Ein Start-up entwickelt sich rasant, zieht internationale Investoren an und wird für mehr als zwei Milliarden US-Dollar von einem der größten Technologiekonzerne der Welt übernommen. Normalerweise wäre das die klassische Exit-Geschichte. Bei Manus endet sie anders: China untersagte den Verkauf an Meta – und zwingt beide Unternehmen nun zur vollständigen Trennung.
Das KI-Unternehmen Manus will wieder vollständig als unabhängige Gesellschaft arbeiten. Das teilte das Unternehmen am Dienstag mit. Im Zuge der Trennung vom Facebook-Mutterkonzern Meta sollen auch bestimmte Nutzerdaten gelöscht werden. Damit erreicht eine ungewöhnliche Übernahmegeschichte ihren vorläufigen Schlusspunkt: Ein bereits vollzogener Milliarden-Deal wird auf staatliche Anordnung rückabgewickelt.
Vom gefeierten KI-Start-up zum Milliarden-Exit
Manus wurde von chinesischen Entwicklern aufgebaut und machte Anfang 2025 mit einem autonomen KI-Agenten international auf sich aufmerksam. Anders als klassische Chatbots soll das System nicht nur Antworten generieren, sondern komplexe Aufgaben selbstständig planen und ausführen – etwa recherchieren, programmieren oder digitale Projekte erstellen. Später verlagerte das Unternehmen seinen Sitz nach Singapur.
Ende Dezember 2025 verkündete Manus dann selbst den Anschluss an Meta. Der Kaufpreis wurde offiziell nicht genannt; Medienberichte bezifferten die Transaktion auf mehr als 2 Milliarden US-Dollar. Für ein noch junges KI-Unternehmen war das ein bemerkenswerter Exit. Die bisherigen Investoren, darunter Benchmark, HSG, ZhenFund und Tencent, stiegen Reuters zufolge im Zuge der Transaktion aus.
Doch der Deal hatte einen Haken: Die chinesischen Behörden sahen Manus trotz seines Sitzes in Singapur weiterhin als strategisch relevantes Unternehmen mit engen technologischen und personellen Verbindungen nach China. Die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission NDRC untersagte die Übernahme Ende April und verlangte, die bereits vollzogene Transaktion rückgängig zu machen.
Ein Firmensitz im Ausland reicht nicht
Gerade für Gründer liegt darin eine der wichtigsten Lehren des Falls.
Manus hatte China bereits verlassen und seinen Unternehmenssitz nach Singapur verlegt. Trotzdem betrachteten die Behörden für ihre Entscheidung nicht nur den juristischen Firmensitz. Ausschlaggebend waren nach chinesischer Darstellung unter anderem die Verbindungen des Unternehmens zu chinesischer Technologie, Talenten und Daten.
Für internationale Investoren verändert das die Risikobewertung erheblich. Von Reuters befragte Juristen warnten bereits nach dem Übernahmeverbot, dass eine formale Verlagerung ins Ausland bei strategisch sensiblen Unternehmen künftig möglicherweise nicht ausreicht. Investoren könnten deshalb stärker darauf achten, wo geistiges Eigentum tatsächlich liegt, wo Forschung und Entwicklung stattfinden, wer das Unternehmen kontrolliert und wie eng weiterhin Verbindungen nach China bestehen.
Mit anderen Worten: Die Herkunft eines Unternehmens kann für einen späteren Exit wichtiger werden als seine aktuelle Geschäftsadresse.
Wie macht man eine Übernahme rückgängig?
Dass die Behörden nicht lediglich einen geplanten Kauf stoppten, macht den Manus-Fall besonders außergewöhnlich. Als China eingriff, war Manus längst Teil von Meta.
Genau deshalb beschrieb ein von Reuters zitierter Kartellrechtler die Aufgabe sinngemäß als Versuch, bereits verrührte Eier wieder zu trennen. Denn bei einem Technologieunternehmen werden während einer Übernahme nicht nur Aktien übertragen. Mitarbeiter tauschen Wissen aus, Programmcode wird geteilt, Daten werden übertragen und Technologien in bestehende Systeme integriert.
