Es gibt Unternehmen, die scheitern, weil niemand ihr Produkt will. Und es gibt Marken, die ein komplizierteres Problem bekommen: Die Menschen wollen so viel davon, dass ihr Erfolg beginnt, genau jene Eigenschaften zu verändern, die sie ursprünglich begehrenswert gemacht haben. Berlin könnte dafür eine ungewöhnlich gute Fallstudie sein. 2007 fanden noch 66 Prozent der Deutschen die Hauptstadt faszinierend. Heute sind es laut einer aktuellen Allensbach-Studie nur noch 31 Prozent. Dabei ist Berlin weder bedeutungslos noch leer geworden. Millionen Menschen besuchen die Stadt, Unternehmen investieren, Immobilien sind begehrt. Vielleicht ist Berlin also nicht an seinem Misserfolg gewachsen – sondern an seinem Erfolg.
Ein Claim, den kein Marketing erfinden konnte
Als der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit 2003 in London für Berlin warb, sprach er offen über die maroden Finanzen und wirtschaftlichen Probleme der Stadt. »Arm, aber sexy« war außergewöhnlich gutes Standortmarketing, gerade weil der Satz nichts beschönigte. Gleichzeitig beschrieb er Berlin als junge, »unfertige Stadt«, in der Investoren noch mitgestalten könnten. Grundstücke seien billig, Möglichkeiten reichlich vorhanden.
Damit brachte der Satz etwas auf den Punkt, das sich kaum durch eine klassische Imagekampagne hätte herstellen lassen. Berlin war nicht perfekt. Und genau das war das Angebot.
Nach der Wiedervereinigung existierten leerstehende Häuser, Industriebrachen, bezahlbarer Wohnraum und Flächen, auf denen Clubs, Ateliers, kleine Unternehmen und kulturelle Projekte entstehen konnten. Wer wenig Kapital besaß, konnte trotzdem etwas ausprobieren.Der eigentliche USP der Stadt war deshalb nicht Armut. Es war der Freiraum, der daraus entstand.
Die Marke wurde größer als ihr Produkt
Dann geschah das, wovon Unternehmen normalerweise träumen. Die Botschaft funktionierte.
Berlin wurde international zur Marke für Kreativität, Freiheit, Nachtleben, Subkultur und einen Lebensstil abseits etablierter Metropolen. Menschen kamen zum Studieren, Arbeiten, Gründen und Feiern. Unternehmen folgten. Internationale Medien erzählten die Geschichte weiter. Das Produkt Berlin gewann Nachfrage. Nur besitzt eine Stadt einen entscheidenden Unterschied zu einem Softwareprodukt: Sie lässt sich nicht beliebig vervielfältigen.
Wohnungen, Straßen, alte Fabrikhallen und innerstädtische Flächen sind begrenzt. Steigt die Nachfrage nach ihnen, steigt irgendwann ihr Preis. Genau das geschah.
Die mittlere Angebotsmiete lag 2016 in Berlin noch bei 9 Euro pro Quadratmeter. 2025 waren es 15,78 Euro – ein Anstieg um 75,3 Prozent. In der inneren Stadt lag der Median bei 19,22 Euro, in Mitte sogar bei 20 Euro. Damit wurde ausgerechnet jene Ressource knapp, die ein wesentlicher Bestandteil des ursprünglichen Markenversprechens gewesen war:
Raum.
Erfolg kann den eigenen USP verteuern
Für Gründer steckt darin ein bekanntes Problem. Ein Unternehmen entdeckt eine Nische. Die ersten Kunden lieben das Produkt wegen einer bestimmten Eigenschaft: Es ist persönlich, ungewöhnlich, unkompliziert oder gegen den Mainstream positioniert. Dann wächst das Unternehmen.
Prozesse werden standardisiert. Kapital kommt hinzu. Neue Zielgruppen werden erschlossen. Die Organisation wird professioneller. Das alles kann notwendig und wirtschaftlich richtig sein. Doch Wachstum verändert das Produkt.
Bei Berlin funktionierte dieser Mechanismus nicht über einen Vorstandsbeschluss, sondern über Millionen individueller Entscheidungen. Menschen wollten dort leben, Unternehmen wollten dort investieren, Touristen wollten dort übernachten.
Die Nachfrage bestätigte den Erfolg der Marke – und erhöhte gleichzeitig die Kosten, Teil von ihr zu werden.
Ein Künstler oder Gründer, der früher wegen niedriger Lebenshaltungskosten ein Risiko eingehen konnte, braucht heute wesentlich mehr Kapital, nur um denselben Ort nutzen zu können. Das heißt nicht, dass Kreativität mit steigenden Mieten automatisch verschwindet. Aber ihre Eintrittsbarriere steigt. Und damit verändert sich die Zusammensetzung jener Menschen, die Neues ausprobieren können.
