Netflix setzt generative künstliche Intelligenz bereits bei Hunderten Produktionen ein. Mit dem Kauf von InterPositive holt sich der Konzern nun eine eigene Technologie ins Haus. Der Deal zeigt, dass der nächste Wettbewerb im Streaming nicht nur um Inhalte und Abonnenten geführt wird – sondern um die Kosten ihrer Herstellung.
Der Kauf war bekannt – der Preis nicht
Netflix gab die Übernahme von InterPositive bereits am 5. März 2026 bekannt. Finanzielle Einzelheiten nannte das Unternehmen damals nicht.
Erst der jüngste Quartalsbericht liefert eine Größenordnung. Darin weist Netflix für eine im März abgeschlossene Unternehmensübernahme einen Kaufpreis von rund 587 Millionen US-Dollar in bar aus. Das erworbene Unternehmen wird in der entsprechenden Passage nicht ausdrücklich genannt. Da InterPositive die im März öffentlich angekündigte Akquisition war, ordnen mehrere US-Branchenmedien den Betrag diesem Geschäft zu.
Frühere Berichte hatten bereits einen möglichen Gesamtwert von bis zu 600 Millionen US-Dollar genannt. Teile der Vergütung könnten demnach an bestimmte Bedingungen oder Entwicklungsschritte gebunden sein.
Damit gehört InterPositive zu den größten bekannten Übernahmen in der Geschichte von Netflix.
Der Konzern hat zwar bereits Unternehmen aus den Bereichen Spiele, Animation und visuelle Effekte übernommen. Üblicherweise setzt Netflix jedoch stärker auf organisches Wachstum, Lizenzvereinbarungen und langfristige Produktionsverträge als auf große Firmenkäufe.
Ben Affleck gründete das Unternehmen im Verborgenen
Affleck gründete InterPositive 2022, nachdem er sich intensiver mit den Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf die Filmproduktion beschäftigt hatte.
Das Unternehmen arbeitete lange weitgehend außerhalb der Öffentlichkeit. Sein Team besteht aus Ingenieuren, Forschern und Filmschaffenden, die KI-Modelle speziell für die Anforderungen realer Produktionen entwickeln. Bei Bekanntgabe der Übernahme wurde von rund 16 Beschäftigten gesprochen.
Das Geschäftsmodell unterscheidet sich von frei verfügbaren Bild- oder Videogeneratoren.
InterPositive soll keine beliebigen Filme allein aus Texteingaben erzeugen. Die Technologie arbeitet vielmehr mit Material, das zuvor bei einer konkreten Produktion aufgenommen wurde. Daraus erstellt sie spezialisierte Modelle, die den visuellen Stil, das Licht, die Kameraführung und die räumliche Logik des jeweiligen Projekts nachvollziehen sollen.
Dadurch können Filmschaffende beispielsweise:
Die Technologie setzt damit später im Produktionsprozess an als viele generative Systeme. Sie soll vorhandenes Filmmaterial bearbeiten und vervollständigen, nicht Schauspieler oder ganze Produktionen vollständig ersetzen.
Netflix setzt KI bereits bei rund 300 Titeln ein
Der Kauf ist kein isoliertes Experiment.
Netflix erklärte bei der Vorlage seiner jüngsten Quartalszahlen, dass generative KI im laufenden Jahr bereits bei etwa 300 Produktionen zum Einsatz gekommen sei. Der größte Teil der Anwendungen entfällt auf die Nachbearbeitung.
Genannt wurden unter anderem digitale Menschenmengen, historische Schlachtszenen, virtuelle Welten und aufwendige visuelle Erweiterungen.
Bei der Produktion »The American Experiment« entstanden nach Unternehmensangaben rund 17 Minuten KI-gestütztes Material. Diese Abschnitte seien in ungefähr der Hälfte der sonst erforderlichen Zeit und zu rund der Hälfte der üblichen Kosten erstellt worden. Manche Einstellungen wären mit herkömmlichen Verfahren aus Budgetgründen überhaupt nicht realisiert worden.
Damit verschiebt sich die wirtschaftliche Bedeutung der Technologie.
