickeln lässt.
Damit rückt das Berliner Unternehmen näher an die Systeme großer Konzerne.
Aus Automatisierung wird KI-Orchestrierung
Das erklärt auch, warum Investoren n8n inzwischen anders bewerten als noch vor wenigen Jahren. Workflow-Automatisierung ist kein neues Geschäft. Unternehmen verbinden seit Langem Datenbanken, E-Mail-Systeme, CRM-Software und andere Anwendungen miteinander.
Mit KI verändert sich jedoch die Aufgabe.
Ein Unternehmen verwendet möglicherweise Modelle verschiedener Anbieter, eigene Datenquellen, Unternehmenssoftware und spezialisierte Agenten. Diese Systeme müssen miteinander kommunizieren, Regeln einhalten und zuverlässig Aktionen ausführen. Dort positioniert sich n8n.
Das Unternehmen bezeichnet sich inzwischen als AI-Orchestration-Plattform.
Im Mai sprach Oberhauser von 1,7 Millionen monatlich aktiven Entwicklern und Nutzern sowie mehr als 1.400 Unternehmenskunden. Wenige Wochen später meldete n8n bereits 1,8 Millionen monatlich aktive Nutzer und erklärte, dass mehr als 35 Prozent der Fortune-500-Unternehmen die Plattform einsetzen.
Das Wachstum speist sich damit nicht allein aus der allgemeinen KI-Euphorie. n8n versucht, zu einer Infrastruktur zwischen KI und Unternehmenssoftware zu werden.
Neura bringt KI aus dem Bildschirm
David Reger setzt dagegen auf einen Markt, der noch wesentlich kapitalintensiver ist.
Neura Robotics entwickelt kognitive Roboter, autonome Transportsysteme und humanoide Maschinen. Der Unterschied zu klassischer Industrierobotik liegt im Anspruch: Maschinen sollen nicht mehr ausschließlich vorher exakt programmierte Bewegungsabläufe ausführen, sondern ihre Umgebung wahrnehmen und neue Fähigkeiten lernen.
Dafür verwendet Neura den Begriff Physical AI. Im Juni gelang dem Unternehmen der bisher größte Finanzierungsschritt. Neura kündigte eine Series-C-Runde von bis zu 1,4 Milliarden Dollar an. Nach übereinstimmenden Berichten wurde das Unternehmen dabei mit rund sieben Milliarden Dollar bewertet.
Damit liegt ein Robotikunternehmen aus Metzingen plötzlich in einer Größenordnung, die vor wenigen Jahren vor allem amerikanischen oder chinesischen Techkonzernen zugetraut worden wäre.
Amazon, Nvidia und Bosch investieren
Auch die Namen hinter der Finanzierungsrunde zeigen, wie strategisch der Markt geworden ist. Zu den Investoren gehören unter anderem Tether, Qualcomm, Amazon, Nvidia, Bosch, Schaeffler, die Europäische Investitionsbank und weitere internationale Kapitalgeber.
Sie bringen nicht nur Geld. Halbleiter, Cloud-Infrastruktur, Sensorik, industrielle Fertigung und KI-Modelle gehören zu den Bausteinen, die notwendig sind, wenn intelligente Roboter tatsächlich in großen Stückzahlen produziert werden sollen.
Neura beschäftigt inzwischen mehr als 1.500 Menschen. Das neue Kapital soll unter anderem den Aufbau einer Serienproduktion ermöglichen, die nach den Plänen des Unternehmens bis 2030 mehrere Millionen Roboter hervorbringen könnte.
Das ist ein ausgesprochen ambitioniertes Ziel. Deshalb ist die Finanzierung für Neura entscheidend: Hardware lässt sich wesentlich schwerer skalieren als Software.
Software wächst anders als Robotik
Der Vergleich der beiden Unternehmen zeigt zwei völlig unterschiedliche Wege zu Milliardenbewertungen.
n8n kann Software weltweit verteilen, ohne für jeden neuen Kunden eine zusätzliche Maschine bauen zu müssen. Ein weiterer Nutzer verursacht zwar Infrastruktur- und Entwicklungskosten, aber keine eigene Fabrik.
Neura benötigt dagegen Produktionsanlagen, Komponenten, Lieferketten und physischen Service. Dafür adressiert Robotik einen gigantischen Markt: Tätigkeiten in Fabriken, Logistikzentren, Pflege, Service oder irgendwann möglicherweise Privathaushalten.
Beide Geschäftsmodelle profitieren damit von demselben technologischen Trend – aber an entgegengesetzten Enden.
Sie sind nicht automatisch fünf oder sieben Milliarden reich
Bei einer Reichenliste ist jedoch eine Unterscheidung wichtig. Eine Unternehmensbewertung ist kein Privatvermögen.
Wenn n8n mit 5,2 Milliarden Dollar bewertet wird, liegen nicht 5,2 Milliarden Dollar auf Oberhausers Konto. Dasselbe gilt für Reger und die rund sieben Milliarden Dollar Unternehmenswert von Neura.
Bei jeder Finanzierungsrunde geben Gründer normalerweise Unternehmensanteile an Investoren ab. Wie groß ihr verbleibender Anteil ist, entscheidet wesentlich darüber, welchen rechnerischen Wert ihr persönliches Beteiligungsvermögen besitzt.
Hinzu kommen Abschläge für nicht börsennotierte Anteile. Ein privates Start-up besitzt schließlich keinen täglich festgestellten Börsenkurs. Die Milliardenbewertung entsteht jeweils bei einzelnen Transaktionen zwischen Unternehmen und Investoren.
Das Manager Magazin nennt beide ausdrücklich als Beispiele dafür, dass die deutsche Start-up-Szene inzwischen auch die Reichstenliste verändert.
Deutschland bekommt eine neue Gründerklasse
Trotz dieser Einschränkungen ist der Einzug von Oberhauser und Reger bemerkenswert. Deutschlands größte Vermögen entstanden historisch oft über Generationen.
Boehringer Ingelheim, Merck, Henkel, Aldi oder BMW stehen für Unternehmensgeschichten, die Jahrzehnte oder sogar mehr als ein Jahrhundert zurückreichen.
Venture-finanzierte Technologieunternehmen funktionieren anders. Sie können innerhalb weniger Jahre Bewertungen von mehreren Milliarden erreichen – und damit ebenso schnell erhebliche Gründervermögen entstehen lassen.
Noch verändern zwei Namen keine gesamte Vermögensstruktur. Doch sie zeigen, wo neue Werte entstehen können.
Software, künstliche Intelligenz und Robotik benötigen keine drei Generationen, bevor Unternehmen Milliarden wert sind.
Manchmal reichen sieben Jahre.
Stefanie S. Klief