Die Clubszene zeigt das Problem wie unter dem Mikroskop
Kaum irgendwo lässt sich dieser Mechanismus besser beobachten als im Berliner Nachtleben. Die Nachfrage ist nämlich keineswegs verschwunden.
83 Prozent der von der Clubcommission befragten Clubs und Veranstalter erreichen mindestens 50 Prozent Auslastung. Ein Drittel kommt sogar auf mehr als 75 Prozent. Die Tanzflächen sind also nicht leer. Ökonomisch geht es den Betrieben trotzdem schlechter.
2017 arbeiteten noch 79 Prozent mindestens kostendeckend. 2025 waren es 61 Prozent. 39 Prozent schrieben Verluste. Fast jeder vierte befragte Betreiber denkt darüber nach, innerhalb der kommenden zwölf Monate aufzugeben. Nur acht Prozent der Betriebe besitzen ihre Spielstätte. Fast ein Drittel arbeitet mit Miet- oder Pachtverträgen, deren Laufzeit unter fünf Jahren liegt. 71 Prozent der untersuchten Orte befinden sich in Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte und Neukölln – ausgerechnet in jenen Bezirken, in denen Flächen besonders umkämpft sind.
Damit entsteht ein paradoxes Geschäftsmodell: Das Produkt wird nachgefragt. Aber der Erfolg des Umfelds verteuert die Bedingungen, unter denen es produziert wird.
Der Unterschied zwischen Popularität und Markenbegehren
Auch deshalb sind die neuen Allensbach-Zahlen so interessant. Nur noch 31 Prozent der Befragten bezeichnen Berlin als faszinierende Metropole. 2007 waren es 66 Prozent. Hamburg erreicht heute beim »besonderen Reiz« 48 Prozent, München 47 Prozent und Berlin nur 34 Prozent. Befragt wurden Anfang August 1.039 Menschen.
Die Umfrage misst Wahrnehmung. Sie beweist nicht, warum sich Berlins Image verändert hat. Noch weniger beweist sie, dass Berlin wirtschaftlich oder touristisch unattraktiv geworden wäre. Das Gegenteil zeigt ein Blick auf die Besucherzahlen.
2025 kamen 12,4 Millionen Gäste nach Berlin und sorgten für 29,4 Millionen Übernachtungen. 41 Prozent der Übernachtungsgäste kamen aus dem Ausland. Berlin gehört weiterhin zu den wichtigsten Städtezielen Europas.
Im ersten Halbjahr 2026 besuchten weitere 5,9 Millionen Menschen die Hauptstadt. Die Gästezahl blieb damit gegenüber dem Vorjahreszeitraum nahezu stabil, auch wenn die Übernachtungen um 2,7 Prozent zurückgingen.
Das ist der Unterschied zwischen Reichweite und Faszination. Eine Marke kann sehr bekannt, wirtschaftlich relevant und stark nachgefragt sein – und trotzdem einen Teil ihrer emotionalen Anziehungskraft verlieren. Für Unternehmen ist das eine unangenehme Erkenntnis: Markenbekanntheit lässt sich messen. Markenmagie wesentlich schlechter.
Professionalisierung ist nicht der Feind
Daraus folgt allerdings nicht, dass Berlin besser arm geblieben wäre. Das wäre romantischer Unsinn. Niedrige Mieten entstanden auch aus wirtschaftlicher Schwäche, hoher Arbeitslosigkeit, Leerstand und jahrzehntelanger Teilung. Für Menschen, die damals keine Arbeit fanden oder in sanierungsbedürftigen Häusern lebten, war das vermeintlich wilde Berlin nicht ausschließlich ein Lifestyle-Versprechen.
Ebenso wäre es für ein Unternehmen absurd, Wachstum abzulehnen, nur um authentisch klein zu bleiben. Professionalisierung schafft Stabilität. Sie ermöglicht bessere Produkte, höhere Löhne, Investitionen und neue Märkte. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob eine Marke wachsen darf. Sondern ob sie erkennt, welcher Teil ihres ursprünglichen Wertes beim Wachstum besonders gefährdet ist. Bei Berlin war dieser Wert womöglich weniger die Clubkultur selbst als die Möglichkeit, dass immer wieder etwas Neues entstehen konnte.
Und was passiert mit der Start-up-Stadt?
Gerade für Berlin ist diese Entwicklung mehr als eine kulturelle Frage. Denn aus den Freiräumen der Stadt entstand nicht nur ihre Club- und Kreativszene. Sie waren auch ein Teil jener Bedingungen, unter denen Berlin zur deutschen Start-up-Hauptstadt werden konnte.