KI soll nicht nur bestehende Arbeit billiger machen. Sie kann Szenen ermöglichen, die für kleinere Produktionen bisher zu teuer gewesen wären. Ein begrenztes Budget könnte dadurch auf dem Bildschirm nach einer deutlich größeren Produktion aussehen.
Die Rechnung beginnt bei den Produktionskosten
Netflix investiert jedes Jahr Milliarden in Filme, Serien und andere Inhalte. Bereits geringe Einsparungen pro Produktion können sich über das gesamte Programm zu erheblichen Beträgen summieren.
Ein Nachdreh ist besonders teuer. Schauspieler, Regie, Kamera, Kulissen und Drehorte müssen erneut koordiniert werden. Sind Darsteller inzwischen in anderen Produktionen gebunden oder Kulissen bereits abgebaut, kann eine einzelne fehlende Einstellung einen erheblichen Aufwand verursachen.
Kann KI eine solche Lücke glaubwürdig aus vorhandenem Material schließen, spart das nicht nur Arbeitszeit in der Nachbearbeitung. Es kann eine komplette erneute Drehsituation verhindern.
Ähnliches gilt für visuelle Effekte.
Menschenmengen, historische Schauplätze, Fahrzeuge oder komplexe Hintergründe werden bisher häufig mit Statisten, Kulissen, klassischen Computereffekten oder einer Kombination dieser Verfahren erzeugt. KI kann einzelne Arbeitsschritte beschleunigen und dadurch die Kosten pro Einstellung senken.
Für Netflix ist entscheidend, dass diese Werkzeuge nicht nur einmal verkauft werden.
Der Konzern kann sie wiederholt über Hunderte Eigenproduktionen hinweg einsetzen. Der Kaufpreis von 587 Millionen US-Dollar verteilt sich damit potenziell auf viele Jahre und Tausende Produktionsstunden.
Der Wert liegt auch in den eigenen Daten
Generative KI ist von Trainingsmaterial abhängig.
Bei Filmproduktionen ist dieses Material besonders wertvoll. Rohaufnahmen, alternative Einstellungen, Kamera- und Lichtdaten, Produktionsnotizen und Schnittfassungen enthalten deutlich mehr Informationen als der fertige Film, den Zuschauer später sehen.
Netflix verfügt durch seine weltweiten Eigenproduktionen über einen umfangreichen Bestand an solchem Material.
InterPositive könnte dem Konzern ermöglichen, aus diesen Daten spezialisierte Werkzeuge zu entwickeln, ohne sensible Produktionsinformationen an externe KI-Anbieter weitergeben zu müssen.
Das schafft zwei Vorteile.
Erstens behält Netflix die Kontrolle über Rechte, Geheimhaltung und technische Prozesse.
Zweitens können die Modelle stärker auf die eigenen Produktionsabläufe zugeschnitten werden. Eine allgemeine Videotechnologie muss möglichst viele Anwendungsfälle abdecken. Ein internes Netflix-System kann dagegen gezielt für wiederkehrende Probleme in Filmen und Serien optimiert werden.
Der Kauf ist damit auch eine Datenstrategie.
Netflix verringert die Abhängigkeit von KI-Zulieferern
Viele Medienunternehmen experimentieren mit Technologien von OpenAI, Google, Adobe oder spezialisierten Video-KI-Anbietern.
Wer ausschließlich auf fremde Systeme setzt, bleibt jedoch von deren Preisen, Nutzungsbedingungen, Verfügbarkeit und rechtlicher Absicherung abhängig.
Für einen Konzern wie Netflix wäre diese Abhängigkeit erheblich.
Ändert ein Anbieter sein Preismodell oder verliert ein System wegen urheberrechtlicher Konflikte an Nutzbarkeit, können Produktionsabläufe betroffen sein. Auch die Frage, welche Daten zum Training verwendet werden dürfen und wem die erzeugten Ergebnisse gehören, ist noch nicht abschließend geklärt.
Mit InterPositive holt Netflix deshalb einen Teil der technologischen Wertschöpfung ins eigene Unternehmen.
