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Wann ist ein Start-up eigentlich erwachsen?

Ein Wort zum Wording

Warum Gründung, Start-up, Scale-up und Mittelstand keine Altersstufen sind – und was die Begriffe über unterschiedliche Wirtschaftsmodelle verraten

10 Min.

23.08.2026

Die SAP-Mitarbeiter Jürgen Hachenberger und Gerald Malter (von links) bei der Arbeit im Jahr 1979 - wenige Jahre nach der Gründung längst auf Wachstumskurs.

In zwei Teilen klären wir Begriffe, Strukturen und Entscheidungen rund ums Gründen – vom Start-up über Skalierung und Mittelstand bis zur Frage, welche Rechtsform zu welcher Geschäftsidee passt.

»Ein Wort zum Wording« – das Themen-Doppel von Stefanie S. Klief


Nicht jede Gründung ist ein Start-up. Nicht jedes Start-up wird zum Scale-up. Und wer dem Start-up-Alter entwächst, wird deshalb noch lange nicht automatisch zum Mittelständler. Ein Blick auf Begriffe, die im Wirtschaftsalltag selbstverständlich klingen – und erstaunlich wenig selbstverständlich sind.

SAP wurde 1972 gegründet. Kein Start-up. Klar.

Ein acht Jahre altes Softwareunternehmen mit 200 Mitarbeitern? Kann eines sein.

Eine gestern eröffnete Bäckerei? Eine Gründung – aber normalerweise kein Start-up.

Der 80 Jahre alte Familienbetrieb mit 400 Mitarbeitern? Mittelstand. Vielleicht. Obwohl er größer sein kann als manches Unternehmen, das noch immer als Start-up bezeichnet wird.

Wer versucht, diese Unternehmen nach Alter und Größe ordentlich hintereinander aufzustellen, bekommt schnell ein Problem. Denn 

  • Gründung
  • Start-up
  • Scale-up
  • KMU 
  • Mittelstand 

bezeichnen keine aufeinanderfolgenden Entwicklungsstufen eines Unternehmens. 

Teilweise beschreiben sie sein Alter, teilweise seine Größe, teilweise sein Geschäftsmodell und manchmal vor allem das Selbstverständnis seiner Eigentümer.

Jede Firma beginnt mit einer Gründung – aber nicht jede Gründung ist ein Start-up

Der Begriff »Gründung« ist zunächst der einfachste. Ein Mensch macht sich selbstständig, eine Gesellschaft entsteht oder ein Unternehmen nimmt seine Tätigkeit auf. Dabei kann eine Physiotherapiepraxis ebenso gegründet werden wie ein Handwerksbetrieb, ein Restaurant oder eine Softwareplattform.

Zum Start-up werden sie dadurch nicht automatisch.

Gemeint sind damit üblicherweise junge Unternehmen, die Innovation mit Wachstumsambitionen verbinden. Doch selbst dafür gibt es nicht die eine universelle Definition.

Wie weit Selbstverständnis und statistische Abgrenzung auseinanderliegen können, zeigte KfW Research Anfang 2025 besonders deutlich: 27 Prozent der Gründer in Deutschland bezeichneten ihr Unternehmen selbst als Start-up. Legte man hingegen die engeren Start-up-Merkmale des KfW-Gründungsmonitors zugrunde, waren lediglich sechs Prozent der Gründungen Start-ups.

Der Begriff hat sich längst aus der engen Wirtschaftssprache gelöst. Selbst 28 Prozent derjenigen, die sich durch die Übernahme eines bestehenden Unternehmens selbstständig gemacht hatten, betrachteten dieses laut KfW als Start-up – obwohl bei gängigen Abgrenzungen typischerweise Neugründungen gemeint sind.

Der Deutsche Startup Monitor definiert enger. Start-ups sind danach nicht älter als zehn Jahre, mit ihrer Technologie und/oder ihrem Geschäftsmodell innovativ und weisen ein signifikantes Mitarbeiter- und/oder Umsatzwachstum auf oder streben es an.

Damit wird auch klar, warum die neu eröffnete Bäckerei zwar eine Unternehmensgründung, aber im üblichen Verständnis kein Start-up ist. Entwickelt sie hingegen ein neuartiges Geschäftsmodell, das sich über zahlreiche Standorte oder digitale Vertriebswege vervielfältigen lässt und gezielt auf starkes Wachstum ausgelegt ist, kann die Einordnung bereits anders aussehen.

Nicht die Gründung macht also das Start-up.

Entscheidend ist, was aus ihr werden soll.

Seit 2026 versucht selbst die EU, Ordnung in die Begriffe zu bringen

Dass diese Unschärfe längst mehr als eine sprachliche Randfrage ist, zeigt eine bemerkenswerte Entwicklung auf europäischer Ebene.

Noch in ihrer Startup- und Scaleup-Strategie von 2025 stellte die EU-Kommission fest, dass es keine einheitliche europäische Definition für Start-ups, Scale-ups und innovative Unternehmen gebe. Das erschwere nicht nur statistische Vergleiche, sondern auch gezielte Fördermaßnahmen.