Meta begann deshalb bereits im Juni mit einer operativen Trennung. Manus-Mitarbeiter verloren den Zugriff auf interne Meta-Systeme, Meta-Beschäftigte durften Manus nicht mehr für interne Projekte nutzen und der Datenaustausch wurde gestoppt. Bestehende Projekte sollten auf andere Meta-Infrastruktur verlagert werden.
Mit der nun angekündigten Rückkehr zur vollständigen Unabhängigkeit geht die Entflechtung weiter. Bestimmte während der Übergangsphase entstandene Nutzerdaten sollen gelöscht werden.
Der Exit bekommt ein geopolitisches Preisschild
Für Gründer und Venture-Capital-Investoren reicht die Bedeutung weit über Manus hinaus.
China hat seine Regeln für grenzüberschreitende Transaktionen inzwischen weiter verschärft. Seit dem 1. Juli gilt ein erweitertes Regelwerk für Auslandsgeschäfte, bei denen chinesische Technologie, Daten, Investoren oder nationale Sicherheitsinteressen betroffen sind. Reuters wertete die Änderungen ausdrücklich als Reaktion auf Konflikte wie den Manus-Fall.
Damit entsteht eine zusätzliche Ebene der Due Diligence.
Früher standen bei einem möglichen Exit vor allem Unternehmensbewertung, Kartellrecht, geistiges Eigentum, Steuern und die Finanzierung des Käufers im Mittelpunkt. Bei Unternehmen in strategischen Bereichen wie KI, Halbleitern oder Biotechnologie kann inzwischen eine weitere Frage entscheidend werden:
Darf dieses Unternehmen überhaupt an diesen Käufer verkauft werden?
Das betrifft auch die Bewertung eines Start-ups. Wenn ein Kreis potenzieller Käufer aus geopolitischen Gründen wegfällt oder eine Transaktion nachträglich rückabgewickelt werden kann, sinkt die Sicherheit eines möglichen Exits. Juristen sprechen bereits von einem zusätzlichen regulatorischen Abschlag bei grenzüberschreitenden Deals mit chinesischen Technologieunternehmen.
Auch Investoren müssen früher hinschauen
Der Manus-Fall zeigt zugleich, dass diese Fragen nicht erst beim Verkauf relevant werden.
Wer als Venture-Capital-Investor in ein technologieorientiertes Unternehmen einsteigt, kalkuliert normalerweise verschiedene Exit-Wege: Börsengang, Verkauf an einen strategischen Investor oder Übernahme durch einen großen Technologiekonzern.
Sind bestimmte Käufer aus politischen Gründen praktisch ausgeschlossen, verändert sich bereits der Wert einer frühen Beteiligung.
Bei international aufgestellten Start-ups dürften Investoren deshalb künftig genauer prüfen, wo Technologie entstanden ist, welche Export- und Investitionsregeln greifen, welche Staatsangehörigkeit Schlüsselpersonen besitzen und ob eine spätere Verlagerung des Firmensitzes die regulatorische Zuständigkeit tatsächlich verändert.
Der Fall Manus zeigt: Corporate Structuring ist bei strategischer Technologie nicht mehr nur eine Steuer- und Finanzierungsfrage. Es wird zunehmend zur geopolitischen Architektur eines Unternehmens.
Was bleibt
Manus hat seinen Milliarden-Exit nicht verloren, weil das Produkt scheiterte oder Meta den Kaufpreis nicht mehr zahlen wollte. Die Transaktion scheiterte an einer politischen Entscheidung.
Gerade das macht den Fall für Gründer bedeutsam.
Das Unternehmen war bereits nach Singapur umgezogen, internationale Investoren waren beteiligt, die Übernahme war abgeschlossen und Manus in Metas Strukturen eingebunden. Trotzdem konnte Peking die Rückabwicklung durchsetzen.
Für Start-ups in strategischen Technologien verändert sich damit eine zentrale Annahme des klassischen Venture-Capital-Modells: Ein erfolgreicher Exit ist nicht mehr ausschließlich eine Frage davon, ob sich ein Käufer findet und welchen Preis er bietet.
Bei KI, Chips, Daten oder anderen Schlüsseltechnologien kann künftig ebenso entscheidend sein, welcher Staat glaubt, ein Mitspracherecht zu besitzen.
Stefanie S. Klief