Der Streamingkonzern besitzt Inhalte, Produktionsdaten, Vertrieb und Kundenbeziehung. Nun baut er zusätzlich eine eigene Ebene für die KI-gestützte Herstellung auf.
Affleck verkauft nicht nur Technik
Die Rolle von Ben Affleck ist bei diesem Geschäft größer als die eines prominenten Gründers.
Hollywood begegnet generativer KI weiterhin mit erheblichem Misstrauen. Drehbuchautoren und Schauspieler erkämpften nach den Arbeitskämpfen von 2023 vertragliche Schutzregeln für ihre Leistungen, Stimmen und digitalen Abbilder. Auch Beschäftigte in visuellen Effekten, Schnitt und Animation fürchten, dass Unternehmen KI vor allem zur Senkung von Personalkosten einsetzen.
Ein Technologiekonzern, der neue KI-Werkzeuge ankündigt, stößt deshalb schnell auf Widerstand.
Affleck kann dieselbe Technologie anders erzählen.
Er tritt als Schauspieler, Regisseur, Produzent und Gründer auf. Sein Argument lautet, dass KI von Filmschaffenden gestaltet werden müsse, damit sie deren Arbeit unterstützt, statt sie zu verdrängen.
InterPositive will nach eigener Darstellung keine Darsteller imitieren und keine vollständigen Leistungen synthetisch ersetzen. Die Werkzeuge sollen sich auf filmtechnische Probleme und die Bearbeitung bereits gedrehten Materials konzentrieren.
Ob diese Abgrenzung langfristig hält, ist offen.
Für Netflix ist Affleck dennoch ein glaubwürdiger Vermittler zwischen Technologie und Kreativbranche. Er bleibt dem Unternehmen als Senior Advisor verbunden.
Die Übernahme kauft damit nicht allein Software und Fachkräfte.
Sie kauft eine kulturelle Übersetzungsleistung.
»Mehr menschliche Arbeit« bleibt eine schwierige Behauptung
Affleck argumentiert, effizientere Werkzeuge könnten insgesamt mehr kreative Arbeit ermöglichen.
Wenn visuelle Effekte günstiger werden, könnten mehr Projekte finanziert und aufwendigere Szenen realisiert werden. Eine Produktion mit begrenztem Budget müsste dann möglicherweise nicht auf bestimmte Ideen verzichten.
Diese Logik ist nicht unplausibel.
Trotzdem führt höhere Produktivität nicht automatisch zu mehr Beschäftigung.
Wenn eine Aufgabe bisher 20 Personen mehrere Wochen beschäftigte und künftig von einem kleineren Team in wenigen Tagen erledigt werden kann, sinkt zunächst der Arbeitsbedarf für diesen konkreten Vorgang. Ob an anderer Stelle genügend neue Produktionen und Aufgaben entstehen, um diesen Effekt auszugleichen, lässt sich nicht garantieren.
Besonders gefährdet könnten standardisierte Tätigkeiten in Postproduktion, Animation, Synchronisation, Schnittvorbereitung und visuellen Effekten sein.
Gleichzeitig entstehen neue Aufgaben:
Die Arbeit verschwindet damit nicht zwangsläufig.
Sie verändert sich – und möglicherweise wird für dieselbe Menge an Inhalt weniger Personal benötigt.
Der Kaufpreis setzt die Technologie unter Druck
587 Millionen US-Dollar sind auch für Netflix kein beiläufiger Betrag.
InterPositive muss daher mehr leisten, als einzelne Effekte etwas schneller zu erzeugen. Die Technologie muss sich in den regulären Produktionsprozess integrieren lassen, bei unterschiedlichen Genres funktionieren und Ergebnisse liefern, die dem Qualitätsanspruch eines weltweiten Streamingdienstes genügen.
Hinzu kommen rechtliche Risiken.
Modelle müssen so trainiert und eingesetzt werden, dass Persönlichkeitsrechte, Arbeitsverträge, Urheberrechte und gewerkschaftliche Vereinbarungen eingehalten werden. Bereits der Eindruck, Netflix könne Leistungen von Schauspielern oder anderen Kreativen ohne deren Zustimmung nachbilden, könnte zu Konflikten führen.