Am 18. März 2026 folgte deshalb eine eigene Empfehlung zur Definition innovativer Unternehmen, Start-ups und Scale-ups.

Danach gilt für Zwecke dieser Empfehlung als »innovatives Start-up« ein eigenständiges innovatives Unternehmen, das seit seiner Registrierung weniger als zehn Jahre tätig ist, weniger als 100 Personen beschäftigt und dessen Jahresumsatz beziehungsweise Bilanzsumme zehn Millionen Euro nicht überschreitet. Hinzu kommen konkrete Anforderungen an die Innovationsfähigkeit des Unternehmens.

Damit haben wir allerdings keine allgemeingültige Definition dessen, was im Wirtschaftsleben Start-up heißen darf. Die Empfehlung dient vielmehr dazu, innerhalb europäischer Politik, Förderung und Datenerhebung eine gemeinsame Grundlage zu schaffen.

Und genau deshalb kann auch das eingangs genannte acht Jahre alte Softwareunternehmen mit 200 Mitarbeitern im allgemeinen Sprachgebrauch oder nach anderen Abgrenzungen weiterhin als Start-up gelten – nach der neuen EU-Definition eines »innovativen Start-ups« hingegen nicht.

Das scheinbare Wortspiel hat damit eine handfeste ökonomische Dimension. Denn sobald Förderprogramme, regulatorische Erleichterungen oder öffentliche Finanzierungsinstrumente an bestimmte Unternehmensgruppen geknüpft werden, entscheidet die Definition darüber, wer dazugehört – und wer nicht.

Aus einem Modewort wird eine wirtschaftspolitische Kategorie.

Skalierbar ist man nicht erst, wenn man groß ist

Besonders häufig verschwimmen die Begriffe beim Wachstum. Ein Unternehmen kann bereits am ersten Tag skalierbar sein, ohne überhaupt nennenswerten Umsatz zu erzielen.

Skalierbarkeit beschreibt zunächst die Fähigkeit eines Geschäftsmodells, seine Leistung und seinen Umsatz deutlich auszuweiten, ohne dass der Ressourceneinsatz im gleichen Verhältnis steigen muss.

Das klassische Beispiel ist Software. Ist ein digitales Produkt einmal entwickelt, können zusätzliche Kunden vergleichsweise geringe zusätzliche Kosten verursachen. Ein Beratungsunternehmen kann ebenfalls stark wachsen – benötigt für zusätzliche Aufträge aber in aller Regel zusätzliche Arbeitskraft. Wachstum und Ressourcenverbrauch sind stärker miteinander gekoppelt.

Skalierbarkeit ist damit zunächst eine Eigenschaft des Geschäftsmodells.

Skalieren wiederum bezeichnet den Vorgang: Das funktionierende Modell wird vervielfältigt. Neue Märkte werden erschlossen, Vertrieb und Produktion ausgebaut, Mitarbeiter eingestellt, Prozesse standardisiert oder technologische Infrastruktur erweitert. Und erst daraus entsteht irgendwann das, was als Scale-up bezeichnet wird.

Doch auch dafür gibt es keine naturgegebene Schwelle. Die OECD bezeichnet beispielsweise Unternehmen mit mindestens zehn Beschäftigten als »Scaler«, wenn Beschäftigung oder Umsatz über drei Jahre durchschnittlich um mindestens zehn Prozent jährlich wachsen. Bei Wachstumsraten von mehr als 20 Prozent spricht sie von High-Growth Scalern.

Die neue EU-Empfehlung setzt wiederum andere Akzente. Ein innovatives Scale-up muss unter anderem mehr als zehn Millionen Euro Jahresumsatz oder Bilanzsumme erreichen und in den beiden vorangegangenen Jahren bei Mitarbeiterzahl oder Umsatz im annualisierten Durchschnitt um mehr als 20 Prozent gewachsen sein. Hinzu kommen weitere Kriterien zur Innovation, Eigenständigkeit und Unternehmensgröße beziehungsweise Börsennotierung.

Schon die unterschiedlichen Schwellen zeigen: Scale-up ist ebenso wenig ein natürlicher Aggregatzustand eines Unternehmens wie Start-up.

Es ist der Versuch, eine bestimmte Wachstumsdynamik in einen Begriff zu fassen.

Und wann wird daraus Mittelstand?

Spätestens hier führt die Vorstellung einer linearen Entwicklung endgültig in die Irre.

Denn »Mittelstand« ist nicht einfach die nächste Station nach dem Scale-up. Auch die häufig synonym verwendeten Begriffe »KMU« und »Mittelstand« meinen streng genommen nicht dasselbe.

Die Europäische Union definiert kleine und mittlere Unternehmen quantitativ. Ein KMU beschäftigt weniger als 250 Personen und erzielt höchstens 50 Millionen Euro Jahresumsatz oder weist eine Bilanzsumme von höchstens 43 Millionen Euro aus.