Noch heute ist diese Stellung beeindruckend. Der aktuelle Berlin Start-up Ecosystem Report beziffert den Gesamtwert der Berliner VC-finanzierten Startup-Landschaft auf 169 Milliarden Euro. Das entspricht 43 Prozent des gesamten deutschen Startup-Ökosystems. Mehr als 1.600 mit Venture Capital finanzierte junge Unternehmen sind in der Stadt ansässig, Startups und Scale-ups beschäftigen knapp 100.000 Menschen. Alle 14 Stunden entsteht nach Berechnungen des Reports ein neues Start-up.
Auch international hat Berlin seine Anziehungskraft keineswegs verloren. In der Startup Heatmap Europe 2025 nannten 31,6 Prozent der befragten Gründer Berlin als möglichen Standort für ein hypothetisches neues Unternehmen. Nur London lag mit 32,6 Prozent knapp davor. Paris folgte mit deutlichem Abstand bei 18,9 Prozent.
Der alte Mythos wirkt also noch. Doch auch hier stellt sich die Frage, ob Berlin inzwischen von einem Kapital lebt, das unter anderen Bedingungen entstanden ist.
Die Stadt war für Gründer lange nicht nur attraktiv, weil dort Investoren und Talente saßen. Sie bot einen besonderen ökonomischen Vorteil: Man konnte vergleichsweise billig ausprobieren.
Ein kleines Team brauchte weniger Kapital, wenn die Gründer selbst günstig wohnen konnten. Mitarbeiter mussten nicht mit Münchner oder Londoner Gehältern gelockt werden. Büros, Ateliers oder erste Arbeitsräume waren leichter zu finden. Und wer noch kein Venture Capital eingesammelt hatte, konnte länger von wenig Geld leben.
Für ein Start-up ist genau diese Zeit wertvoll. Denn am Anfang steht häufig noch kein funktionierendes Geschäftsmodell. Es gibt eine Idee, einige Menschen und eine begrenzte finanzielle Reichweite. Jeder zusätzliche Euro für Wohnung, Gehalt oder Arbeitsraum verkürzt diese sogenannte Runway – die Zeit, in der ein Unternehmen ausprobieren kann, bevor neues Kapital benötigt wird.
Steigende Lebenshaltungskosten treffen deshalb nicht alle Start-ups gleichermaßen. Ein finanzierter Scale-up mit zweistelliger Millionenrunde kann höhere Gehälter bezahlen und hochwertige Büroflächen mieten. Für zwei Menschen, die nach Feierabend an einer Idee arbeiten oder mit ihren Ersparnissen gründen wollen, sieht die Rechnung anders aus.
Damit könnte sich ausgerechnet durch Berlins Erfolg die Eintrittsschwelle in sein Start-up-Ökosystem erhöhen. Berlin würde nicht aufhören, Start-up-Stadt zu sein. Im Gegenteil: Das bestehende Netzwerk aus Investoren, erfolgreichen Gründern, Universitäten, Fachkräften und bereits gewachsenen Unternehmen besitzt inzwischen eine Eigendynamik, die weit über günstige Mieten hinausgeht.
Inzwischen entstehen sogar sogenannte Founder Factories: erfolgreiche Berliner Unternehmen, aus deren Belegschaften später neue Gründer hervorgehen. Kein anderes Bundesland besitzt laut dem aktuellen Ökosystemreport mehr solcher Keimzellen.
Der Standort professionalisiert sich also genau wie die Stadt selbst. Das kann ihn wirtschaftlich stärker machen. Es kann aber zugleich verändern, wer überhaupt hineinkommt.
Wenn Gründen zunehmend voraussetzt, bereits Kapital, ein gut bezahltes berufliches Umfeld oder Zugang zu Investoren zu besitzen, verliert ein Ökosystem möglicherweise einen Teil jener Zufälligkeit, aus der ungewöhnliche Unternehmen entstehen. Die entscheidende Ressource einer Start-up-Stadt ist deshalb nicht nur Venture Capital. Es ist die Möglichkeit zu scheitern, bevor viel Kapital vorhanden ist.
Genau darin ähneln sich Start-ups und die alte Berliner Subkultur erstaunlich stark: Beide brauchen Orte, an denen etwas entstehen darf, dessen wirtschaftlicher Wert noch niemand kennt.
Berlin besitzt heute deutlich mehr Kapital, Know-how und internationale Reichweite als zu Zeiten von »arm, aber sexy«. Die Frage ist, ob die Stadt dabei genügend Raum für jene bewahrt, die noch nichts davon besitzen.
Stefanie S. Klief