Auch Zuschauer könnten empfindlich reagieren.
KI-Effekte werden oft erst dann zum Thema, wenn sie sichtbar misslingen oder als billig wahrgenommen werden. Gelingt die Technik, dürfte ein großer Teil des Publikums ihren Einsatz kaum bemerken. Scheitert sie, kann aus einer Kosteneinsparung schnell ein Qualitäts- und Imageschaden werden.
Netflix muss derzeit genauer auf seine Kosten achten
Der Zeitpunkt der Übernahme ist bemerkenswert.
Netflix wächst weiter, doch Anleger verlangen zunehmend, dass der Konzern seine hohen Inhaltsausgaben in verlässliches Umsatz- und Gewinnwachstum übersetzt. Im zweiten Quartal 2026 stieg der Umsatz um rund 13 Prozent auf 12,56 Milliarden US-Dollar. Der Nettogewinn erreichte rund 3,4 Milliarden US-Dollar. Die Prognose enttäuschte den Markt dennoch, woraufhin die Aktie deutlich nachgab.
Künstliche Intelligenz liefert Netflix in dieser Situation eine attraktive Erzählung:
Mehr und aufwendigere Inhalte sollen entstehen, ohne dass die Produktionskosten im gleichen Verhältnis wachsen.
Das ist für einen Streamingdienst entscheidend. Netflix kann seine Preise nicht beliebig erhöhen. Werbung und neue Angebotsformen schaffen zusätzliche Einnahmen, doch Inhalte bleiben der größte Kostenblock und das wichtigste Mittel zur Kundenbindung.
Wenn InterPositive den Aufwand pro fertiger Filmminute senkt, wirkt die Technologie direkt auf die Marge.
Der Deal verändert auch die Verhandlungsposition
Netflix produziert einen Teil seiner Inhalte selbst und arbeitet zugleich mit zahlreichen Studios, Produktionsfirmen und Dienstleistern zusammen.
Eigene KI-Werkzeuge könnten die Verhandlungsposition gegenüber diesen Partnern verändern.
Kann Netflix bestimmte Effekte, Korrekturen oder Postproduktionsschritte intern erledigen, muss der Konzern weniger Leistungen extern einkaufen. Produktionspartner könnten zugleich gezwungen sein, ihre Preise und Abläufe anzupassen.
Langfristig könnte Netflix die Technologie auch externen Produzenten zur Verfügung stellen, die Inhalte für die Plattform herstellen. Dann würde das Unternehmen nicht nur Vorgaben zu Budget, Format und Liefertermin machen, sondern auch die technischen Werkzeuge des Produktionsprozesses kontrollieren.
Das birgt Effizienzvorteile.
Es erhöht aber auch die Abhängigkeit der Produzenten vom Auftraggeber.
Netflix würde damit stärker zu einer vertikal integrierten Produktionsplattform: nicht bloß Abnehmer und Distributor von Filmen, sondern Eigentümer der Infrastruktur, mit der sie hergestellt werden.
Andere Studios müssen entscheiden, ob sie nachziehen
Die Übernahme setzt auch Wettbewerber unter Druck.
Disney, Warner Bros. Discovery, Amazon und traditionelle Filmstudios experimentieren ebenfalls mit künstlicher Intelligenz. Bisher arbeiten viele jedoch mit externen Anbietern, einzelnen Pilotprojekten oder Partnerschaften.
Netflix hat nun eine spezialisierte Technologie vollständig übernommen.
Sollte InterPositive die versprochenen Einsparungen liefern, könnten Konkurrenten gezwungen sein, ähnliche Unternehmen zu kaufen oder eigene Teams aufzubauen. Der Deal könnte damit eine neue Konsolidierungswelle unter Film-KI-Startups auslösen.
Dabei dürfte nicht nur die technische Qualität zählen.
Besonders wertvoll werden Unternehmen sein, die Rechtefragen geklärt haben, mit echten Produktionsdaten arbeiten dürfen und das Vertrauen etablierter Filmschaffender besitzen.
InterPositive vereint diese Elemente zumindest in der Erzählung des Deals.
SK