Innerhalb dieser Gruppe wird weiter unterschieden: Kleinstunternehmen beschäftigen weniger als zehn, kleine Unternehmen weniger als 50 Personen.

Der deutsche Mittelstandsbegriff geht darüber hinaus.

Für das Institut für Mittelstandsforschung Bonn ist vor allem die Verbindung von Eigentum und Leitung prägend. Unternehmer oder Unternehmerfamilie besitzen das Unternehmen und nehmen zugleich maßgeblichen Einfluss auf seine Führung. Deshalb können auch große Familienunternehmen zum Mittelstand gehören, obwohl sie die statistischen KMU-Grenzen längst überschritten haben.

Und damit wird die Sache endgültig hübsch kompliziert:

  • Ein acht Jahre altes Technologieunternehmen kann gleichzeitig Start-up und KMU sein.
  • Ein schnell wachsendes Unternehmen kann vom Start-up zum Scale-up werden und dennoch KMU bleiben.
  • Ein familiengeführtes Unternehmen kann Mittelständler sein, obwohl es kein KMU mehr ist.
  • Und ein Start-up wird nicht dadurch zum Mittelständler, dass irgendwann sein zehnter Geburtstag gefeiert wird.

SAP wäre heute vermutlich ein Parade-Start-up

Das vielleicht schönste Beispiel dafür liefert ausgerechnet ein Unternehmen, das heute kaum jemand mit dem Begriff Start-up verbinden würde.

Am 1. April 1972 gründeten fünf ehemalige IBM-Mitarbeiter die »SystemAnalyse Programmentwicklung«. Ihre Idee: standardisierte Unternehmenssoftware, die betriebliche Prozesse miteinander verbindet und Daten in Echtzeit verarbeitet.

SAP begann mit einem Kunden und einer Handvoll Mitarbeiter. Schon wenige Jahre später entstanden standardisierte Anwendungen für Finanzbuchhaltung, Rechnungsprüfung und Warenwirtschaft. 1980 beschäftigte SAP rund 80 Mitarbeiter und bezog das erste eigene Bürogebäude.

  • Jung.
  • Innovativ.
  • Technologiegetrieben.
  • Mit einem Produkt, das sich bei immer mehr Unternehmen einsetzen ließ.
  • Wachstumsfähig und skalierbar.

Würde SAP heute gegründet, fiele der Begriff Start-up vermutlich innerhalb der ersten drei Sätze. Nur hieß das 1972 noch nicht so.

Das zeigt, dass hinter dem modernen Start-up-Begriff keineswegs in jeder Hinsicht eine neue Form des Unternehmertums steckt. Menschen haben schon immer Unternehmen gegründet, neue Technologien entwickelt, Märkte geschaffen und Geschäftsmodelle vervielfältigt.

Verändert haben sich das Ökosystem darum herum, die Finanzierungsmöglichkeiten, die Geschwindigkeit und vor allem die Erwartung, Wachstum von Beginn an mitzudenken.

Wann ist ein Start-up also erwachsen?

Die unbefriedigende und gerade deshalb interessante Antwort lautet: 

Es gibt keinen einzelnen Moment.

  • Nicht der zehnte Geburtstag verwandelt ein Start-up über Nacht in etwas anderes.
  • Nicht die erste Million Umsatz.
  • Nicht der hundertste Mitarbeiter.
  • Nicht die erste Finanzierungsrunde.
  • Und auch nicht der Börsengang.

Ein Unternehmen kann seiner statistischen Start-up-Definition entwachsen sein und kulturell noch lange wie eines funktionieren. Es kann groß werden, ohne jemals besonders skalierbar gewesen zu sein. Es kann als KMU gelten und zugleich Start-up sein. Und es kann Mittelständler sein, obwohl es Tausende Menschen beschäftigt.

Vielleicht liegt das eigentliche Missverständnis deshalb schon in der Frage.

Ein Start-up ist nicht die Kindheit eines Unternehmens.

Es ist eine bestimmte Art, ein Unternehmen zu beginnen: mit Innovation, Unsicherheit, Wachstumsabsicht und der Hoffnung, aus einer Idee ein Geschäftsmodell zu machen, das größer werden kann als seine Ausgangsbedingungen.

Doch mit dem richtigen Begriff ist noch kein Unternehmen gegründet. Was braucht es überhaupt, damit aus einer Idee rechtlich ein Unternehmen wird – und warum macht es einen erheblichen Unterschied, ob dafür eine GmbH, eine UG oder eine Gesellschaft jenseits der deutschen Grenze gegründet wird?

Welche Rechtsform passt zur Idee, wie viel Kapital braucht es – und warum schauen Gründer dafür längst auch über Deutschlands Grenzen hinaus? 

Damit beschäftigt sich Teil zwei von Ein Wort zum Wording: 

Wie hebt man die Idee eigentlich am besten aus der Taufe?

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